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Ich steh an Deiner Krippe hier, 21. Tür

21. Tür

SUCHE NACH DEM KIND

Früher, ganz früher,
als ich ein Kind war,
da kamen sie oft, des nachts,
die Geister und Dämonen,
die Hexen, Kobolde und Fratzen,
sie tanzten um mein Bett und raubten mir den Schlaf.
Ich lief dann schnell ins Schlafzimmer der Eltern,
dort, wo die Geister keinen Zutritt hatten,
schlüpfte unter die Decke meiner Mutter,
und alles war gut.

Heute, da ich groß bin,
erwachsen, wie es so schön heißt,
kommen sie noch manchmal, die Dämonen,
wenn auch mit anderen Namen:
Hast, Lieblosigkeit, Neid und Hader,
Versagen, Verlust, vergebliches Mühen,
Krankheit, Armut, Krieg.
Und sie erfüllen mich mit Angst.

Ich schließe dann die Augen,
um zu mir zurück zu gehen,
bis ich langsam, immer stärker,
die Kraft spüre, die in mir ist.
Die Kraft, von meinem innren Stern beseelt,
der mir den Weg zeigt,
vorbei an diesen Geistern,
hin, zu meinem Kern und einer besseren Welt.

So ging es wohl den 3 Königen,
als sie einst dem Stern folgten
und das Kind fanden.

Es scheint mir, Weihnachten ist eine gute Zeit,
um die Augen zu schließen
und dies kraftvolle Kind in sich zu finden,
das auch noch beschützt wird,
von einer Macht,
die höher ist.

Autor unbekannt

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Ich steh an Deiner Krippe hier, 20. Tür

20. Tür

Es war einmal ein frommer Mann, der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung.
So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte.
Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt.
Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe.

Martin Luther
aus: der andere Advent

Und wenn wir schon bei Weihnachtsdarstellungen sind – ich mag die Bilder von Peter Brueghel – dem Erfinder der Wimmelbilder. Seine sehr kleinteiligen und detailreichen Bilder sind ja immer spannend, es gibt hier so viel zu entdecken. Er verlegt, wie viele Maler seiner Zeit die biblischen Szenen nach Flandern. Genau so war es natürlich nicht und doch zeigt er durch seine realistische Darstellung viel mehr als manch kitschig-verklärte oder romantische Weihnachtsszene. Die Gebäude sind wirklich ärmlich und heruntergekommen. In der Volkszählung zu Bethlehem findet man in der Mitte Maria und Joseph, sie auf einem Esel sitzend, in einen warmen Mantel gehüllt. Er hat Werkzeug dabei, eine Säge über der Schulter und ein Bohrer am Gürtel, was ihn als Zimmermann ausweist. Keiner nimmt Notiz von ihnen. Bei der Einschreibung in die Listen für die Volkszählung gibt es ein großes Gedränge, hier sind die Menschen. Der Stall ist in der Mitte rechts zu sehen, er ist aber wirklich baufällig. Ein Kreuz auf dem Dach weist auf den Fortgang der Geschichte hin.

Bei der Anbetung der Könige geschieht das Wichtigste ganz am Rand. Ganz links unten am Bildrand ist das Eigentliche zu sehen. Drei Könige kommen mit Geschenken, wertvolle Reittiere ziehen durchs Dorf, doch keiner nimmt wirklich Notiz. Alle im Dorf sind viel zu beschäftigt.

Dies ist kein prächtiges Bild und die Anordnung verwundert zuerst. Aber durch die Platzierung am Rand erfasst Brueghel das Ganze besser und deutlicher. Er hat die Weihnachtsgeschichte verstanden.

***

Sternblicke
glänzten mir nicht
durch die Nacht
der Tag
zog schwer vorüber an mir
die alten Geschichten
leuchteten nicht
und stumm blieb der Himmel
von Christkind und Krippe
gar nicht zu reden
weit weg hinter allem
ganz nah
bliebst du verborgen
und doch
höre ich findest du mich
Gott

Carola Moosbach

Ich steh an Deiner Krippe hier, 19. Tür

19. Tür

Die Hirten sind noch unterwegs und ohne Dach,
wenn andre längst in festen Häusern schlafen.
Doch wachen sie nicht mehr wie einst bei Schafen
und denken über Schuld und Gott und Elend nach.

Als Taxifahrer halten sie sich mühsam wach,
sie zittern im Gefängnis vor den Strafen,
sind ausgestoßen von den ewig Braven,
und unter Schmerzen liegen sie, verstört und schwach.

Doch siehe: Gottes Engel tritt heran
zu allen, die er wachend findet,
weil Pflicht, weil Schicksal sie jetzt bindet,

sagt ihnen, wo sie sind, die Freude an:
das Heil wohnt unter uns im engen Stall,
und Bethlehem ist heute überall.
Dietmar Schröder

Was gibt es zu den Hirten zu sagen? Dass sie Menschen am Rande waren, echte raue Kerle und keine „anbetend knieenden redlichen Hirten“ ist nichts Neues. Auch wenn wir uns heute die Hirten wahrscheinlicher romantischer vorstellen als sie es tatsächlich waren. Zum einen haben wir die unzähligen niedlichen kleinen Hirtenkinder von den Krippenspielen vor Augen, zum anderen sind die heutigen echten Hirten sehr viel stärker Teil der Gesellschaft. Bei Hirten denken wir eher an Aussteiger wie die Sennen auf der Alm oder wir können uns ihren Beruf sogar auf Twitter anschauen wie beim Wanderschäfer auf der Schwäbischen Alb.

Aber die Hirten der damaligen Zeit waren echte Randexistenzen, meist gehörten die Tiere ihnen nicht, ihnen wurde oft Unehrlichkeit vorgeworfen, vor Gericht wurde ihnen grundsätzlich nicht geglaubt. Und diesen Hirten wird hier als erstes die frohe Botschaft verkündet – ein Thema, das sich in der Bibel durchzieht. Informationen aus erster Hand gibt es für die, denen vor Gericht nicht geglaubt wird. An Weihnachten die Hirten, bei der Auferstehung zuerst die Frauen. Es gibt also keinen Empfang für die Wichtigen und das Volk darf hinterher in der Zeitung nachlesen, was los war. Es gibt keine offiziellen Verlautbarungen, kein Countdown bis zur Pressekonferenz.

Nein, in der Nacht, wenn die anderen Menschen schlafen, passiert etwas. Und die Hirten sind wachsam, sie verschlafen es nicht. Sie können die Zeichen der Zeit lesen, sie verstehen und kennen das Wunder der Geburt. Die entscheidenden Dinge passieren nachts oder am Rande.

Und sie gehen tatsächlich los, so wie sie sind – ohne Weihnachtsstimmung, ohne Festkleidung, ohne Weihnachtsdekoration. Sie kommen wie sie sind.

Am spannendsten finde ich ja dies: „Sie breiten das Wort aus, das zu ihnen gesagt worden war: Und alle wunderten sich, über das, was den Hirten gesagt war. Und sie lobten Gott für das, was sie gehört hatten.“ Die anderen hören den Hirten tatsächlich zu, sie kommen miteinander in Kontakt, sie glauben den Hirten. Hören wir den Randexistenzen zu? Haben sie heute überhaupt die Möglichkeit, uns etwas zu sagen? Würden wir ihnen glauben, sie ernst nehmen? Wäre es für uns nicht erst wahr, wenn das Fernsehen dabei gewesen wäre? Können wir uns noch wundern und sind wir bereit, dem Wunderbaren zu glauben?

WIE EINER DER HIRTEN
Du
mögest einer werden, der die Träume
nicht umbringt,
der die Lachenden
nicht verstummen lässt
und die Traurigen schützt,
einer, der behütet,
was verletzbar ist,
einer, der seine Seele
nicht preisgibt,
sondern sie trägt
wie ein Lamm,
einer, der sich
auf Engel verlässt,
auf ein Licht,
einmal gesehen,
auf ein Wort des Friedens,
unvergesslich.
Dann wirst Du finden
den Ort, wo es heißt:
Gott mit uns.
Dann wird es von Dir heißen:
er ist geworden
wie einer der Hirten.
Joop Roeland

Ich steh an Deiner Krippe hier, 18. Tür

18. Tür

nochmals Marias Magnificat:

 
l. und maria sang
ihrem ungeborenen sohn:
meine seele erhebt den herrn
ich juble zu gott meinem befreier
ich: eine unbedeutende frau –
aber glücklich werden mich preisen
die leute von jetzt an
denn großes hat gott an mir getan –
sein name ist heilig
und grenzenlos sein erbarmen
zu allen denen es ernst ist mit ihm –
er braucht seine macht
um die pläne der machthaber fortzufegen
er stürzt die hohen vom sitz
und hebt die unterdrückten empor
er macht die hungrigen reich
und schickt die reichen hungrig weg

2. und maria konnte kaum lesen
und maria konnte kaum schreiben
und maria durfte nicht singen
noch reden im bethaus der juden
wo die männer dem mann-gott dienen
dafür aber sang sie
ihrem ältesten sohn
dafür aber sang sie
den töchtern den anderen söhnen
von der großen gnade und ihrem
heiligen umsturz

3. dennoch
erschrak sie
am tage
da jesus die werkstatt
und ihre familie verließ
um im namen gottes
und mit dem feuer des täufers
ihren gesang
zu leben

4. und dann
ach dann
bestätigten sich
alle ängste
aufs schlimmste:
versteinert stand sie
und sprachlos
als jesus
am galgen
vergeblich
nach gott schrie

5. später viel später
blickte maria
ratlos von den altären
auf die sie
gestellt worden war
und sie glaubte
an eine Verwechslung
als sie
– die vielfache mutter-
zur jungfrau
hochgelobt wurde

und sie bangte
um ihren verstand
als immer mehr leute
auf die knie fielen
vor ihr

und angst
zerpreßte ihr Herz
je inniger sie
– eine machtlose frau –
angefleht wurde
um hilfe um wunder

am tiefsten
verstörte sie aber
der blasphemische kniefall
von potentaten und schergen
gegen die sie doch einst
gesungen hatte voll hoffnung

6. und maria trat aus ihren bildern
und kletterte
von ihren altären herab
und sie wurde
das mädchen courage
die heilig kecke jeanne d’arc
und sie war
seraphina vom freien geist
rebellin gegen männermacht
und hierarchie
und sie bot
in käthe der kräutermuhme
aufständischen bauern
ein versteck

und sie wurde
milionenfach als hexe
zur ehre des
gottesgötzen verbrannt
und sie war
die kleine therese
aber rosa luxemburg auch
und sie war und sie ist
vielleibig vielstimmig
die subversive hoffnung
ihres gesangs

Kurt Marti

***

Maria steht mit beiden Füßen auf dem Boden
sie traut ihrer Stimme
singt voller Lebenskraft ihr Lied

Maria bleibt nicht alleine mit ihrer Sehnsucht
sie begegnet Elisabeth
um verbindende Fragen auszuhalten und zu gestalten

Maria nimmt ihren Standpunkt voll und ganz ein
keine billigen Kompromisse
sondern ein Plädoyer für echte Menschlichkeit

Maria atmet tief durch
damit Freundin Geist durch sie atmen kann
als Ermutigung auch Missstände zu benennen

Maria hält ihre Sehnsucht nicht zurück
sie ist ganz bei sich und erzählt
vom unerwarteten Entgegenkommen Gottes

Maria spürt die Ermächtigung
einseitige Macht zu hinterfragen
um die Armen an ihre einmalige Würde zu erinnern

Maria durchbricht die Tagesordnung
ermutigt zum Aufstand für das Leben
weil sie der Macht der Ohnmächtigen traut

Maria schöpft aus ihrer inneren Quelle
um daraus Widerstand zu wagen
für eine Welt
die allen Menschen Brot und Rosen ermöglicht

Maria nährt ihre Erinnerung
an den Sehnsuchtsaufbruch von Sara und Abraham
und Mirjam und Mose
und sie spürt ihre Lebenskraft

Maria singt ihr Lied
von einem zärtlichen Gott
der nicht aufgibt mit uns zu träumen
vom menschenwürdigen Miteinander
in allen Kontinenten.

Pierre Stutz

Ich steh an Deiner Krippe hier, 17. Tür

17. Tür

Nein, ich stehe an keiner Krippe. Wenn ich hier schon davon spreche, hätte ich natürlich die Krippe in der Nussschale fotografieren können, die erst vor kurzem verschenkt habe. Ich kam aber nicht dazu.

Ich hätte mir auch die Krippe im Kölner Hauptbahnhof anschauen können. Jetzt fahre ich seit 15 Jahren mit dem Zug durch Köln, aber von der Kölner Friedenskrippe habe ich erst jetzt erfahren. Hier wird das Weihnachtsgeschehen in den Trümmern von Köln von 1945 gezeigt – ich denke, das ist sehr beeindruckend, im nächsten Jahr muss ich da unbedingt hin.

Wo ich aber tatsächlich war und immer wieder gerne hingehe ist zur Krippe nach Malsmheim. Seit vielen Jahren wird in Malsmheim für die Adventszeit die komplette Kirche in eine riesige Krippe verwandelt. Pfarrer Franz Pitzal und sein ehrenamtliches Team bauen rund 600 Figuren zu einer großen Krippenlandschaft, die jedes Jahr unter einem anderen Motto steht. Unermüdlich sammeln sie dort Spenden, es gibt Glühwein und Kaffee, Prominente singen und sprechen – alles für einen guten Zweck.

Krippe Malmsheim 2013
Ausschnitt aus der Krippenlandschaft 2013

Krippe Malsmheim 2012
Ausschnitt aus der Krippenlandschaft 2012

die Szenen sind mal aus der Nähe und mal aus der Ferne:
Krippe Malmsheim 2015

Krippe Malmsheim 2015

 

Krippe Malmsheim 2015

Krippe Malmsheim 2015

Krippe Malmsheim 2015

und mal wird es auch ganz irdisch:

Krippe Malmsheim 2015

Prominente sind zu sehen, von Mandela über den Papst bis zum Lehrer Lämpel. Ich glaube es gibt nichts, was es in dieser Krippe nicht gibt. Kurz gefasst: Eine sehr sehenswerte Krippe in der vermutlich hässlichsten Kirche Deutschland. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall und ein gutes Werk tun Sie auch noch damit.

Und zum Abschluss dieser Krippenrunde noch eine Krippe zum selbst Basteln – und was für eine schöne…

***

Nichts an der Härte des Lebens endet, weil Weihnachten geworden ist. Der Augenschein trügt nicht. Die Kranken quälen sich, der nächste Tsunamie wird kommen und wieder Unzählige in den Tod reißen. Die Welt geht ihren Gang. Ob die Welt nicht ein wenig besser sein könnte, wir wissen es nicht. Weihnachten hat keine Antwort auf diese Frage. Aber es birgt ein Versprechen in sich. Das Kind aus der Krippe wird groß werden. Und es wird dann von einem Gott Zeugnis geben, der will, dass wir uns – trotz allem – an uns und an ihm freuen. Dass wir das Leben leben.

Magnus Striet