Ich steh an Deiner Krippe hier, 10. Tür

10. Tür

Unser Taxi schaffte in jener Vorweihnachtszeit in New York in fünfzehn Minuten gerade mal zwei Häuserblocks. „Dieser Verkehr ist eine Katastrophe“, schimpfte mein Begleiter. „Er nimmt mir das ganze bisschen Weihnachtsstimmung, das ich habe.“ Mein anderer Begleiter war philosophischer. „Es ist unglaublich“, sinnierte er, „ganz und gar unglaublich. Denkt doch bloß – ein Kind, das vor über zweitausend Jahren mehr als achttausend Kilometer von hier entfernt geboren wurde, verursacht heute auf der Fifth Avenue in New York ein Verkehrschaos.“
Norman Vincent Peale, Heute fängt Dein Leben an. Zürich

Im Grunde zieht sich ja durch die ganze Weihnachtsgeschichte die Botschaft durch: Wichtig sind die Schwachen, die Einfachen, die Naiven, die Kleinen. Maria – eine einfache, junge Frau, Elisabeth – eine kinderlose und somit verachtete Frau, Josef – ein alter Mann, der sich von seiner Braut überrumpeln lässt, die Hirten – Menschen am Rande der Gesellschaft. Aber die Schwachen können die Welt verändern.

Am schönsten zeigt dies diese Hirtengeschichte:

Der Tölpel

Unter den Hirten auf dem Feld
in Betlehem
war auch ein Einfältiger.
Er wurde von den andern nur Tölpel genannt.

Als eines Nachts
der Engel des Herrn erschien
um Ihnen die Geburt Christi anzukündigen
begriff der Tölpel seine Worte nicht.
Aber überwältigt von dem Glanz
der von dem Engel ausging
fiel auch er
im Innersten erschrocken
auf die Knie.

Und als die andern
wie der Engel es Ihnen gesagt hatte
sich aufmachten
das Kind zu finden
wollte auch er mit ihnen gehen.

Aber die Hirten
schämten sich seiner
denn sein Gewand war zerrissen
sein Bart struppig
und der Ausdruck
seines Gesichts blöd.

„Bleib du hier
bei den Schafen und beim Feuer“
sagten sie.
„Das Kind das wir suchen
ist kein gewöhnliches Kind
sondern ein König.
Einen Tölpel wie du einer bist
kann er nicht brauchen.“

Doch der Tölpel
ließ sich von ihren Worten
nicht einschüchtern.
Er lief ihnen nach
auch wenn er Mühe hatte
zu folgen.

„Was willst du
ihm denn schenken?“
spotteten sie.
Da sah der Tölpel erst
daß sie beladen waren
mit Milch und Honig
mit Wolle von den Schafen
mit Käse und Brot.

Daran hatte er nicht gedacht.
Er wurde sehr betrübt.
Aber auf einmal
heiterte sich seine Miene auf
und er rief voller Stolz:
„Ich könnte die Fliegen
von seinem Gesicht verscheuchen.

„Was glaubst du eigentlich!“
riefen die andern zurück.
„Dazu sind die Engel da!“

Der Tölpel wurde sehr traurig.
Aber auf einmal heiterte sich
seine Miene wieder auf
und er rief voller Stolz:
„Ich könnte seine Füße reiben
um es zu wärmen.“

„Was glaubst du eigentlich!“
riefen die andern zurück.
„Dazu sind die Engel da!“

Der Tölpel fing an zu weinen.
Aber auf einmal heiterte sich seine Miene
zum dritten Mal auf
und er rief voller Stolz:
„Ich könnte ihm ein Lied singen
damit es schlafen kann.“

„Was glaubst du eigentlich!“
riefen die andern zurück.
„Dazu sind die Engel da!“

Der Tölpel war nun sehr betrübt
sehr traurig und weinte.
Aber er gab nicht auf.
Er wollte den König
und die Engel
die von seinem Gesicht
die Fliegen verscheuchten
die seine Füße rieben
und ihm ein Lied sangen
wenigstens von weitem sehen.

Endlich standen die Hirten
vor dem Stall
und sie fanden das Kind
in einer Krippe liegen
arm und bloß.

Maria und Josef
hatten mit den vielen Gästen
alle Hände voll zu tun
denn nicht nur die Hirten
sondern auch die drei Könige
hatten den Weg
zur Krippe gefunden.

„Ach seufzte Maria.
„wenn ich nur jemanden hätte
der dem Kind die Fliegen verscheucht
der ihm die Füße reibt
und ihm ein Schlaflied singt!“

Da trat der Tölpel näher.
Und als er weit und breit
keinen Engel sah
da wischte er seine Tränen ab
lachte vor Freude und
und kniete
vor der Krippe nieder.

Er verscheuchte die Fliegen.
Er rieb dem Kind die Füße
um es zu wärmen
und sang ihm ein Lied
bis es einschlief.

Maria und Josef
und die drei Könige staunten.
Die Hirten aber schämten sich
und nahmen ihn auf dem Heimweg
in ihre Mitte
Sie wußten nun
daß der neue König
auch den Tölpel braucht.

aus dem Buch: „Wir haben das Kind gesehen. Verlag Herder Freiburg

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Eine Antwort zu “Ich steh an Deiner Krippe hier, 10. Tür

  1. Ein bisschen Tölpel steckt wohl in jedem von uns.
    Und das ist auch schön!
    Lieben Morgengruss,
    Brigitte

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