Elli Michler

Das Internet ist praktisch. So schnell gesucht, so schnell gefunden. Manchmal auch zu schnell. Schnell und gründlich verbreiten sich auch Fehler. Auch ich habe zu schnell und nicht gründlich genug recherchiert.  So wies mich jetzt Frau Barbara Michler zurecht darauf hin, dass ich, wie leider so viele, ein Morgenstern-Gedicht mit einem Gedicht ihrer Mutter vermischt habe. Konkret geht es um diese beiden Gedichte:

Ich wünsche dir fürs neue Jahr
das große Glück in kleinen Dosen.
Das alte läßt sich ohnehin
nicht über Nacht verstoßen.

Was du in ihm begonnen hast
mit Mut und rechter Müh’,
das bleibt dir auch noch Glück und Last
in neuer Szenerie.

Erwarte nicht vom ersten Tag
des neuen Jahres gleich zuviel!
Du weißt nicht, wie er’s treiben mag,
es bleibt beim alten Spiel.

Ob gute Zeit, ob schlechte Zeit,
wie sie von Gott gegeben,
so nimm sie an und steh bereit
und mach daraus dein Leben !

Elli Michler

Aus: Elli Michler: Dir zugedacht © Don Bosco Verlag, München

***

Schicksalsspruch

Unhemmbar rinnt und reißt der Strom der Zeit,
in dem wir gleich verstreuten Blumen schwimmen,
unhemmbar braust und fegt der Sturm der Zeit,
wir riefen kaum, verweht sind unsre Stimmen.
Ein kurzer Augenaufschlag ist der Mensch,
den ewige Kraft auf ihre Werke tut;
ein Blinzeln – der Geschlechter lange Reihn,
ein Blick – des Erdballs Werden und Verglut.

Christian Morgenstern

Aus beiden wurde im Internet eine Fassung und die verbreitet sich nun unter dem Namen Morgenstern. So wollte ich die falsche Fassung nicht einfach nur stillschweigend ändern sondern das hier auch wirklich richtig stellen. Gedichte zum neuen Jahr kann man eh immer lesen, denn ist nicht jeder neue Tag wieder wie ein Beginn?

Ich muss zugeben, den Namen Elli Michler kannte ich tatsächlich nicht. Umso erstaunter war ich, als ich merkte, ich kenne tatsächlich Gedichte von ihr. „Ich wünsche Dir Zeit“ ist sicher das bekannteste, aber auch „4 Kerzen“ ist sehr bekannt. Umso wichtiger ist es, die Autorin dieser Zeilen tatsächlich zu nennen und an sie zu erinnern.

Elli Michler ist 1923 in Würzburg geboren, sie kam erst spät dazu, Gedichte zu schreiben. „Da sich Elli Michler durch ihr Schreiben niemals nur schöngeistig betätigen wollte, sondern ihre Gedichte auch gegen die um sich greifende Sinnkrise in den Dienst der Lebenshilfe zu stellen gedachte, ergab sich für sie die Form der Wünsche wie selbstverständlich als Thema.“ schreibt mir ihre Tochter. Seit 1987 sind ihre Gedichte im Don Bosco Verlag erschienen, in immer wieder neuen Auflagen. Von ihrer ersten Wunschgedicht-Sammlung „Dir zugedacht“ gibt es nun schon 22 Auflagen. „Sie konnte das Einzigartige und Besondere im Alltäglichen erkennen und Worte dafür finden.“ schreibt ihr Verlag.

Elli Michler starb am 18.11.2014 aber ihre Gedichte leben weiter. Ihre Gedichtbücher gibt es in großer Zahl beim Don Bosco Verlag weiterhin in immer neuen Aufmachungen zu kaufen. Sie eignen sich sehr als Geschenkbücher. Das Gedicht “Ich wünsche Dir Zeit” ist auch schon mehrmals vertont worden. Auch eine Autobiografie gibt es (“Ich träum noch einmal vom Beginnen”), die werde ich sicher noch irgendwann lesen.

Zum Schluss möchte ich hier noch auf die schöne Seite von Mari zu Elli Michler hinweisen.  Ich bedanke mich bei Frau Barbara Michler für ihren Hinweis und freue mich, dass auf diese Weise eine Autorin etwas bekannter gemacht werden kann.

 

 

 

 

Nachrichten-Hektik

Manchmal hat es auch Vorteile, wenn man beruflich so eingespannt ist. Die letzte Woche bestand praktisch nur aus Arbeiten, Arbeiten, Schlafen, Essen. Nicht viel Zeit für Nachrichten. Und ganz ehrlich, dies war sehr gut. Es ist schlimm genug, was passiert ist, deswegen reicht es, ab und zu im Radio die Nachrichten zu hören. Kein Fernsehen, keine Bilder von der Absturzstelle, keine News-Blogs mit alle zwei Minuten etwas Neuem – was doch nur eine Vermutung ist, keine Brennpunkte, die 5 Minuten Information auf eine Stunde aufblähen, keine Talkshows, keine Experteninterviews, keine Bildzeitungsschlagzeilen. Keine Diskussionen, wer „richtig“ und angemessen trauert. Vor allem keine Talk-Shows. Keine Talk-Shows.

Die Informationen bekommt man immer noch rechtzeitig. Mutmaßungen und Vorverurteilungen bekommt man so immer noch mit, aber es hält sich im Rahmen.

Es war eine gute Entscheidung. Und dies habe ich mir fest vorgenommen, bei allen kommenden Katastrophen werde ich es genauso handhaben.

Dies hat nichts mit Verweigerung zu tun aber mit Nachdenken, wie viel Informationen ich möchte und wann. Es ist jetzt einfach, auf die Medien zu schimpfen, wir treiben sie ja mit unserem Medien-Verhalten genauso dazu, immer noch schneller, noch emotionaler zu berichten. Ich will keine Bilder von trauernden Kindern schauen, wenn ich mir dabei klar mache, dass um diese Kinder herum 100 Fotografen stehen. Ich will keine schnellen Experten-Einschätzungen. Ich will auch keine schnellen Maßnahmen, mir ist es lieber, man denkt über Maßnahmen nach, wenn ein wenig zeitlicher Abstand auch Luft zum Denken lässt.

Bei jeder Katastrophe gilt: Wenn wir schnelle Lösungen fordern bekommen wir auch schnelle, unüberlegte Lösungen. Und Antworten auf die Fragen, weshalb eine solche Katastrophe passiert, bekommen wir auch nicht in den ersten Tagen und Stunden.

Vielleicht bekommen wir sie nie, das macht uns ja so verzweifelt. Wir müssen es aushalten, dass es auf Vieles keine Antworten gibt. Das ist schwer. Aber das Schwere versuchen auszuhalten ist besser als uns durch Pseudo-Informationen davon abzulenken. Ich hoffe, ich weiß dies auch noch bei der nächsten Katastrophe.

 

Ich möchte keine Rose

Zum Frauentag werden wieder Rosen an die Frauen verteilt. Ich möchte  keine Rose bekommen. Rosen sind Beschwichtigungen, die über den ganz banalen Alltag wegtäuschen sollen. Ein Zuckerle fürs Kind. Ein Zuckerguss für diesen Tag, der darüber wegtäuschen soll, was jeden Tag schiefläuft.

Ich will nicht, dass Werber diesen Tag okkupieren. “Zelebrieren Sie Ihre Weiblichkeit” – was anderes fällt Euch nicht ein? Einkaufen für die Gleichberechtigung der Frauen? Im Ernst? Meine Herausforderungen sind auch nicht “Beruf, BH und Bügelbrett”.

Überhaupt will ich auch nicht mehr hören: “Mach doch was aus Dir!” und damit ist gemeint, “sei doch mal weiblicher!” Ich will mir auch nicht mehr vorschreiben lassen, ob und wie ich mich schminke, ob ich mich “weiblich” genug kleide oder nicht. Und dies vor allem nicht von anderen Frauen.

Ich will nicht mehr mit Kollegen über ein Thema diskutieren, wichtigen Input geben und anschließend vom Kollegen im Gespräch mit anderen hören: ICH habe mir überlegt…

Ich möchte nicht mehr gegenüber einem älteren Kollegen eine Bemerkung machen, dass ich eine Bemerkung von ihm gegenüber Frauen unpassend finde und anschließend 10 Besprechungen hintereinander immer und immer wieder gezielt Spitzen gegen Frauen zu hören – mit Blick auf mich. Falls ich nicht reagiere, wird nochmals nachgehakt.

Ich will nicht mehr auf Rosa, Shopping, Schuhe und Diäten reduziert werden. Ich finde Shoppen furchtbar. Ich interessiere mich für Kunst und Geschichte und Städte und Fotografie und vieles mehr. Eine andere Frau für Technik und Backen. Die nächste für Stricken, Astrophysik und Literatur.

Ich habe kein Problem, über Klischees zu lachen. Aber das Lachen bleibt mir oft im Hals stecken, weil nichts darüber hinaus kommt.

Ich will nicht mehr für ehrenamtliches Engagement einen Blumenstrauß bekommen und der Kollege eine Flasche Wein. Ich würde mich viel mehr über die Flasche Wein freuen. Aber dann müsste man ja nachdenken, was man verschenkt.

Ich will nicht mehr im Beruf, in Vereinen und im Ehrenamt ständig Rücksicht nehmen müssen auf die “Ehrenkäsigkeit” von älteren Männern, meist mit Doktortitel. Und gleichzeitig hören, wir Frauen sollen uns nicht so anstellen, wenn wir uns beklagen sind wir “hysterisch”.

Ich will nicht mehr von Frauen hören, “eigentlich bin ich ja keine Feministin, aber…” Es gibt nicht den Feminismus und ohne Feminismus ändert sich nichts.

Ich will nicht mehr sehen müssen, wie Ehepaare im Bekanntenkreis ihren Ruhestand organisieren. Er hört auf mit seiner Arbeit, stürzt sich danach ins Ehrenamt. Für sie gibt es keinen Ruhestand, sie führt weiter den Haushalt, kocht, putzt, kauft ein, bettelt um Taschengeld, hält ihm den Rücken frei. Er bekommt dann Ehrenmedaillen und Urkunden für seine Tätigkeiten. Sie nicht.

Ich will nicht mehr am Telefon für die Sekretärin gehalten werden und gefragt werden ob denn DER Geschäftsführer da ist.

Ich mag nicht mehr, dass sich in Büroküchen selbstverständlich die Frauen um die Spülmaschinen kümmern. Es ist kein böser Wille, aber viele Männer sehen einfach nicht, was anfällt.

Ich will lieber einen vernünftigen Alltag als Rosen. Ich will keine Beschwichtigungen mehr. Ich habe einfach genug davon. Ich möchte wahrgenommen werden. Ich möchte, dass die Arbeit der Frauen wahrgenommen wird.

Ich rede hier nur von ganz alltäglichen Begebenheiten, nicht von strukturellen Benachteiligungen, nicht von unterschiedlichen Bezahlungen, von gläsernen Decken, von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Hebammen, von Sexismus, von sexueller Belästigung usw. Da gäbe es viel zu sagen. Ich zähle hier nur die ganz alltäglichen und unspektakulären Ereignisse der letzten Wochen auf. Alle sind einzeln überhaupt nicht dramatisch aber es reicht mir.

Ich möchte keine Rosen, ich möchte ernstgenommen werden.

Die Zeiten ändern sich

„Für den Ritter ebenso wie für den männlichen Adel hingegen galt nur das Reiten zu Pferde als standesgemäß. Sich auf Rädern befördern zu lassen, wurde für Männer sozial erst dann akzeptabel, als reich dekorierte, elegante Kutschen, ausgehend von Italien, um 1600 zum Statussymbol städtischer Oberschichten wurden. “

Technik im Mittelalter, Marcus Popplow, S. 60

ein verlässliches Jahr

die Zeit läuft

Der Jubel über den Jahreswechsel ist auch ziemlich banal – schließlich kommt ein neues Jahr jedes Jahr wieder. Jahre sind eine ziemlich solide Ware. Sie werden pünktlich geliefert, und jedes hält, was es verspricht: Genau ein Jahr, keine Sekunde mehr, aber auch keine Sekunde weniger. Wie in alten handwerklich-frühkapitalistischen Zeiten.

Gabriel Laub

 

In diesem Sinne wünsche ich ein verlässliches, schönes und frohes neues Jahr!

Adventsblicke, 24. Dezember

24. Tür

24. Tür: Gott wird Mensch

Zum Abschluss nur noch eine kleine Geschichte, hier lohnt es, dem Link zur folgen.

In den Kirchen stehen auch Krippendarstellungen. Meist sind es ja heutige Krippen, die nur zur Weihnachtszeit aufgestellt werden und nur eine Zeitlang in der Kirche sind. Aber auch bei den Glasfenstern findet man immer wieder eine Darstellung der Geburt Jesu, in der Esslinger Frauenkirche passenderweise im Marienfenster:

 photo frauenkircheesslingen.jpg

Immer dabei sind Ochs und Esel, keine Krippendarstellung ist ohne denkbar. Interessanterweise zeigt schon die älteste bekannte Geburtsdarstellung aus dem 5. Jahrhundert (ein Elfenbeintäfelchen, heute in Nevers in Südfrankreich zu sehen) das Jesuskind in der Krippe mit Ochs und Esel –  noch ohne Josef und Maria. Aber in der klassischen Weihnachtsgeschichte nach Lukas kommen Ochs und Esel doch gar nicht vor?

In den apokryphen Evangelien kommen sie aber tatsächlich vor. Zum einen soll natürlich der Stall damit symbolisiert werden, zum anderen wird Bezug genommen auf das Wort von Jesaja:
“Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.”
Jes 1,3

Eine sehr interessante Darstellung ist im Schmiedefenster des Freiburger Münster zu sehen. Hier ist die ganze Szene sehr menschlich dargestellt. Der Ochse frisst Stroh, erwischt dabei die Windel Jesu und zieht so das Jesuskind aus der Krippe heraus. Josef muss einschreiten und haut dem Ochsen mit einem Stock auf die Nase und Maria versucht das Kind aufzufangen. Eine Szene, fast wie aus dem echten Leben! Diese Darstellung bringt das Thema auf den Punkt: Gott wird Mensch.

Und mit dieser Darstellung wünsche ich Frohe Weihnachten und Frohe Feiertage!

Adventsblicke, 23. Tag

23. Tür

22. Tür: Kirche sind wir alle

“Die sichtbare Kirche ist ein Symbol für die unsichtbare Kirche”.

Der Adventskalender neigt sich dem Ende zu. Zu Kirchen gäbe es noch viel zu sagen, aber das war ja eh klar, dass so ein Adventskalender nur kleine Türchen öffnet und dass es noch viel zu entdecken gibt. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen, mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht, vielleicht gibt es sogar irgendwann noch eine Ergänzung, das Thema gibt ja noch genügend her.

Vielleicht schauen wir gegen Ende noch mal auf die Sprache. Das Wort Kirche hat ja eine doppelte Bedeutung. Es bedeutet zum einen das Gebäude aber auch die Gemeinschaft der Gläubigen:

“Das griechische Wort „ekklesia“, das für gewöhnlich mit „Kirche“ übersetzt wird, bezeichnete im frühen Christentum eine Menschengruppe, nämlich die Gemeinde der Gläubigen, und nicht einen neuen Typ von Sakralgebäuden. Es entspricht damit dem griechischen Wort „Synagoge“, das ursprünglich ebenfalls die „Zusammenkunft“, also die Verrsammlung der Frommen , bezeichnete und keine Name für eine Art von Gotteshaus war.”
Gottes Häuser, Johann Hinrich Claussen

Und vielleicht ist das, bei aller Entdeckerfreude, was in den Gebäuden steckt, die wichtigste Botschaft. Die Kirchen wurden von Menschen erbaut für andere Menschen. Kirche und Menschen gehören zusammen, die Kirche ist nichts ohne ihre Menschen. “Die” Kirche gibt es nicht, wir sind alle Teil der Kirche.

***

Die Kirchen
sind nicht nützlich, nicht praktisch,
verlangen nicht nach unmittelbarer Aktion
und erfordern keine schnelle Antwort.
Sie sind Räume ohne laute Geräusche,
ungezügelte Bewegungen oder ungeduldige Gesten.

Sie sind stille Räume,
die meiste Zeit seltsam leer.
Sie sprechen eine andere Sprache
als die Welt um sie herum.
Sie möchten kein Museum sein.
Sie möchten uns einladen,
still zu sein,
zu sitzen oder zu knien,
aufmerksam zu hören
und mit unserem ganzen Wesen
auszuruhen.

Eine Stadt ohne
sorgsam gehütete leere Räume,
in denen die Stille, aus der alle Worte
erwachsen, zu spüren ist,
die Stille, die zu Taten ermuntert,
eine solche Stadt ist in Gefahr,
ihren wahren Mittelpunkt zu verlieren.

Henri J. M. Nouwen