Zwischentage

Weihnachten, Neujahr, Rauhnächte, zwischen den Jahren. Ich lebe immer noch dazwischen. Bin froh, dass das alte Jahr rum ist und mag das Neue noch nicht anfangen.

Das alte Jahr war ein schwieriges. Es begann mit Schmerzen und Krankheiten und hat sich nur unwesentlich verbessert. Beruflich kam auch einiges unschöne dazu, so dass das vorherrschende Gefühl fast durchgehend Müdigkeit und Erschöpfung hieß. Nicht schön zu merken, wie man so langsam verbittert wird.

Manche Krankheiten bekamen Namen und wurden so vertraut. Herr Hashimoto gehört jetzt zur Verwandtschaft. Ein wenig wie ein etwas anstrengender, alter Erbonkel, nur die Erbschaft habe ich schon jetzt bekommen. Andere Krankheiten, die in der Verwandtschaft auftauchen, werden auch mit Namen nicht ertragbar.

Die berufliche Erschöpfung macht mich menschenscheu, ich hatte keine Kraft mehr, auf Leute zuzugehen, dabei wäre es gerade jetzt so notwendig. Insofern trenne ich mich gerne vom alten Jahr. 2010 trauere ich nicht hinterher.

Allerdings, was das Neue Jahr bringt, ist sicher nicht besser. Kurz vor Weihnachten bekamen wir die Nachricht, dass meine Mutter schwer krank ist. Ohne wirkliche Hoffnung auf Besserung.

Dankbar bin ich aber dennoch. Zum einen über ein schönes Weihnachtsfest, das wir – im Wissen, dass es das letzte vollzählige in dieser Runde ist – dennoch oder gerade deswegen genießen konnten. Der Klabauter hat es übrigens noch zu uns geschafft, nach über 6 Stunden Fahrt auf verschneiten Autobahnen. Umso froher war ich darum. Über den Klabauter an meiner Seite. Auch wenn er die meiste Zeit weit weg ist, kriegen wir das ganz gut hin. 10 Jahre Fernbeziehung ist ja auch nicht ohne. Und darüber, dass wir, angesichts der beruflichen schwierigen Situation einigermaßen gut über die Runden gekommen sind.

Auch die Musik war mir dieses Jahr eine große Hilfe. Angeregt durch das Buch von Luise Reddemann über die Bachkantaten habe ich mir tatsächlich eine Komplettaufnahme der Bachkantaten gegönnt. (Ton Koopmann, falls es jemand interessiert) Und kann jetzt wahrscheinlich bis an mein Lebensende in Kantaten schwelgen. Ansonsten, neueste Entdeckung im nichtklassischen Bereich: Zaz. Einfach nur gut.

Und bloggen hilft, die Gedanken zu sammeln, den Blick zu weiten, über die eigenen Befindlichkeiten hinauszuschauen, Schönes zu entdecken. Auch wenn’s hier unregelmäßig weitergeht und auch wenn es schon längst ein Mono-blog statt ein Doppelblog geworden ist (ich weiß nicht mal, ob Leasa noch mitliest), es geht hier weiter.

Zwei Lektionen hat das Jahr bereit:

Es lohnt sich nicht, sich über Vergangenes zu ärgern und daran kleben zu bleiben. Nach vorne zu schauen, Kränkungen abschütteln und vorwärts zu gehen ist allemal besser. Man kann aus allen Situationen etwas lernen, aber man kann sie nicht mehr im Nachhinein ändern. Leider ist mühsam, wenn andere diese Lektionen nicht lernen wollen und einen selbst in diesen Sumpf mit herein ziehen. Rache ist kleingeistig und schlägt irgendwann auf einen selbst zurück, da bin ich mir sicher. Umso mehr ist es für mich eine Lektion, an der ich dran bleiben möchte. Das hilft gegen das Verbittern.

Die zweite Lektion für dieses Jahr ist das von Tag zu Tag leben, annehmen was kommt, genießen, was da ist. Notgedrungen müssen wir es „en famille“ lernen, aber so oder so ist es kein schlechtes Thema für das kommende Jahr.

So werden beide Lektionen zum Lebensmotto fürs nächste Jahr.

Der Neujahrswunsch des vergangenen Jahres war, „dass ich die Wurzel der Kraft in mir wahre“, diesem Wunsch habe ich auch für dieses kommende Jahr. Für mich und auch für andere.

Und so schließe ich mit dem immer wieder geliebten Biermann-Lied. Auf dass wir nicht verbittern und die Hoffnung behalten, egal was auch kommt. Das wünsche ich uns allen und ein hoffnungsvolles Neues Jahr!

Ermutigung
(Peter Huchel gewidmet)

Du, lass dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind brechen,
die allzu spitz sind stechen
und brechen ab sogleich.

Du. lass dich nicht verbittern
in dieser bittren Zeit.
Die Herrschenden erzittern –
sitzt du erst hinter Gittern –
doch nicht vor deinem Leid.

Du, lass dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das wollen sie bezwecken,
dass wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit.

Wir wolln es nicht verschweigen
in dieser Schweigenszeit.
Das Grün bricht aus den Zweigen,
wir wolln das allen zeigen,
dann wissen sie Bescheid.

(Wolf Biermann)

11 Antworten zu “Zwischentage

  1. Halt die Ohren steif, das kannst Du, weil Du alle Lektionen des Lebens annimmst. Aber lass Dich dadurch nicht in die Irre führen … nicht alles ist richtig, was man gerade gelernt hat … „DAS MORGEN“ kann ein anderes Ergebnis bringen.
    Mein Lebensmotto, was Dir auch helfen könnte, ist das Gedicht „Chagall“ von Eva Strittmatter: „… alles kann man, was man will …“, deswegen hab ich ihr nach ihrem Tod einen Artikel auf meiner Seite gewidmet, Verse von mir. http://bilderbuch2.wordpress.com/2011/01/05/gedenken-an-eva-strittmatter/

  2. Liebe Tine
    Dein rückblickender und vorausschauender Text ist für mich ein Quell des Trotzallem und der unverbrauchten Hoffnung. Und das Biermann-Poem eine wunderschöne Zusammenfassung davon.
    Ich wünsche dir von Herzen bestmögliche Lebensumstände und viele Wurzeln der Kraft und Freude für die ungewisse Zukunft.
    Zum Lesen werde ich gerne hierher kommen, es lohnt sich jedesmal sehr!

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

  3. Dieser Text berührt mich sehr – ich kann vieles davon gut nachvollziehen und manches sogar 1 zu 1 auf mich übertragen . Ich wünsche dir für dieses neue Jahr nur das Allerbeste und hoffe, dass es immer wieder mal Zeit gibt für einen Post hier – denn den Weg in meinen Blogroll hast du gefunden!

    viele liebe Grüße von Ellen

  4. Danke Euch allen! Euer Zuspruch bedeutet mir gerade sehr viel.
    Liebe Grüße, Tine

  5. Liebe Tine,
    in 45 m Höhenluft genießt man nur den Ausblick, niemals den freien Fall, OK ?

  6. Pingback: Für Tine, die Sachensucherin « bilderbuch

  7. klar!! Und wenn Du bei den Fotos schaust, siehst Du auch noch den Ausblick.

  8. danke für Deine Antwort, jetzt bin ich auch wieder besser drauf, nachdem die Erkältung langsam verschwindet … muss man eben Geduld haben, wie Du ja schon gesehen hast :
    https://bilderbuch2.wordpress.com/2011/01/19/frau-geduld/
    liebe Grüße
    Bilderbuch

  9. Dann alles Gute für dieses Jahr, auch wenn der erste Monat schon fast vorbei ist.

  10. Pingback: Du, lass Dich nicht verbittern | Doppelblog's Weblog

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