Ich steh an Deiner Krippe hier, 11. Tür

11. Tür
„Letzthin, im Zug, direkt neben dir, das elend-fröhliche Digitalpiepsen eines Handys, und du weisst, jetzt wirst du die Seite nicht in Ruhe zu Ende lesen können, du wirst mithören müssen, wo die Unterlagen im Büro gesucht werden sollten oder warum die Sitzung auf nächste Woche verschoben ist oder in welchem Restaurant man sich um 19 Uhr trifft, kurz, du bist auf die unüberhörbaren Schrecknisse des Alltags gefasst – und da kramt der junge Mann sein Apparätchen aus der Tasche, meldet sich und sagt dann laut:
„Nein! – Wann? – Gestern Nacht? – Und was ist es? – Ein Bub? – So herzig! – 3 1/2 Kilo? – Und wie geht es Jeannette? – So schön! Sag ihr einen Gruss, gell! – Wie? – Oliver?. . .“
Und über uns alle, die wir in der Nähe sitzen und durch das Gespräch abgelenkt und gestört werden, huscht ein Schimmer von Rührung, denn soeben haben wir die uralte Botschaft vernommen, dass uns ein Kind geboren wurde.“
Franz Hohler

Die Weihnachtsgeschichte: Gott wird Mensch. Das sagt sich immer so abstrakt. Und auch auf Darstellungen ist das ja immer sehr liebevoll und niedlich. Ein kleines Kind in der Krippe oder oft sogar ein kleiner Erwachsener. Tatsächlich heißt das aber: Gott wird als Mensch geboren. Gott wird von einer Frau zur Welt gebracht – eben etwas sehr Körperliches. Mit Schreien und Schmerzen und Blut, eben eine menschliche Geburt. Gott kommt als kleines Kind zur Welt – ein Kind, das in enger Verbindung zu seiner Mutter steht, 9 Monate in ihr lebte, von ihr abhängig ist. Das ist das Unglaubliche und in seiner Konsequenz wohl auch gar nicht zu begreifen. Kein ferner Götterhimmel, nein, ganz, ganz menschlich, bis in die letzte Konsequenz.

Die Jungfräulichkeit Marias – die ist mir nicht wichtig, im Gegenteil ich finde sie sogar (ver)störend. Sie macht aus Maria ein asexuelles Wesen. Aber diese Vorstellung kam ja auch erst später auf. Wunderbar sind ja viele Geburten in der Bibel, Frauen, die nie schwanger werden konnten und dann doch noch ein Kind bekommen können. Und wunderbar ist im Grunde jede Geburt.

Gauguin, Geburt Christi
Paul Gauguin, Geburt Christi, des Gottessohnes – Te tamari no atua (1896), aus: Zeno.org

„Nein, das Wunder ist, dass Gott seinen Sohn nicht in einem Palast hat zur Welt kommen lassen, sondern von einer einfachen Frau in einem kleinen Ort in Galiläa. Gott will sich nicht mit der Macht und dem Glanz verbünden, sondern lässt sich auf einen einfachen Menschen des Volkes ein. Das Wichtige bei Jesus ist nicht seine Verwandtschaft, sondern das, was er sagt. Die Frage der Jungfräulichkeit ist ja auch erst im 3. und 4. Jahrhundert aufgekommen.“
Maria Jepsen

***

 photo 11221656_870597109705176_2058409960855339268_n.jpg

2 Antworten zu “Ich steh an Deiner Krippe hier, 11. Tür

  1. Wie schön, diese verschiedenen Sichtweisen zur Geburt! Den „Hohler-Text“ kannte ich – er passt wunderbar hierhin!
    Herzliche Wochenendgrüsse,
    Brigitte

  2. ja, liebe Brigitte, Hohler hat einfach tolle Texte und oft so knapp auf den Punkt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s