Archiv der Kategorie: nachdenkliches

Kleine Schritte

Vor einiger Zeit hatte ich einen Denkmal-Termin, bei dem außer mir lauter Männer anwesend war. Es kam auch ein Rabbi und er gab reihum allen Männern die Hand, mir nickte er nur zu. Der Rabbi ist russischen Ursprungs und sehr orthodox. Ich hatte damit gerechnet, fand es aber trotzdem nicht so toll. Mich stört es, dass eine Religion hier Unterschiede zwischen Männer und Frauen macht. Aber ein Denkmaltermin ist nicht der richtige Ort, um dies zu diskutieren.

Gestern gab es nun wieder einen Termin und am Ende gab der Rabbi allen die Hand zur Verabschiedung – auch mir. Nun war ich ehrlich verblüfft und fragte den Mann neben mir, einen ehemaligen Pfarrer: „Haben Sie das gesehen, der Rabbi hat mir die Hand gegeben“ Da meinte er nur: „Das haben wir ihm beigebracht“. Er hatte mit ihm öfters zu tun und hat mit ihm darüber gesprochen, dass bei uns ein Handschlag auch zwischen Männer und Frauen üblich ist und dass sich Frauen hier zurückgesetzt fühlen.

Ich war ehrlich begeistert. Auch dies ist ein Stück gelebte Integration. Und es wäre nicht passiert, wenn der ehemalige Pfarrer ihn nicht darauf angesprochen hätte. So eine Kleinigkeit kann manchmal einen ganzen Tag ausmachen.

Nachrichten-Hektik

Manchmal hat es auch Vorteile, wenn man beruflich so eingespannt ist. Die letzte Woche bestand praktisch nur aus Arbeiten, Arbeiten, Schlafen, Essen. Nicht viel Zeit für Nachrichten. Und ganz ehrlich, dies war sehr gut. Es ist schlimm genug, was passiert ist, deswegen reicht es, ab und zu im Radio die Nachrichten zu hören. Kein Fernsehen, keine Bilder von der Absturzstelle, keine News-Blogs mit alle zwei Minuten etwas Neuem – was doch nur eine Vermutung ist, keine Brennpunkte, die 5 Minuten Information auf eine Stunde aufblähen, keine Talkshows, keine Experteninterviews, keine Bildzeitungsschlagzeilen. Keine Diskussionen, wer „richtig“ und angemessen trauert. Vor allem keine Talk-Shows. Keine Talk-Shows.

Die Informationen bekommt man immer noch rechtzeitig. Mutmaßungen und Vorverurteilungen bekommt man so immer noch mit, aber es hält sich im Rahmen.

Es war eine gute Entscheidung. Und dies habe ich mir fest vorgenommen, bei allen kommenden Katastrophen werde ich es genauso handhaben.

Dies hat nichts mit Verweigerung zu tun aber mit Nachdenken, wie viel Informationen ich möchte und wann. Es ist jetzt einfach, auf die Medien zu schimpfen, wir treiben sie ja mit unserem Medien-Verhalten genauso dazu, immer noch schneller, noch emotionaler zu berichten. Ich will keine Bilder von trauernden Kindern schauen, wenn ich mir dabei klar mache, dass um diese Kinder herum 100 Fotografen stehen. Ich will keine schnellen Experten-Einschätzungen. Ich will auch keine schnellen Maßnahmen, mir ist es lieber, man denkt über Maßnahmen nach, wenn ein wenig zeitlicher Abstand auch Luft zum Denken lässt.

Bei jeder Katastrophe gilt: Wenn wir schnelle Lösungen fordern bekommen wir auch schnelle, unüberlegte Lösungen. Und Antworten auf die Fragen, weshalb eine solche Katastrophe passiert, bekommen wir auch nicht in den ersten Tagen und Stunden.

Vielleicht bekommen wir sie nie, das macht uns ja so verzweifelt. Wir müssen es aushalten, dass es auf Vieles keine Antworten gibt. Das ist schwer. Aber das Schwere versuchen auszuhalten ist besser als uns durch Pseudo-Informationen davon abzulenken. Ich hoffe, ich weiß dies auch noch bei der nächsten Katastrophe.

 

Ich möchte keine Rose

Zum Frauentag werden wieder Rosen an die Frauen verteilt. Ich möchte  keine Rose bekommen. Rosen sind Beschwichtigungen, die über den ganz banalen Alltag wegtäuschen sollen. Ein Zuckerle fürs Kind. Ein Zuckerguss für diesen Tag, der darüber wegtäuschen soll, was jeden Tag schiefläuft.

Ich will nicht, dass Werber diesen Tag okkupieren. „Zelebrieren Sie Ihre Weiblichkeit“ – was anderes fällt Euch nicht ein? Einkaufen für die Gleichberechtigung der Frauen? Im Ernst? Meine Herausforderungen sind auch nicht „Beruf, BH und Bügelbrett“.

Überhaupt will ich auch nicht mehr hören: „Mach doch was aus Dir!“ und damit ist gemeint, „sei doch mal weiblicher!“ Ich will mir auch nicht mehr vorschreiben lassen, ob und wie ich mich schminke, ob ich mich „weiblich“ genug kleide oder nicht. Und dies vor allem nicht von anderen Frauen.

Ich will nicht mehr mit Kollegen über ein Thema diskutieren, wichtigen Input geben und anschließend vom Kollegen im Gespräch mit anderen hören: ICH habe mir überlegt…

Ich möchte nicht mehr gegenüber einem älteren Kollegen eine Bemerkung machen, dass ich eine Bemerkung von ihm gegenüber Frauen unpassend finde und anschließend 10 Besprechungen hintereinander immer und immer wieder gezielt Spitzen gegen Frauen zu hören – mit Blick auf mich. Falls ich nicht reagiere, wird nochmals nachgehakt.

Ich will nicht mehr auf Rosa, Shopping, Schuhe und Diäten reduziert werden. Ich finde Shoppen furchtbar. Ich interessiere mich für Kunst und Geschichte und Städte und Fotografie und vieles mehr. Eine andere Frau für Technik und Backen. Die nächste für Stricken, Astrophysik und Literatur.

Ich habe kein Problem, über Klischees zu lachen. Aber das Lachen bleibt mir oft im Hals stecken, weil nichts darüber hinaus kommt.

Ich will nicht mehr für ehrenamtliches Engagement einen Blumenstrauß bekommen und der Kollege eine Flasche Wein. Ich würde mich viel mehr über die Flasche Wein freuen. Aber dann müsste man ja nachdenken, was man verschenkt.

Ich will nicht mehr im Beruf, in Vereinen und im Ehrenamt ständig Rücksicht nehmen müssen auf die „Ehrenkäsigkeit“ von älteren Männern, meist mit Doktortitel. Und gleichzeitig hören, wir Frauen sollen uns nicht so anstellen, wenn wir uns beklagen sind wir „hysterisch“.

Ich will nicht mehr von Frauen hören, „eigentlich bin ich ja keine Feministin, aber…“ Es gibt nicht den Feminismus und ohne Feminismus ändert sich nichts.

Ich will nicht mehr sehen müssen, wie Ehepaare im Bekanntenkreis ihren Ruhestand organisieren. Er hört auf mit seiner Arbeit, stürzt sich danach ins Ehrenamt. Für sie gibt es keinen Ruhestand, sie führt weiter den Haushalt, kocht, putzt, kauft ein, bettelt um Taschengeld, hält ihm den Rücken frei. Er bekommt dann Ehrenmedaillen und Urkunden für seine Tätigkeiten. Sie nicht.

Ich will nicht mehr am Telefon für die Sekretärin gehalten werden und gefragt werden ob denn DER Geschäftsführer da ist.

Ich mag nicht mehr, dass sich in Büroküchen selbstverständlich die Frauen um die Spülmaschinen kümmern. Es ist kein böser Wille, aber viele Männer sehen einfach nicht, was anfällt.

Ich will lieber einen vernünftigen Alltag als Rosen. Ich will keine Beschwichtigungen mehr. Ich habe einfach genug davon. Ich möchte wahrgenommen werden. Ich möchte, dass die Arbeit der Frauen wahrgenommen wird.

Ich rede hier nur von ganz alltäglichen Begebenheiten, nicht von strukturellen Benachteiligungen, nicht von unterschiedlichen Bezahlungen, von gläsernen Decken, von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Hebammen, von Sexismus, von sexueller Belästigung usw. Da gäbe es viel zu sagen. Ich zähle hier nur die ganz alltäglichen und unspektakulären Ereignisse der letzten Wochen auf. Alle sind einzeln überhaupt nicht dramatisch aber es reicht mir.

Ich möchte keine Rosen, ich möchte ernstgenommen werden.

Neue Einkaufscenter braucht das Land

Seit gestern gibt es also in Stuttgart zwei neue Einkaufscenter. Weitere werden folgen, in Stuttgart und im Umland. Eigentlich ist es müßig, dazu noch etwas zu sagen. Zumal es ja interessant ist, dass schon vor der Eröffnung fast nur Negatives geschrieben wurde, dass es keiner genehmigt haben wollte und dass schon vor der Eröffnung zugegeben wurde:

 „mit dem Wissen und dem Erleben der vergangenen Jahre würde man das A-1-Areal am Bahnhof so nicht mehr aufsiedeln“

nur, was weiß man heute mehr?? die Fakten sind schon lange bekannt.

Witzig finde ich auch, wie schnell die Zeitungen am Tag nach der Eröffnung über Erfolg oder Misserfolg eines Einkaufscenters spekulieren. Man kann über den Erfolg des Eröffnungstages reden, über die Zahl der Neugierigen am ersten Tag. aber ob ein Einkaufscenter angenommen wird, ob Leute nur zum Gucken oder zum Kaufen kommen und vor allem, welche Auswirkungen sich für die Stadt und das Umland ergeben, das wird sich erst weisen.

Gefährlich finde ich vor allem, dass eine solche Konzentration von neuen Einkaufsflächen nur weitere Einkaufsflächen nach sich zieht. Ob das gut oder schlecht ist, wird unterschiedlich gesehen. So steht es in den Stuttgarter Nachrichten*:

„Blutet der Handel in der Region aus?
Esslingens OB Jürgen Zieger befürchtet eine „Kannibalisierung“ im Handel der Region. Andrea Poul widerspricht: „Konkurrenz belebt das Geschäft. Die Städte der Region haben die Chance, selber aufzurüsten.“ Sie verweist auf Böblingen, wo jüngst das Einkaufszentrum Mercaden eröffnet hat. „

*dies verkauft die Stuttgarter Nachrichten uns übrigens unter Fakten zum Milaneo…. (besser kein Kommentar dazu)

Genau diese – angeblich so positive Entwicklung – ist ja das Problem. Hier wird ja nicht umsonst die Vokabel des Aufrüstens verwendet.

Klar, auch Wangen und Zuffenhausen und Gablenberg und Untertürkheim und Uhlbach bauen sich ein Einkaufscenter und dann ist alles gut…. Es geht alles zu Lasten der kleinen Städte oder der Vororte. Gerade die Stadt Stuttgart hat eine Verantwortung für seine Vororte, die sie momentan noch nicht wahrnimmt. Und was sich dann im Umland so entwickelt, wird man ja sehen.

Wir haben schon jetzt sehr viel Einkaufsfläche. „Mit fast 1,4 Quadratmetern besitzt Deutschland schon jetzt rund doppelt so viel Verkaufsfläche pro Einwohner wie England, Frankreich oder Italien“ sagt das Handelsblatt.

Und schon vor über 15 Jahren sagte Prof. Dr. Ulrich Hieber auf einer Tagung :

„Für jeden zukünftig entstehenden Quadratmeter Einkaufsfläche wird irgendwo anders ein Quadratmeter verschwinden.“
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Wir rutschen damit in eine Aufrüstungsspirale. Hat sich eigentlich schon mal jemand überlegt, was wir mit all den Einkaufscentern machen, wenn sie in die Jahre gekommen sind? Unsere Altstädte sind entwicklungsfähig, im Laufe der Jahrhunderte wurden Gebäude immer wieder angepasst, aufgestockt, umgebaut und den wechselnden Nutzungen angepasst. Bei den großen Einkaufscentern fällt später nur der Abriss ein. Und was dann mit den Wohnungen auf dem Milaneo?

Ich habe übrigens nichts gegen Einkaufscenter. Nur müssen sie in Größe, Lage und Offenheit gegenüber der Stadt angepasst sein. Was eben meistens nicht der Fall ist. Und man muss sich über die Folgen klarsein.

Was mich aber noch stört, kommt im zweiten Teil.

 

 

 

 

Von Neidern und Wutbürgern. Und von Neuschwanstein.

vorweg: Der Auslöser für diesen Post war ein Tweet, bei dem es um Neid ging und der sarkastisch gemeint war. Das habe ich schlichtweg falsch verstanden. Wie das halt so manchmal ist mit Ironie und Sarkasmus. Aber da ich im Umfeld tatsächlich ähnliche Äußerungen hörte, passt der Text sehr wohl.

Die einen überbieten sich jetzt in Witz und Häme über den Limburger Bischof. Andere halten sich jetzt an Details fest (die Badewanne! der Adventskranz!) Wieder andere reduzieren es auf eine Neid-Debatte. Wie damals bei Wulff. Ich glaube, dies ist alles zu kurz gegriffen. Zufällig bin ich kurz vorher über einen Artikel gegen die „Wutbürger“ gestolpert. Für mich ein sehr unsäglicher Begriff, wirklich ein Unwort. Genauso wie die „Neid-Debatte“. Es reduziert eine echte und tiefe Empörung auf bloßen Egoismus. „Ich bin dagegen, dass gebaut wird, weil es mich belästigt.“ „Ich bin dagegen, dass er dies tut, weil ich es ihm nicht gönne.“ Klar gibt es das, aber so sind doch nicht alle. Und solche Begriffe sollen Diskussionen im Keim ersticken.

Es geht nicht wirklich um Neid. Es geht um Angemessenheit und Transparenz. Weshalb die Kosten bewusst verschleiert versteckt wurden? Woher das Geld eigentlich stammt? Weshalb die ganze Geschichte erst jetzt ein Thema wurde? Wofür steht ein Bischof?

Und als Architekt frage ich mich noch viel mehr: Ob ein mit ursprünglich 147 qm geplanter Bau auf einmal 2.000 qm groß sein muss?

Weshalb über 10 verschiedene Architekten, unzählige Gutachten, unzählige Umplanungen sein mussten? Weshalb hier in Limburg auf dem Domberg, an einem besonders denkmalträchtigen Ort so große Eingriffe sein mussten? Wurde hier mit den denkmalgeschützten Gebäuden ausreichend behutsam umgegangen? (Beeindruckend dieses Luftbild) Ich bezweifle es sehr, wenn ich sehe, wie mit den Kosten umgegangen wurde, da wurde doch nicht Rücksicht auf den Denkmalschutz genommen? Aber das sind nur die Fragen am Rande.

Und es ist zu kurz gegriffen, hier zu sagen, er ist entweder krank oder verrückt. Jetzt diskutiert man jedes einzelne Detail. Wann wird über Strukturen diskutiert? Was sind das für Strukturen, die so etwas ermöglichen? Wieso kann ein Bischof wie ein König von Deutschland in seinem Bistum regieren? Wie will sich die Kirche nach außen zeigen? Was ist der Kirche wichtig? Geht es vor allem um Macht? Geht es um Ansehen und Prestige? Das sind für mich die eigentlichen Fragen.

Übrigens:
„Die Touristen kommen plötzlich gucken.“ Wer weiß, womöglich profitiert Limburg am Ende sogar noch von seinem prunksüchtigen Bischof.“

Das Ganze wirkt auf mich wie Neuschwanstein.

Aber davon abgesehen, Limburg ist wirklich eine Besichtigung wert. Unglaublich spannende Gebäude. Zusammen mit Esslingen haben sie wahrscheinlich die meisten Fachwerkgebäude aus dem 13. Jahrhundert. Die Altstadt lagert sich um den Domberg, ganz oben thront der Dom, für viele noch ungewohnt in seiner (wieder) bunten Bemalung. Durchaus sehenswert. Nicht nur das Schloss Neuschwanstein die Bischofsresidenz sondern auch der Rest.

Nachtrag:

Eine schönen Beitrag über die Burg Limburg, der direkte Nachbar gibt es hier im Burgerbe-Blog

 

Ein #Aufschrei geht durchs Netz

Eigentlich hatte ich gar keine Zeit. Uneigentlich kann ich nicht wegsehen, vom #Aufschrei, der durch Twitter geht. Es ging mir wie Jamie. Je mehr ich lese, desto mehr erinnere ich mich.

Wenn normalerweise zu einem Thema sehr viel geschrieben wird, mache ich mir lange meine Gedanken und oft kommt dann der Punkt, an dem ich denke, nun ist alles von allen schon gesagt worden, ich kann nur noch dem einen oder anderen zustimmen oder auch nicht. Aber gerade bei diesem Thema ist jede Stimme wichtig. Deswegen hier noch meine Gedanken dazu, auch wenn sie vielleicht so oder ähnlich schon geschrieben sind.

Es ist ja schon gesagt worden, es geht nicht um Brüderle, es geht nicht um einen Vorfall. Aber es geht darum, dass solche Vorfälle stattfinden, jeden Tag, und dass es „ein Tabubruch“ ist, darüber zu schreiben. Ja, Belästigung, Sexismus usw. ist tatsächlich ein Tabu. so sehr, dass wir es selbst verdrängen. Und deswegen ist es so wichtig, dass sich so viele Frauen erinnern und laut sagen, was sie tagtäglich erleben. Es sind ganz unterschiedliche Erlebnisse, viele kleine Geschichten, die für sich als gar nicht so tragisch gesehen werden. Weil wir auch gelernt haben, diese Begebenheiten schnell wieder zu verdrängen. Aber auch Geschichten, die so tragisch sind, dass die betroffenen Frauen nicht darüber reden können. Was wir sehen ist ja nur die Spitze eines Eisbergs, es sind viele, viele Erinnerungen, jede ein Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Es sind eben keine Lappalien. Und die Beurteilung, ob es Lappalien sind, darf nicht den Nicht-Betroffenen überlassen werden.

Ich finde es ungeheuer wichtig, all diese vielen Begebenheiten zu lesen, gerade in ihrer Häufung. Bringt das was, all diese Aufschreie? Ja, weil diese Häufung erst zeigt, wie alltäglich Sexismus ist.

Alle Frauen, die ich kenne, haben Abwehrstrategien, wie sie Sexismus oder Übergriffe verhindern. Alle. Den wenigsten Männern ist dieses Problem in seiner alltäglichen Masse überhaupt klar.

Ich war ein Jahr in Paris und dort war das Thema Übergriffe leider ständig präsent. Interessant ist ja, wie ich mich selbst dabei verändert habe. Schon bei meinem ersten Paris-Besuch mit 17 wurde ich in der Metro angetatscht. Damals dachte ich, ich bilde mir das nur ein. Bei meinem Studienaufenthalt wurde mir klar, es ist real. Die ersten Male war es mir selbst unangenehm, womöglich wurde der Mann nur durch das Gedränge zu ungünstig auf mich geschubst? Ich wollte es zuerst nicht wahrhaben, habe den Mann entschuldigt. Später wurde ich wütend und noch später war meine Reaktion auf ein Antatschen in der Metro die, dass ich dem am nächsten stehenden Mann mit aller Kraft auf die Zehen getreten bin. Wohl wissend, dass ich vielleicht einen Falschen treffe, aber die Wut über die ständigen Angriffe führte dazu. Und dies nicht nur einmal. In der Regel sah ich am Gesicht des Mannes, dass ich nicht den Falschen getreten habe.

Es gab noch viele andere Begebenheiten. Das Problem ist ja die Ohnmacht, nicht reagieren zu können, wehrlos zu sein. Mir fiel das vor allem im Ausland auf, wenn man sprachlich noch an Grenzen kommt, fühlt man sich noch hilfloser (erste Gegenmaßnahme im Ausland war immer, die entsprechenden Schimpfworte in der Landessprache zu lernen.)

Mein Aufenthalt in Paris war lehrreich, weil man in einer anderen Umgebung sehr viel besser wahrnimmt, wie man reagiert. Ich habe Abwehrstrategien gelernt: unbelebte Straßen meiden, schneller laufen, bereit sein, sich zu wehren, Schimpfworte zu lernen, bereit sein, zuzuschlagen, gleich Grenzen zu setzen – jede Frau kennt das. Ich habe mich versucht, zu schützen. Hinterher wurde mir dann vorgeworfen, ich sei unweiblich und hart geworden. Auch das ist keine Seltenheit. Entweder ich bin selbst schuld, weil ich mich aufreizend anziehe oder ich bin eine Spassbremse oder ich bin zu hart geworden. so oder so.

Ich war nicht bereit, deswegen weniger auszugehen. Als Stadtplanerin wird mir aber immer wieder bewusst, wie viele Frauen sich selbst beschränken aus Angst. Wie viele Frauen gehen abends nicht aus, wenn sie nicht abgeholt werden oder selbst ein Auto haben. Wie viele Frauen nehmen lieber das Taxi auch wenn sie eigentlich kein Geld dafür haben. Wie viele Mütter sagen ihren Töchtern, bleibt lieber daheim.

In Paris habe ich viel mit anderen Studentinnen aber auch mit Studenten darüber gesprochen. Viele Studenten haben unser Problem verstanden. (Nein! Ich korrigiere mich selbst, es ist eben nicht allein u n s e r Problem) In Paris wurde damals eine Frau, die mit einem Mann unterwegs war, nicht angebaggert. „Weil es das Anrecht des M a n n e s ist, mit seiner Frau in Ruhe spazieren können.“ Man kann sich gar nicht genug darüber ärgern.

Mir ist selbst sehr wenig passiert, ich habe auch gelernt, mich zu wehren. Dadurch strahle ich vielleicht mehr Sicherheit auf der Straße aus. Ich ertappe mich dabei aber auch beim Gedanken, „man muss nur wollen, wenn ihr Euch entsprechend verhaltet, passiert Euch nichts.“ Damit schiebe ich den Frauen wieder die Verantwortung zu. Es kann aber nicht das Kriterium sein, ob ich mich genügend wehren kann.

Kann es sein, dass nur noch die Frauen sich raustrauen, die in der Lage sind, sich zu wehren? Kann es sein, dass ich im Ausland als erstes Schimpfworte lernen muss? Kann es sein, dass ich nur noch das Recht habe, mich sicher zu fühlen, wenn ich Selbstverteidigungstechniken gelernt habe? Kann es sein, dass ich nichts sage, aus Angst hinterher zu hören, „war doch nur Spass, stell Dich nicht so an“?

Geht das nicht gegen Männer? Nein, natürlich geht es nicht darum, alle Männer an den Pranger zu stellen. Wer das nicht begriffen hat, der muss noch verdammt viel lernen. Es geht hier nicht nur um Frauen. Es geht um das alltägliche Miteinander. Nochmals: Es geht nicht um Ausnahmesituationen, von denen man hört, dabei kurz denkt „schlimm, schlimm“ und sie wieder vergisst. Es geht darum was alle Frauen schon erlebt haben und jeden Tag erleben müssen und das geht die gesamte Gesellschaft etwas an.

Ich freue mich, dass auch Männer sich beteiligen, sie machen sich Gedanken und nehmen wahr, was Frauen alltäglich erleben, fragen sich, wie sie selbst reagieren können.

Anders als viele Männer glauben geht es nicht um Attraktivität sondern es geht um Macht. Und Ohnmacht.

Wohlgemerkt:

Es ist gut, sich wehren zu können. Es kann aber nicht die einzige Lösung sein.
Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Männer des Themas bewusst werden. Selbstverständlich geht es nicht um alle Männer, deswegen ärgern mich die beleidigten Ausrufe, wir würden hier nur alle Männer an den Pranger stellen.

Ein Bewusstseinswandel beinhaltet auch, dass man darüber sprechen kann und muss. Es sind alle gefragt! Und jeder Mann, der gar nicht wissen will, was Frauen täglich erleben, jeder Mann der sich nicht bewusst macht, wie viele Situationen er gar nicht nachvollziehen kann, jeder Mann, der nur mitlacht bei blöden Witzen, weil er nicht als Weichei dastehen will, jeder Mann der das ganze ins Lächerliche zieht, jeder Mann, dem nur einfällt „Meine Frau darf abends nicht alleine im Wald spazieren gehen, das verbiete ich ihr“, jeder Mann der wegschaut ist genauso Teil des Problems.

Der #Aufschrei  fing heute nacht an und ist auf einmal eine große Welle geworden. Ich hoffe einfach, dass dies nur der Anfang einer Diskussion ist. Denn sie ist längst überfällig.

 

Das Glück und die Schubladen

Lesenswert, nicht nur für den Bekannten… :

„Obiger Bekannter sucht sein Glück übrigens auch in den Schubladen. Das finde ich merkwürdig, weiß man doch, dass das, was macht sucht, nie in den Schubladen liegt. Sondern in Körben, auf dem Sofa, unter dem Tisch, manchmal im Kühlschrank. An den merkwürdigsten Orten. In Schubladen findet man das, was man erwartet. Und das ist nichts Besonderes. Das sind Löffel und Gabeln, Socken und alte Tesafilmrollen.“