ein verlässliches Jahr

die Zeit läuft

Der Jubel über den Jahreswechsel ist auch ziemlich banal – schließlich kommt ein neues Jahr jedes Jahr wieder. Jahre sind eine ziemlich solide Ware. Sie werden pünktlich geliefert, und jedes hält, was es verspricht: Genau ein Jahr, keine Sekunde mehr, aber auch keine Sekunde weniger. Wie in alten handwerklich-frühkapitalistischen Zeiten.

Gabriel Laub

 

In diesem Sinne wünsche ich ein verlässliches, schönes und frohes neues Jahr!

Adventsblicke, 24. Dezember

24. Tür

24. Tür: Gott wird Mensch

Zum Abschluss nur noch eine kleine Geschichte, hier lohnt es, dem Link zur folgen.

In den Kirchen stehen auch Krippendarstellungen. Meist sind es ja heutige Krippen, die nur zur Weihnachtszeit aufgestellt werden und nur eine Zeitlang in der Kirche sind. Aber auch bei den Glasfenstern findet man immer wieder eine Darstellung der Geburt Jesu, in der Esslinger Frauenkirche passenderweise im Marienfenster:

 photo frauenkircheesslingen.jpg

Immer dabei sind Ochs und Esel, keine Krippendarstellung ist ohne denkbar. Interessanterweise zeigt schon die älteste bekannte Geburtsdarstellung aus dem 5. Jahrhundert (ein Elfenbeintäfelchen, heute in Nevers in Südfrankreich zu sehen) das Jesuskind in der Krippe mit Ochs und Esel –  noch ohne Josef und Maria. Aber in der klassischen Weihnachtsgeschichte nach Lukas kommen Ochs und Esel doch gar nicht vor?

In den apokryphen Evangelien kommen sie aber tatsächlich vor. Zum einen soll natürlich der Stall damit symbolisiert werden, zum anderen wird Bezug genommen auf das Wort von Jesaja:
“Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.”
Jes 1,3

Eine sehr interessante Darstellung ist im Schmiedefenster des Freiburger Münster zu sehen. Hier ist die ganze Szene sehr menschlich dargestellt. Der Ochse frisst Stroh, erwischt dabei die Windel Jesu und zieht so das Jesuskind aus der Krippe heraus. Josef muss einschreiten und haut dem Ochsen mit einem Stock auf die Nase und Maria versucht das Kind aufzufangen. Eine Szene, fast wie aus dem echten Leben! Diese Darstellung bringt das Thema auf den Punkt: Gott wird Mensch.

Und mit dieser Darstellung wünsche ich Frohe Weihnachten und Frohe Feiertage!

Adventsblicke, 23. Tag

23. Tür

22. Tür: Kirche sind wir alle

“Die sichtbare Kirche ist ein Symbol für die unsichtbare Kirche”.

Der Adventskalender neigt sich dem Ende zu. Zu Kirchen gäbe es noch viel zu sagen, aber das war ja eh klar, dass so ein Adventskalender nur kleine Türchen öffnet und dass es noch viel zu entdecken gibt. Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen, mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht, vielleicht gibt es sogar irgendwann noch eine Ergänzung, das Thema gibt ja noch genügend her.

Vielleicht schauen wir gegen Ende noch mal auf die Sprache. Das Wort Kirche hat ja eine doppelte Bedeutung. Es bedeutet zum einen das Gebäude aber auch die Gemeinschaft der Gläubigen:

“Das griechische Wort „ekklesia“, das für gewöhnlich mit „Kirche“ übersetzt wird, bezeichnete im frühen Christentum eine Menschengruppe, nämlich die Gemeinde der Gläubigen, und nicht einen neuen Typ von Sakralgebäuden. Es entspricht damit dem griechischen Wort „Synagoge“, das ursprünglich ebenfalls die „Zusammenkunft“, also die Verrsammlung der Frommen , bezeichnete und keine Name für eine Art von Gotteshaus war.”
Gottes Häuser, Johann Hinrich Claussen

Und vielleicht ist das, bei aller Entdeckerfreude, was in den Gebäuden steckt, die wichtigste Botschaft. Die Kirchen wurden von Menschen erbaut für andere Menschen. Kirche und Menschen gehören zusammen, die Kirche ist nichts ohne ihre Menschen. “Die” Kirche gibt es nicht, wir sind alle Teil der Kirche.

***

Die Kirchen
sind nicht nützlich, nicht praktisch,
verlangen nicht nach unmittelbarer Aktion
und erfordern keine schnelle Antwort.
Sie sind Räume ohne laute Geräusche,
ungezügelte Bewegungen oder ungeduldige Gesten.

Sie sind stille Räume,
die meiste Zeit seltsam leer.
Sie sprechen eine andere Sprache
als die Welt um sie herum.
Sie möchten kein Museum sein.
Sie möchten uns einladen,
still zu sein,
zu sitzen oder zu knien,
aufmerksam zu hören
und mit unserem ganzen Wesen
auszuruhen.

Eine Stadt ohne
sorgsam gehütete leere Räume,
in denen die Stille, aus der alle Worte
erwachsen, zu spüren ist,
die Stille, die zu Taten ermuntert,
eine solche Stadt ist in Gefahr,
ihren wahren Mittelpunkt zu verlieren.

Henri J. M. Nouwen

Adventsblicke, 22. Tag

22. Tür

22. Tür: Himmelsrichtungen

Wo steht eigentlich eine Kirche? Klar, mitten in der Stadt, wir lassen schließlich die Kirche im Dorf. Meist hat sich ja um die Kirche erst das städtische Leben entwickelt. Der Marktplatz ist nicht umsonst in der Nähe, Kirche und Markt gehörten häufig zusammen, der Jahrmarkt – die Kirmes oder Kermes oder Messe hängen ja nicht umsonst auch sprachlich damit zusammen. In Esslingen ist die erste Besiedlung eine kleine Cella, also eine Art kleines Kloster. Abt Fulrad aus St. Denis, dem diese Cella gehörte, besorgte Reliquien für dieses Kloster – die Gebeine des heiligen St. Vitalis. Daneben lag der Markt. (Esslingen hat einen der ältesten Märkte Deutschlands) Kirche, Wallfahrt und Markt, das waren nun der Ausgangspunkt für das Wachstum der Siedlung. Nicht anders war es ja in Köln, ohne die heiligen drei Könige und der ganze Wallfahrts-„Tourismus“ wäre Köln nie zu solcher Größe aufgelaufen.

Die Kirche steht in der Regel in Ost-West-Richtung, der Chor nach Osten, nach Westen manchmal ein ganzes Westwerk, also ein Vorbau mit Türmen und Vorhalle. Auf jeden Fall war die Westfassade wichtig, weil hier fast immer ein Eingang gab, nach Osten liegt der Schwerpunkt im Inneren, hier ist die Fassade lange nicht so wichtig.

Dies sieht man sehr gut in Speyer, hier läuft die ganze Stadt mit dem Straßenmarkt auf das Westwerk zu.

 photo gruber-speyer0002.jpg
Karl Gruber, die Gestalt der deutschen Stadt

Speyer, Westwerk

In Esslingen stehen alle drei großen Kirchen sehr dicht an der westlichen Stadtmauer. Hier gibt es keinen großen Zugang vom Westen, hier stehen die Kirchen zwar in Ost-West-Richtung, aber sie stehen ganz anders in der Stadt, die Westfassaden haben keine große Bedeutung. Hier der Link zur einer historischen Ansicht von 1685, da sieht man es ganz gut.

Da in Freiburg die Straßen der Stadt nicht in Ost-West-Richtung verlaufen (wahrscheinlich aus topographischen Gründen) steht das Freiburger Münster diagonal auf dem Münsterplatz und bekommt so eine ganz eigene Stellung.

 photo gruber-freiburg0003.jpg

Karl Gruber, die Gestalt der deutschen Stadt

 

Doch sollte man dann meinen, dass bei einer Ost-West-Ausrichtung nun die beiden Seiten, also die Südseite und die Nordseite gleichwertig sind. Doch auch werden Unterschiede gemacht zwischen dem kalten Norden und dem hellen Süden. So ist die Nordseite den Frauen und die Südseite den Männern zugeordnet. Oft sind auch die Nordseiten bescheidener ausgestaltet als die Südseiten. Ob dies überall stimmt, weiß ich nicht.

Bei der Esslinger Frauenkirche stimmt das unbedingt, hier ist der Grund aber auch ganz einfach:  Diese Kirche hat eine Schauseite nach Süden. Sie „thront“ im Norden der Stadt, ein wenig erhöht und zeigt sich hier als Bürgerkirche, von den Bürgern der Stadt mit Spenden errichtet, der Stolz der Bürgerschaft. Nach Norden kommt eine Anhöhe, hier ist wirklich keine Schauseite.

Esslingen Frauenkirche, Südfassade

So sind die Himmelsrichtungen immer symbolisch besetzt, es geht aber genauso um die praktische Lage in der Stadt. Jede Kirche hat hier ihre Besonderheit, ob sie mit der Kirche planmäßig angelegt wurde, ob sie um die Kirche gewachsen ist oder die Kirche später entstanden ist. Schauen Sie doch mal, wie Ihre Kirche in der Stadt steht. Gehen Sie mal bewußt auf die Kirche von allen Seiten zu und beobachten Sie.

 

Und was wäre schöner als mit einem Spruch von Brigitte, meiner treuen Adventstexteleserin  (und Verfasserin eines wunderbaren weihnachtlichen ABCs, unbedingt lesen!)  zu enden:

“Die Himmelsrichtungen belegen es: In welche der vier Richtungen wir auch gehen, wir sind himmelwärts unterwegs.”
Brigitte Fuchs

***

wenn

gottes kind kommt
von norden oder süden
osten oder westen
auf berge, in städte, ans meer
dann wird es zeit
die türen zu öffnen
weit offen
die herzenstür

ein andererer Advent

 

 

 

Adventsblicke, 21. Tag

21. Tür

21. Tür: Leere und Fülle

Die Leere: Eine erbauliche Begebenheit aus dem Leben des japanischen Kaisers Hirohito

Mitten an einem besonders hektischen Tag wurde der Kaiser einmal zu irgendeiner Veranstaltung gerufen. Aber als er dort ankam, war niemand da. Der Kaiser schritt in die Mitte der großen Halle, stand einen Augenblick schweigend da und verneigte sich dann vor dem leeren Raum. Daraufhin wandte er sich mit lächelndem Gesicht an seine Begleiter. “Wir müssen mehr solche Veranstaltungen einplanen”, sagte er. “Seit langem hat mir nichts soviel Freude gemacht!”

Aus: “Tao Te Puh”, von Benjamin Hoff

***

Schau in den Wasserspiegel hinein,
Mensch.
Du hast alles in dir:
Den Hirten, den König,
den Stern und das Tier.
Hingerissen vom Kind,
deinem herrlichen Herrn,
von dem sie gezogen sind,
wollen sie hinknien in dir,
Mensch.
Und wie Maria
es anschaun,
zuunterst im Grund.
Silja Walter

Zugabe: moderne Wasserspeier

Wasserspeier gibt es seit dem 13. Jahrhundert. Doch viele mussten schon über die Jahre ausgetauscht werden. Es wurden dann teilweise Kopien erstellt aber auch moderne Interpretationen.  Am Kölner Dom gibt es Wasserspeier vom 13. bis zum 21. Jahrhundert.

Hier noch 3 Fotos aus einer Ausstellung über die Wasserspeier der Esslinger Frauenkirche:
Wasserspeier Frauenkirche Esslingen

Wasserspeier Frauenkirche Esslingen

Wasserspeier Frauenkirche Esslingen

Die modernen Wasserspeier sind oft recht frei gestaltet, nicht unbedingt “dämonisch”. Doch manchmal wird das Dämonische einfach sehr neu interpretiert, sehen Sie selbst an der National Cathedral wird das Böse verkörpert durch Darth Vader.

Im übrigen gibt es hier noch gute Informationen über die Wasserspeier (auf englisch)

Adventsblicke, 20. Tag

20. Tür
20. Tür: Vom Himmel hoch
Das Licht von oben

Je dunkler es hier um uns wird,
desto mehr müssen wir
das Herz öffnen

für das Licht von oben

Edith Stein

***

Schauen Sie doch mal in einer Kirche nach oben. Hier sind viele schöne Dinge zu entdecken, Deckenmalereien, gotische Gewölbe wie Sterne, besonders bemalte Schlusssteine.

Frauenkirche Esslingen

Stralsund

Ulmer Münster

Was aber auch noch auffällt sind an vielen Decken kreisrunde Löcher im Gewölbe, oft schön bemalt. Was hat es damit auf sich? Im Mittelalter wurde vieles sehr plastisch dargestellt, nicht nur mit Bildern und Skulpturen, es gab auch unzählige Passions- und Mysterienspiele. Wir können uns ja heute auch keinen Weihnachtsgottesdienst ohne Weihnachtsspiel vorstellen. Im Mittelalter wurde beispielsweise die Himmelfahrt Christi sehr realistisch dargestellt, man zog eine Chistus-Statue an einem Seil nach oben und ließ sie im Himmel, also im Dachraum verschwinden.

Also werfen Sie ruhig mal einen Blick nach oben, vielleicht hat auch Ihre Kirche diese Passionsspiele gehabt? Und genießen Sie die Schönheit der Architektur, gerade auch beim Blick nach oben.

***

du siehst die sterne

unvorstellbar weit oben schöpft
unvorstellbar groß der liebe gott

er siebt das licht aller sterne manche
fallen ihm durch in den nachthimmel

unvorstellbar langsam fallen
die leuchtenden sterne zu dir

Arne Rautenberg