Ich steh an Deiner Krippe hier, 15. Tür

15. Tür

 

Die Bücher sind einsame Kapellen, die der Mensch in den wildromantischen Gegenden des Lebens auf dem höchsten und schönsten Standpunkt errichtet und auf seinen Wanderungen nicht bloß der Aussicht wegen, sondern hauptsächlich deswegen besucht, um sich in ihnen von den Zerstreuungen des Lebens zu sammeln und seine Gedanken auf ein anderes Sein als das rein sinnliche zu richten.
Ludwig Feuerbach

***

Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen das Kindelein

***

Maria wird in vielen Bildern dargestellt und jedes Bild entspricht auch einer anderen Vorstellung von Maria. Von der strengen Gottesmutter als Sitz der Weisheit (Maria ist hier mehr ein Thron denn ein Mensch) über sehr menschliche Darstellungen bis zu entrückten, verklärten Madonnenbildern. Sehr schön finde ich die Schutzmantelmadonnen, die Vorstellung, dass alle unter dem Mantel der Maria Geborgenheit finden.

 

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Virgin reading while joseph rocks the babe. Buchmalerei aus Nordfrankreich, 15. Jahrhundert, aus Andrea Günter, Maria liest

Ungewöhnlich ist die Darstellung der lesenden Maria. Allgemein wird gesagt, dies sei ein Symbol dafür, dass die Verheißungen der Heiligen Schrift erfüllt werden. Ich finde, es ist mehr dahinter, ansonsten hätte es auch genügt, wenn ein Engel mit einem Buch daherkommt oder wenn ein Buch auf dem Tisch liegt. Nein, Maria wird häufig in ein Buch vertieft gezeigt. Lesen heißt sich dem Wort öffnen, sich vertiefen, angesprochen werden, selbst nachdenken.

Mir fällt hier sofort ein: „Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Sie lässt die Worte an sich herankommen, sie verinnerlicht die Worte – wie es auch beim Lesen geschieht. Sie denkt selbst –aber mit dem Herzen.

„Lesen heißt „unterscheiden, sammeln, verbinden.“ Das Verbinden wiederum erinnert an Handarbeiten. Hier werden Fäden verknüpft und manchmal falsch verknüpfte wieder aufgezogen und neu verbunden. So gibt es Marien, die weben und stricken. Handarbeiten und Lesen haben ein und dieselbe geistig-seelische Bedeutung: Verbindungen ziehen im Innen, im Außen und zwischen Innen und Außen.“
Andrea Günter, Maria liest

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Auf der Flucht nach Ägypten. Virgin reading on donkey. Flämische Buchmalerei, ca. 1475, aus Andrea Günter, Maria liest

Noch ungewöhnlicher ist an diesen beiden Darstellungen aus dem 15. Jahrhundert, dass hier ein Rollentausch stattgefunden hat. Maria liest und Josef hütet das Kind. Selbst heute wirken diese Bilder sperrig, umso mehr in früherer Zeit. Beide funktionieren als Team, als Familie. Maria liest – dazu braucht es Ruhe und Versenkung und dies kann sie nur, wenn sich auch Josef kümmert.

Die Weihnachtsgeschichte ist ja eine Geschichte des Aufbruchs und der Bewegung. Alle sind in Bewegung, Maria und Josef müssen nach Bethlehem, ebenso wie die vielen anderen Menschen, die sich in Steuerlisten eintragen müssen, die Heiligen Drei Könige brechen von weit her auf, die Hirten machen sich auf, Maria und Josef müssen mit dem Kind fliehen… Insgesamt ein großes Getümmel und viel Bewegung. Da ist, wer liest, der ruhende Pol im Geschehen. Nur in Ruhe kann man Worte im Herzen bewegen.

***

Lesen

Ich habe alles
liegen gelassen.
Mein Schatten hinter mir
wandert langsam
von Norden nach Osten.
Meine Erinnerung endet
am Rande des Buches.
Langsam neben mir
im Glas trocknet
das Wasser.
Ohne Vorwurf
vergeht die Zeit.
Sie ist eine vollkommene
Geschichte ohne Fluchtpunkt,
auf den man
zugehen könnte,
um etwas zu finden.

Karl Krolow

 

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