Ich steh an Deiner Krippe hier, 13. Tür

13. Tür

Der Esel

Eingemummt in meine Lieblingsdaunenjacke stapfe ich über den Christkindlmarkt: neben mir, mit hochgeklapptem Kragen und dicken Schals um den Hals mein Mann und unsere beiden Töchter.

Langsam bummeln wir von Stand zu Stand: kosten bei den gebrannten Mandeln, schnuppern an den Bienenwachs-Kerzen. Und dann schauen wir uns Krippenfiguren an.

Diese kleinen Gestalten begeistern mich immer wieder. Bayerisch-barocke Miniatur-Hirten in Lederhosen, gibt es da und Könige im prächtigen Orientlook. Schließlich landen wir bei den Tieren: Schafe, Kamele, Ochs und Esel.

Ein Esel fällt mir besonders auf. Breitbeinig, den Kopf keck erhoben, als ob er jeden Moment sein IA losschmettert. Ein hübscher Kerl. Ich drehe ihn in der Hand.

Der Esel, der in unserer Krippe zu Hause steht, ist lang nicht mehr so ansehnlich. Vor zwei Jahren hat er sein linkes Ohr verloren. Wir fanden es später, ganz unten im Karton, wo er das Jahr über eingepackt liegt. Die dünne Klebenaht, die er jetzt am Ohransatz trägt, ist kaum zu sehen. Aber alle aus unserer Familie kennen sie natürlich.

Ich habe den fremden Esel immer noch in der Hand, als meine Töchter zu mir drängen. Stirnrunzelnd schaut mich die Jüngere an. Willst du etwa DEN da….? Nein, das war nur ein Idee.

Vorsichtig stelle ich die Figur wieder zurück auf den Verkaufstresen. Nein, so ein makellos perfekter Esel würde nicht zu uns passen. Die Spuren von Glück und Leid – Lebensspuren sind es, die einen Esel interessant machen. Und uns Menschen auch. So, wie wir sind gehören wir zu Weihnachten an die Krippe.
Auf ein Wort, Katrin Weidemann

***

Guter Gott,
wir wünschen uns die langen Ohren des Esels; vielleicht wären wir dann aufmerksamer für die leisen Töne von Weihnachten: für die Stimmen der Engel, das Weinen und Lachen des Kindes in der Krippe und das Brummen des Ochsen neben uns; wir wünschen uns die große Zunge des Ochsen; vielleicht könnten wir dann die Freude besser spüren, schmecken und fühlen, die Du unter uns weckst;
wir wünschen uns die Einfachheit des Esels und die Schwerfälligkeit des Ochsen; vielleicht würden wir dann nicht ständig weglaufen vor dir, sondern an der Krippe stehen und das Wunder von Weihnachten bestaunen

Aus einer Weihnachtskarte

2 Antworten zu “Ich steh an Deiner Krippe hier, 13. Tür

  1. Schön, diese Ochs-und Eselgeschichten!
    Liebevoll sind sie erzählt und treffen einen empfindsamen Nerv.

    Herzlichen Abendgruss,
    Brigitte

  2. Liebe Brigitte, die Esel sind eh viel mehr als einfach nur störrische Viecher.

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