Osterkugeln statt Ostereier

 

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Ostersonntag waren wir beim Kugelmüller in Neidlingen. Kugelmüller? Ein unbekannter und seltener Beruf. In einer Kugelmühle werden Marmorblöcke zu Murmeln gemahlen, mit Hilfe von Wasserkraft. Das Wort Murmel kommt ja schließlich von Marmor.

Was sich zuerst einfach anhört: die vorbereiteten Rundlinge werden in eine Form gegeben und das Wasser dreht sie dann in rund 24 Stunden zu perfekt runden Kugeln. Aber natürlich hat der Kugelmüller davor und danach noch viel Arbeit mit den einzelnen Kugeln. Man kann ja nicht einfach Marmorwürfel in die Form packen und darauf warten, dass Kugeln daraus werden, die Rohlinge müssen schon vorher in eine kugelähnliche Form gebracht werden. Hier hat der Neidlinger Kugelmüller eine ganz eigene Methode entwickelt, die sehr viel zeitsparender ist als das bisherige Zurechtfeilen von Hand. Hinterher müssen die Kugeln natürlich noch poliert werden.

 

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hier zeigt der Kugelmüller Stefan Metzler die beiden Bestandteile einer Mühle

 photo neidlingen_24var.jpgSo sehen die Rohlinge aus

 photo neidlingen_27var.jpgund daraus werden dann – schön poliert – glänzende Marmorkugeln

Eine Kugelmühle war früher ein klassisches Nebenerwerbshandwerk, Bauern hatten eine Kugelmühle am Bach und nutzen dann wohl die langen Winterabende zur Herstellung von Marmorkugeln.

Stefan Metzler, der Neidlinger Kugelmüller betreibt diese Mühle seit 2005 neu. Es ist also keine alte Mühle aber eben ein uraltes Handwerk. Er wollte immer eine Kugelmühle haben und so musste er 14 Jahre warten, bis er einen Ort fand, an dem er das betreiben konnte (und ich vermute mal, dass ein Großteil der Zeit auch für das Erhalten der notwendigen Wasserrechte draufging). Heute kann man diese Kugelmühle immer sonntags und feiertags (außer am letzten Sonntag im Monat) besichtigen. Der Kugelmüller erzählt sehr anschaulich von der Mühle, von seiner Arbeit und von der Herkunft der verschiedenen Marmorarten. Er verwendet vor allem heimischen Marmor. Auf der Schwäbischen Alb gibt es natürlich eine Menge unterschiedlicher Arten.

Die Kugelmühle ist sehr klein, sowohl die Anlage am Bach als auch die Werkstatt. Aber Herr Metzler kann erzählen, ohne Punkt und Komma, mit einer Begeisterung für seine Arbeit. Man könnte Stunden dort zubringen.

Er berichtet beispielsweise, dass die Kugeln im Sommer länger brauchen wie im Winter. Auch nachts geht es schneller. Wieso nur? Ganz einfach, weil das Wasser kälter ist – und somit schwerer. Jeder von uns weiß noch, dass Wasser die größte Dichte bei 4 Grad hat, nur wissen wir keine praktische Anwendung dazu. Dies ist einer von vielen Stückchen “nutzlosen Wissens”, die wir seit der Schule mit uns rumtragen. Aber auf einmal ergibt es einen Sinn.

Und dann die Murmeln, in allen Farben schillernd. Zu mir sprechen ja Steine nicht, ich kann nur sagen: „alles so schön bunt hier.“ Aber wenn sich jemand wirklich gut mit der Geologie auskennt und erzählt, so finde ich das höchst spannend. Stefan Metzler kann zu jeder einzelnen Kugel etwas sagen, woher sie kommt, aus welchem Marmor, weshalb er genau diese Farbe hat. Spannend sind Einschlüsse, z.b. aus Bergkristall, da kann man mit der Taschenlampe durchleuchten. Eine schwarze Kugel hatte einen Einschluss in Form eines weißen Halbmondes. Das ist eine Muschelschale, die Schwäbische Alb war ja mal ein Meer und Erkenbrechtsweiler eine Lagune. Da lag dann schon so einiges herum. Man kann da wirklich stundenlang zuhören – oder sich seine ganz besonders schöne Kugel aussuchen. Fotografiert habe ich fast nichts, ich war so gebannt.

Kaufen kann man die Kugeln natürlich auch, davon lebt ein Kugelmüller schließlich. Man muss sich nur entscheiden können, welche die schönsten sind. Und kaufen kann man auch die Marmorsteinen, aus denen die Bohrkerne gebohrt wurden. Als Pflanzsteine für den Garten. Kaufen kann man auch den Marmorstaub, den kann man als Dünger im Garten gebrauchen. Es wird also auf gut schwäbisch alles verwertet.

 photo neidlingen_16var.jpghier im Seebach sitzen die Mühlen

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Das Wort Murmeln kommt von Marmor, Marmormurmeln wurden seit dem Mittelalter vor allem in Deutschland hergestellt und in alle Welt exportiert. Hier waren wir schon im Mittelalter „Exportweltmeister“. Heute gibt es ja vor allem Glasmurmeln aus China. Übrigens wurden auch die Glasmurmeln in Deutschland, genauer gesagt in Lauscha in Thüringen erfunden, aber das ist schon wieder eine eigene Geschichte.

Steinkugeln wurden früher natürlich auch als Munition gebraucht, beispielsweise auf Schiffen oder für Katapulte.

Die Kugelmühle lohnt einen Besuch, schon wegen der Erzählungen des Kugelmüllers. Anschließend kann man einen Kaffee in der Alten Kass in Neidlingen trinken oder das Ganze mit einem Besuch der Ruine Reussenstein, den Neidlinger Wasserfällen oder auch mit dem Beurener Freilichtmuseum kombinieren.

Heute gibt es im deutschsprachigen Raum nur noch eine Handvoll Kugelmühlen, umso schöner, dass man hier dieses alte Handwerk noch besichtigen kann.

5 Bücher

Cloudette hat nach 5 Büchern gefragt. Nicht DIE fünf Bücher, sondern welche 5 Bücher ich als nächstes lesen werde. Ich könnte es mir nun einfach machen und Bücher über Zünfte, Technik, Stadtgeschichte, Industrialisierung oder Frauen und Gewerbe (spannend: »Was nützt die Schusterin dem Schmied?«: Frauen und Handwerk vor der Industrialisierung) nennen. Das zählt aber nicht, das ist Arbeit, wenn auch ein angenehmer Teil .

Also schauen wir mal: Romane kaufe ich eigentlich nicht mehr, meist leihe ich sie aus. Ich habe bei Amazon eine Leseliste, das ist schon sehr praktisch. Wenn ich dann welche kaufe sind es meist ausgeliehene Bücher, die ich so gut fand, dass ich sie haben mag. Oder ich verschenke sie an andere. Gekauft wird fast immer übers Internet aber an die örtliche Buchhandlung geliefert. Also schaue ich mal auf die Leseliste:

Das erste wird Hilary Mantels „Wölfe“, der zweite Teil ihrer Thomas Cromwell Trilogie sein. Ganz einfach, weil ich dies aus der Bücherei schon hier habe und an Weihnachten den ersten Teil „Falken“ gelesen habe. Mantel schreibt ganz andere historische Romane. Ein wenig sperrig aber lesenswert. Nachdem ich vom immer gleichen Strickmuster der historischen Romane sehr genervt bin (ganz wichtig: nur echt mit einer weiblichen Berufsbezeichnung auf dem Titel, immer irgendwie eine „starken Frau“ als Heldin ob es passt oder nicht und immer schlecht recherchiert) ist dieser Roman wohltuend anders. Überhaupt, die Geschichte ist bekannt, Heinrich VIII und seine Frauen – und hinterher sind die meisten tot, aber hier wird es aus einer ganz anderen Perspektive gezeigt.

Auch das zweite habe ich schon ausgeliehen: Barbara Beuys, „Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich: 1900-1914“ . Ein Zufallsfund, Barbara Beuys ist eigentlich immer lesenswert. Ihre Bücher über Hildegard von Bingen und über Paula Modersohn-Becker mochte ich sehr.

Zum dritten kann ich nicht viel sagen, nur dass es Frau Kaltmamsell empfohlen hat, das kann nicht schlecht sein: Naomi Aldermann “Ungehorsam

Das vierte ist “Sie dreht sich um“ von Angelika Overath. Von Overath hat mir „Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch“ gut gefallen. Deswegen mag ich gerne mehr von ihr lesen. Umso gespannter bin ich auf „Sie dreht sich um.“ Es geht um Menschen, genauer gesagt um eine verlassene Frau und um Kunst, genauer gesagt um weibliche Rückenfiguren in der Kunst. Ich bin gespannt.

Beim fünften Buch wird die Auswahl schwierig, auf der Liste sind noch viele Bücher. Es könnte beispielsweise Der perfekte Schweinsbraten“ von Satu Taskinen sein. Ich weiß nicht mehr, wer mit das empfohlen hat aber es klingt sehr schräg. ich werde es wohl lieben oder hassen. Dies kennen allerdings die Büchereien meines Vertrauens nicht. Insofern eher: “Der Distelfink “von Donna Tartt. “Die geheime Geschichte” war eines der ersten Bücher, die ich auf Englisch gelesen habe, insofern wäre das ein guter Anlass mal wieder etwas auf Englisch zu probieren.

Wer auch über seine Bücherpläne berichten mag, darf gerne mitmachen. Vielleicht Liisa? Ingrid? Lakritze? Karu? Monalisa? oder wer auch immer mag.

 

 

Osterhasen

Osterhasen

schmecken lecker – trotz Käfighaltung

Frohe Ostern

Elli Michler

Das Internet ist praktisch. So schnell gesucht, so schnell gefunden. Manchmal auch zu schnell. Schnell und gründlich verbreiten sich auch Fehler. Auch ich habe zu schnell und nicht gründlich genug recherchiert.  So wies mich jetzt Frau Barbara Michler zurecht darauf hin, dass ich, wie leider so viele, ein Morgenstern-Gedicht mit einem Gedicht ihrer Mutter vermischt habe. Konkret geht es um diese beiden Gedichte:

Ich wünsche dir fürs neue Jahr
das große Glück in kleinen Dosen.
Das alte läßt sich ohnehin
nicht über Nacht verstoßen.

Was du in ihm begonnen hast
mit Mut und rechter Müh’,
das bleibt dir auch noch Glück und Last
in neuer Szenerie.

Erwarte nicht vom ersten Tag
des neuen Jahres gleich zuviel!
Du weißt nicht, wie er’s treiben mag,
es bleibt beim alten Spiel.

Ob gute Zeit, ob schlechte Zeit,
wie sie von Gott gegeben,
so nimm sie an und steh bereit
und mach daraus dein Leben !

Elli Michler

Aus: Elli Michler: Dir zugedacht © Don Bosco Verlag, München

***

Schicksalsspruch

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.
Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut;
ein Blinzeln – der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick – des Erdballs Werden und Verglut.

Christian Morgenstern

Aus beiden wurde im Internet eine Fassung und die verbreitet sich nun unter dem Namen Morgenstern. So wollte ich die falsche Fassung nicht einfach nur stillschweigend ändern sondern das hier auch wirklich richtig stellen. Gedichte zum neuen Jahr kann man eh immer lesen, denn ist nicht jeder neue Tag wieder wie ein Beginn?

Ich muss zugeben, den Namen Elli Michler kannte ich tatsächlich nicht. Umso erstaunter war ich, als ich merkte, ich kenne tatsächlich Gedichte von ihr. „Ich wünsche Dir Zeit“ ist sicher das bekannteste, aber auch „4 Kerzen“ ist sehr bekannt. Umso wichtiger ist es, die Autorin dieser Zeilen tatsächlich zu nennen und an sie zu erinnern.

Elli Michler ist 1923 in Würzburg geboren, sie kam erst spät dazu, Gedichte zu schreiben. „Da sich Elli Michler durch ihr Schreiben niemals nur schöngeistig betätigen wollte, sondern ihre Gedichte auch gegen die um sich greifende Sinnkrise in den Dienst der Lebenshilfe zu stellen gedachte, ergab sich für sie die Form der Wünsche wie selbstverständlich als Thema.“ schreibt mir ihre Tochter. Seit 1987 sind ihre Gedichte im Don Bosco Verlag erschienen, in immer wieder neuen Auflagen. Von ihrer ersten Wunschgedicht-Sammlung „Dir zugedacht“ gibt es nun schon 22 Auflagen. „Sie konnte das Einzigartige und Besondere im Alltäglichen erkennen und Worte dafür finden.“ schreibt ihr Verlag.

Elli Michler starb am 18.11.2014 aber ihre Gedichte leben weiter. Ihre Gedichtbücher gibt es in großer Zahl beim Don Bosco Verlag weiterhin in immer neuen Aufmachungen zu kaufen. Sie eignen sich sehr als Geschenkbücher. Das Gedicht “Ich wünsche Dir Zeit” ist auch schon mehrmals vertont worden. Auch eine Autobiografie gibt es (“Ich träum noch einmal vom Beginnen”), die werde ich sicher noch irgendwann lesen.

Zum Schluss möchte ich hier noch auf die schöne Seite von Mari zu Elli Michler hinweisen.  Ich bedanke mich bei Frau Barbara Michler für ihren Hinweis und freue mich, dass auf diese Weise eine Autorin etwas bekannter gemacht werden kann.

 

 

 

 

Nachrichten-Hektik

Manchmal hat es auch Vorteile, wenn man beruflich so eingespannt ist. Die letzte Woche bestand praktisch nur aus Arbeiten, Arbeiten, Schlafen, Essen. Nicht viel Zeit für Nachrichten. Und ganz ehrlich, dies war sehr gut. Es ist schlimm genug, was passiert ist, deswegen reicht es, ab und zu im Radio die Nachrichten zu hören. Kein Fernsehen, keine Bilder von der Absturzstelle, keine News-Blogs mit alle zwei Minuten etwas Neuem – was doch nur eine Vermutung ist, keine Brennpunkte, die 5 Minuten Information auf eine Stunde aufblähen, keine Talkshows, keine Experteninterviews, keine Bildzeitungsschlagzeilen. Keine Diskussionen, wer „richtig“ und angemessen trauert. Vor allem keine Talk-Shows. Keine Talk-Shows.

Die Informationen bekommt man immer noch rechtzeitig. Mutmaßungen und Vorverurteilungen bekommt man so immer noch mit, aber es hält sich im Rahmen.

Es war eine gute Entscheidung. Und dies habe ich mir fest vorgenommen, bei allen kommenden Katastrophen werde ich es genauso handhaben.

Dies hat nichts mit Verweigerung zu tun aber mit Nachdenken, wie viel Informationen ich möchte und wann. Es ist jetzt einfach, auf die Medien zu schimpfen, wir treiben sie ja mit unserem Medien-Verhalten genauso dazu, immer noch schneller, noch emotionaler zu berichten. Ich will keine Bilder von trauernden Kindern schauen, wenn ich mir dabei klar mache, dass um diese Kinder herum 100 Fotografen stehen. Ich will keine schnellen Experten-Einschätzungen. Ich will auch keine schnellen Maßnahmen, mir ist es lieber, man denkt über Maßnahmen nach, wenn ein wenig zeitlicher Abstand auch Luft zum Denken lässt.

Bei jeder Katastrophe gilt: Wenn wir schnelle Lösungen fordern bekommen wir auch schnelle, unüberlegte Lösungen. Und Antworten auf die Fragen, weshalb eine solche Katastrophe passiert, bekommen wir auch nicht in den ersten Tagen und Stunden.

Vielleicht bekommen wir sie nie, das macht uns ja so verzweifelt. Wir müssen es aushalten, dass es auf Vieles keine Antworten gibt. Das ist schwer. Aber das Schwere versuchen auszuhalten ist besser als uns durch Pseudo-Informationen davon abzulenken. Ich hoffe, ich weiß dies auch noch bei der nächsten Katastrophe.

 

Ich möchte keine Rose

Zum Frauentag werden wieder Rosen an die Frauen verteilt. Ich möchte  keine Rose bekommen. Rosen sind Beschwichtigungen, die über den ganz banalen Alltag wegtäuschen sollen. Ein Zuckerle fürs Kind. Ein Zuckerguss für diesen Tag, der darüber wegtäuschen soll, was jeden Tag schiefläuft.

Ich will nicht, dass Werber diesen Tag okkupieren. “Zelebrieren Sie Ihre Weiblichkeit” – was anderes fällt Euch nicht ein? Einkaufen für die Gleichberechtigung der Frauen? Im Ernst? Meine Herausforderungen sind auch nicht “Beruf, BH und Bügelbrett”.

Überhaupt will ich auch nicht mehr hören: “Mach doch was aus Dir!” und damit ist gemeint, “sei doch mal weiblicher!” Ich will mir auch nicht mehr vorschreiben lassen, ob und wie ich mich schminke, ob ich mich “weiblich” genug kleide oder nicht. Und dies vor allem nicht von anderen Frauen.

Ich will nicht mehr mit Kollegen über ein Thema diskutieren, wichtigen Input geben und anschließend vom Kollegen im Gespräch mit anderen hören: ICH habe mir überlegt…

Ich möchte nicht mehr gegenüber einem älteren Kollegen eine Bemerkung machen, dass ich eine Bemerkung von ihm gegenüber Frauen unpassend finde und anschließend 10 Besprechungen hintereinander immer und immer wieder gezielt Spitzen gegen Frauen zu hören – mit Blick auf mich. Falls ich nicht reagiere, wird nochmals nachgehakt.

Ich will nicht mehr auf Rosa, Shopping, Schuhe und Diäten reduziert werden. Ich finde Shoppen furchtbar. Ich interessiere mich für Kunst und Geschichte und Städte und Fotografie und vieles mehr. Eine andere Frau für Technik und Backen. Die nächste für Stricken, Astrophysik und Literatur.

Ich habe kein Problem, über Klischees zu lachen. Aber das Lachen bleibt mir oft im Hals stecken, weil nichts darüber hinaus kommt.

Ich will nicht mehr für ehrenamtliches Engagement einen Blumenstrauß bekommen und der Kollege eine Flasche Wein. Ich würde mich viel mehr über die Flasche Wein freuen. Aber dann müsste man ja nachdenken, was man verschenkt.

Ich will nicht mehr im Beruf, in Vereinen und im Ehrenamt ständig Rücksicht nehmen müssen auf die “Ehrenkäsigkeit” von älteren Männern, meist mit Doktortitel. Und gleichzeitig hören, wir Frauen sollen uns nicht so anstellen, wenn wir uns beklagen sind wir “hysterisch”.

Ich will nicht mehr von Frauen hören, “eigentlich bin ich ja keine Feministin, aber…” Es gibt nicht den Feminismus und ohne Feminismus ändert sich nichts.

Ich will nicht mehr sehen müssen, wie Ehepaare im Bekanntenkreis ihren Ruhestand organisieren. Er hört auf mit seiner Arbeit, stürzt sich danach ins Ehrenamt. Für sie gibt es keinen Ruhestand, sie führt weiter den Haushalt, kocht, putzt, kauft ein, bettelt um Taschengeld, hält ihm den Rücken frei. Er bekommt dann Ehrenmedaillen und Urkunden für seine Tätigkeiten. Sie nicht.

Ich will nicht mehr am Telefon für die Sekretärin gehalten werden und gefragt werden ob denn DER Geschäftsführer da ist.

Ich mag nicht mehr, dass sich in Büroküchen selbstverständlich die Frauen um die Spülmaschinen kümmern. Es ist kein böser Wille, aber viele Männer sehen einfach nicht, was anfällt.

Ich will lieber einen vernünftigen Alltag als Rosen. Ich will keine Beschwichtigungen mehr. Ich habe einfach genug davon. Ich möchte wahrgenommen werden. Ich möchte, dass die Arbeit der Frauen wahrgenommen wird.

Ich rede hier nur von ganz alltäglichen Begebenheiten, nicht von strukturellen Benachteiligungen, nicht von unterschiedlichen Bezahlungen, von gläsernen Decken, von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Hebammen, von Sexismus, von sexueller Belästigung usw. Da gäbe es viel zu sagen. Ich zähle hier nur die ganz alltäglichen und unspektakulären Ereignisse der letzten Wochen auf. Alle sind einzeln überhaupt nicht dramatisch aber es reicht mir.

Ich möchte keine Rosen, ich möchte ernstgenommen werden.

Die Zeiten ändern sich

„Für den Ritter ebenso wie für den männlichen Adel hingegen galt nur das Reiten zu Pferde als standesgemäß. Sich auf Rädern befördern zu lassen, wurde für Männer sozial erst dann akzeptabel, als reich dekorierte, elegante Kutschen, ausgehend von Italien, um 1600 zum Statussymbol städtischer Oberschichten wurden. “

Technik im Mittelalter, Marcus Popplow, S. 60