Ich steh an Deiner Krippe hier, 7. Tür

7. Tür

Im Dunkeln loben. Dem Sehen entgegen
Botho Strauß

***

Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle
Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht
zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut,
die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und läßt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.
Magnificat: Lukas 1,46

Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit einer Frau, genauer gesagt mit zwei Frauen und zwei wunderbaren Geburten. Maria, eine sehr junge Frau, wird die Mutter von Jesus und Elisabeth, eine alte, kinderlos gebliebene Frau, wird die Mutter des Johannes. Aber sie bekommen nicht einfach so ein Kind, es wird jeweils von einem Engel angekündigt. Bei Elisabet besucht der Engel ihren Mann Zacharias, der über dieser Ankündigung erschreckt verstummt. Maria bekommt direkt Besuch von einem Engel, ein junges Mädchen aus einfachem Haus spricht mit einem Engel! Er verkündet nicht nur, sie führen einen Dialog.
Antje Schrupp weist in einem sehr lesenswerten Vortrag darauf hin, dass es hier nicht um ein demütiges Akzeptieren geht, Maria wird gefragt und sie sagt ja:

„Ganz offensichtlich ist es eben einfach so, dass auch Gott, um Mensch zu werden, genau das braucht, was alle Menschen brauchen, wenn sie auf die Welt kommen: eine Mutter nämlich. Ohne das bewusste Ja einer Frau, die einwilligt, Jesus zu gebären, gäbe es keinen Erlöser – ohne Maria kein Jesus, kein Weihnachten, kein Karfreitag, keine Auferstehung, keine Kirche, kein Christentum.“

Maria besucht Elisabeth, dabei begrüßt das Kind im Leib der Elisabet strampelnd das Kind der Maria: „da hüpfte das Kind in ihrem Leibe“ – ein schönes Bild! Maria stimmt daraufhin einen Lobgesang an, das Magnificat.

Weihnachten ist eine Frauengeschichte. Maria und Elisabeth sind nicht stumm, ertragen nicht still und demütig, sie haben einen aktiven Part. Sie nehmen die Aufgabe an, sie schreiben sich auch nicht selbst diese Geburten zu, sie wissen, woher diese wunderbaren Geburten kommen und sie sprechen und singen darüber.

„Maria singt sich hinein in die weihnachtliche Freude über ihr Kind. Sie singt sich hinein in die jahrhundertealten Hoffnungen und Sehnsüchte ihres Volkes. Sie singt sich hinein in die alten Lieder werdender Mütter, mit denen Frauen in Israel die Geburt ihres ersten Kindes besangen.“
Marion Lange

Und dieses Magnificat ist nicht einfach nur ein Lobgesang, es ist ein Revolutionslied, nach Maria Jepsen ein „Umsturz der Werte“.

Dietrich Bonhoeffer schreibt über das Magnificat: „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht … ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“

Somit ist das Magnicat das ideale Adventslied. Und es ist ja nicht umsonst vielfach vertont worden. Advent ist die Zeit der Lieder, des Singens. Mein Favorit ist zur Zeit von John Rutter:

Heute sagen wir das so:
meine seele sieht das land der freiheit
und mein geist wird aus der verängstigung herauskommen
die leeren gesichter der frauen werden mit leben erfüllt
und wir werden menschen werden
von generationen vor uns, den geopferten, erwartet.

Dorothee Sölle, Meditation über Lukas 1, 46-55,

 

2 Antworten zu “Ich steh an Deiner Krippe hier, 7. Tür

  1. Wie auch immer man zum Weihnachts-Geschehen steht, diesen Frauen darf man Respekt zollen.
    Mich berührt zudem die Aussage von Botho Strauss: „Im Dunkeln loben. Dem Sehen entgegen.“ Damit meint er wohl noch etwas mehr als nur Hoffnung oder Zuversicht.

    Herzliche Grüsse,
    Brigitte

  2. Selbst wenn es nur eine Geschichte ist, dass hier die Frauen eine so wichtige Rolle spielen, gerade zur damaligen Zeit, das ist schon beeindruckend.

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