Architektur als Solitär

Da ist – leider – sehr viel Wahres dran:

„Im modernen Bauen wird jedes Werk durch Ausgrenzung aus einer vermeintlich banalen Umgebung entworfen. Ein Gebäude, aber ebenso ein städtebauliches Ensemble, wird als Solitär konzipiert, der quasi auf einem besonderen Podest steht wie ein Kunstwerk. Das Werk ist nicht mehr Teil einer Straße oder eines Stadtviertels, sondern steht abgelöst von jedem Kontext in einer von der konkreten Stadt unabhängigen Welt. … Die Idee des Heraustrennens hat sich in der modernen Architektur (und möglicherweise in anderen Lebensbereichen ebenso) zu einem Mythos des Isolierens verdichtet.“
Andreas Feldtkeller
aus dem Buch: Die zweckentfremdete Stadt: Wider die Zerstörung des öffentlichen Raums, 1995

Ich hatte schon im Studium ein großes Unbehagen deswegen. Und das ist auch schon bald 30 Jahre her. Aber so ist eigentlich meine Liebe zum Städtebau geweckt worden, als Opposition dagegen, dass sich die Architekten als Künstler sehen, die die Umgebung ihres Kunstwerks komplett vernachlässigen – weil sie eben unwichtig ist.

Aber tatsächlich stehen Gebäude nicht in Vitrinen*, sie werden auch nicht von Museum zu Museum gegeben. Jedes Haus ist Teil der Stadt, ein lebendiger Teil der Stadt. Sie bilden eine Gemeinschaft, wie auch die Menschen idealerweise eine Stadtgemeinschaft bilden. Jedes Haus spielt eine Rolle in seiner Straße, mal mehr mal weniger aber kein Haus wird ausgeblendet.

„Das Außen der Häuser ist das Innen der Stadt.“
wusste schon Jane Jacobs. Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

* Die Vitrinen der Architekten sind die Architekturfotos, die dann in Bauzeitschriften und in Feuilletons gehandelt werden. Aber das ist nochmal ein ganz eigenes Thema, wie sich Architektur mit dem Aufkommen der publizierten Architekturfotografie gewandelt hat.

9 Antworten zu “Architektur als Solitär

  1. Diesem Zitat pflichte ich voll und ganz bei…

  2. Ich bin ja nicht vom Fach, schau mir aber gerne Stãdte an und wandere von Viertel zu Viertel. Am besten gefällt es mir, wenn die Häuser zwar individuell sind, aber eine große gemeinsame Linie erkennbar ist. Wir waren gestern Bonn in der Bauhausausstellung und anschließend im Triadischen Ballett. Ja, das von Oskar Schlemmer. Wir haben auf dem ganzen Rückweg darüber diskutiert, wie weit man damals schon war in den Überlegungen, wie eine Stadt für die Menschen aussehen muss. Und dann haut man heute Zeugs auf die Wiese, das nur die Botschaft vermittelt, dass Architekt und Bauherr allein auf der Welt sind.

  3. Aber gerade im Bauhaus fing es ja an, dass Architekten die Menschen erziehen wollten. „Wir bauen für den neuen Menschen“. Gerade Corbusier hat meiner Meinung nach mehr kaputt gemacht, als wirklich für die Menschen gebaut.

  4. Du meinst, dass das nicht die wahren Bedürfnisse der Menschen waren? Weg vom dunklen Hinterhof, hin zu Licht und Luft für alle Wohnungen? Ich dachte, dass das die Bauhausprinzipien waren

    • Der Wunsch nach Licht, Luft und Sonne war tatsächlich da. Er war ja auch verständlich aus der viel zu starken Überbauung der Stadtkerne im 19. Jahrhundert. Aber Corbusier und auch viele andere haben das das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, sie haben sich rigoros über alle bestehenden Strukturen hinweggesetzt, Corbusier hätte ja am liebsten ganz Paris abgerissen. Hier hat man ja erst viel später erkannt, dass Licht, Luft und Sonne sowie Funktionstrennung zwar gut sind, aber wieder andere Probleme schaffen wie zum Beispiel zuviel Verkehr. Überhaupt brauchen die Menschen mehr als Licht und Sonne, sie haben auch den Wunsch nach Identität oder ablesbare Geschichte einer Stadt. So etwas wurde von den damaligen Architekten nicht gesehen oder absichtlich verkannt.

      Das habe ich aber gar nicht so gemeint, die Bauhausarchitekten hatten auch einen sehr stark erzieherischen Ansatz, sie wollten mit dem neuen Bauen auch „den neuen Menschen formen“. Deswegen gab es auch den Begriff des „falschen Wohnens“. Es wurde eine neue Ästhetik von oben verkündet. (Da unterscheiden sie sich nicht von den heutigen Architekten). Für Corbusier galten nur gerade Straßen, er formulierte dies dann drastisch: „Die gekrümmte Strasse ist der Weg der Esel, die gerade Strasse der Weg des Menschen. Der Verkehr fordert die Gerade. Die Gerade ist gesund für die Seele der Städte.“ oder auch: „Das Haus ist eine Maschine zum Wohnen. Ein Sessel ist eine Maschine zum Sitzen.“ Nicht jeder wollte halt in einer Maschine wohnen.

      Und widersprüchlich war auch manches. Beispielsweise sind die Grundrisse der Weissenhofsiedlung sehr „modern“, weil sie nicht gleichberechtigte Räume haben sondern große Wohnzimmer und kleine Schlafkammern, die einzelnen Zimmer sind nach passenden Himmelsrichtungen ausgerichtet, ebenso eine Trennung nach Funktionen: hier das ruhige Schlafen, da das sonnige Wohnen, da das Arbeiten. Aber ganz konsequent ist es nicht, die Dienstmädchenzimmer sind natürlich weiterhin dem Arbeitsbereich zugeordnet, hier wird nicht nach Licht und Luft und Sonne gefragt. Und praktisch sind die Wohnungen nicht zwingend, dafür gab es ja noch die Dienstmädchen.

      • Siehstemal, das habe ich alles nicht gewusst. Ich habe ja nur oberflächliche Kenntnisse vom Stãdtebau, obwohl es mich sehr interessiert. Architekten sind manchmal sehr erzieherisch und ergriffen von ihrem Tun. Ob es dann praktisch ist, ist was anderes. Ich habe es bei unserem Schulumbau erlebt. Man reagierte etwas unwillig auf Menschen, die da dann arbeiten und vor allem in Fachräumen bestimmte Wege gehen müssen, zum Beispiel mit einem Chemikalienwagen. Leider war ich jetzt lange krank. So haben wir jetzt einen Bioraum auf der anderen Seite des Flures ohne Zugang zur Sammlung, ohne Gasanschluss und ohne Verdunklungsmöglichkeit.
        Dann gibt es ganz pragmatische Leute, die genau wissen wollen, welche Rãume man braucht und welche Bedingungen sie erfüllen müssen.

  5. ein sehr schöner Satz: „Architekten sind manchmal sehr erzieherisch und ergriffen von ihrem Tun.“
    Oder wie es ein FAZ-Titel schreibt: „Sie lesen nicht, sie diskutieren nicht, aber sie reden gern“ Tja.

  6. Ich (als interessierte Laiin) verfolge gerade das Theater um den Neubau des Mainzer Gutenberg-Museums. Da gab es einen Wettbewerb, drei Siegerentwürfe wurden ausgestellt, und prompt bildete sich eine Bürgerinitiatve, die da „lieber was schönes Altes“ haben will – an einer Stelle, an der nie Altes war.
    (Was den Siegerentwurf betrifft, gefällt mir der sehr. Er berücksichtigt den mittelalterlichen Stadtplan, läßt Durchgänge und auch etwas vom schönen Marktplatz übrig, und er sieht einen Solitär vor: einen „Bücherturm“ mit einem bronzenen Überwurf, perforiert von Buchstaben. In diesem Fall finde ich den Solitär gut; es ist ein besonderes, öffentliches Gebäude.)

  7. Ich weiß nicht, ob dieses „wir wollen lieber etwas Altes“ nicht eben der Wunsch nach Vielfalt, Gestaltung und Anpassung an das Drumherum ist. Das könnte man ja auch modern lösen…
    Ich habe mir gerade mal die Entwürfe des Museums angeschaut, das sieht alles ganz spannend aus. Gerade weil man sich bei einem Museumsanbau mit der Nachbarschaht oder dem Rest des Museums beschäftigen muss.

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