Ich möchte keine Rose

Zum Frauentag werden wieder Rosen an die Frauen verteilt. Ich möchte  keine Rose bekommen. Rosen sind Beschwichtigungen, die über den ganz banalen Alltag wegtäuschen sollen. Ein Zuckerle fürs Kind. Ein Zuckerguss für diesen Tag, der darüber wegtäuschen soll, was jeden Tag schiefläuft.

Ich will nicht, dass Werber diesen Tag okkupieren. „Zelebrieren Sie Ihre Weiblichkeit“ – was anderes fällt Euch nicht ein? Einkaufen für die Gleichberechtigung der Frauen? Im Ernst? Meine Herausforderungen sind auch nicht „Beruf, BH und Bügelbrett“.

Überhaupt will ich auch nicht mehr hören: „Mach doch was aus Dir!“ und damit ist gemeint, „sei doch mal weiblicher!“ Ich will mir auch nicht mehr vorschreiben lassen, ob und wie ich mich schminke, ob ich mich „weiblich“ genug kleide oder nicht. Und dies vor allem nicht von anderen Frauen.

Ich will nicht mehr mit Kollegen über ein Thema diskutieren, wichtigen Input geben und anschließend vom Kollegen im Gespräch mit anderen hören: ICH habe mir überlegt…

Ich möchte nicht mehr gegenüber einem älteren Kollegen eine Bemerkung machen, dass ich eine Bemerkung von ihm gegenüber Frauen unpassend finde und anschließend 10 Besprechungen hintereinander immer und immer wieder gezielt Spitzen gegen Frauen zu hören – mit Blick auf mich. Falls ich nicht reagiere, wird nochmals nachgehakt.

Ich will nicht mehr auf Rosa, Shopping, Schuhe und Diäten reduziert werden. Ich finde Shoppen furchtbar. Ich interessiere mich für Kunst und Geschichte und Städte und Fotografie und vieles mehr. Eine andere Frau für Technik und Backen. Die nächste für Stricken, Astrophysik und Literatur.

Ich habe kein Problem, über Klischees zu lachen. Aber das Lachen bleibt mir oft im Hals stecken, weil nichts darüber hinaus kommt.

Ich will nicht mehr für ehrenamtliches Engagement einen Blumenstrauß bekommen und der Kollege eine Flasche Wein. Ich würde mich viel mehr über die Flasche Wein freuen. Aber dann müsste man ja nachdenken, was man verschenkt.

Ich will nicht mehr im Beruf, in Vereinen und im Ehrenamt ständig Rücksicht nehmen müssen auf die „Ehrenkäsigkeit“ von älteren Männern, meist mit Doktortitel. Und gleichzeitig hören, wir Frauen sollen uns nicht so anstellen, wenn wir uns beklagen sind wir „hysterisch“.

Ich will nicht mehr von Frauen hören, „eigentlich bin ich ja keine Feministin, aber…“ Es gibt nicht den Feminismus und ohne Feminismus ändert sich nichts.

Ich will nicht mehr sehen müssen, wie Ehepaare im Bekanntenkreis ihren Ruhestand organisieren. Er hört auf mit seiner Arbeit, stürzt sich danach ins Ehrenamt. Für sie gibt es keinen Ruhestand, sie führt weiter den Haushalt, kocht, putzt, kauft ein, bettelt um Taschengeld, hält ihm den Rücken frei. Er bekommt dann Ehrenmedaillen und Urkunden für seine Tätigkeiten. Sie nicht.

Ich will nicht mehr am Telefon für die Sekretärin gehalten werden und gefragt werden ob denn DER Geschäftsführer da ist.

Ich mag nicht mehr, dass sich in Büroküchen selbstverständlich die Frauen um die Spülmaschinen kümmern. Es ist kein böser Wille, aber viele Männer sehen einfach nicht, was anfällt.

Ich will lieber einen vernünftigen Alltag als Rosen. Ich will keine Beschwichtigungen mehr. Ich habe einfach genug davon. Ich möchte wahrgenommen werden. Ich möchte, dass die Arbeit der Frauen wahrgenommen wird.

Ich rede hier nur von ganz alltäglichen Begebenheiten, nicht von strukturellen Benachteiligungen, nicht von unterschiedlichen Bezahlungen, von gläsernen Decken, von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Hebammen, von Sexismus, von sexueller Belästigung usw. Da gäbe es viel zu sagen. Ich zähle hier nur die ganz alltäglichen und unspektakulären Ereignisse der letzten Wochen auf. Alle sind einzeln überhaupt nicht dramatisch aber es reicht mir.

Ich möchte keine Rosen, ich möchte ernstgenommen werden.

7 Antworten zu “Ich möchte keine Rose

  1. Bravo! Würde man(n) diese Dinge berücksichtigen, die du aufzählst, dann hätten wir eine echte, eine wahrhaftige Gleichberechtigung.

  2. Ja, so ist es. Und wir sind dem Tag für Tag ausgesetzt. Früher habe ich darauf immer sehr aggressiv reagiert. Was dazu führte, wie Du es auch sagst, dass man dauernd vorgeführt wird.
    Mittlerweile übe ich mich in lustigen, aber durchaus ernst gemeinten Antworten, so dass ich die Lacher auf meiner Seite habe.
    Entspanntes, lächelndes Kontern.
    Das habe ich mir abgeguckt von Frauen, die sich in reinen Männerwelten als Chefin behaupteten.

  3. Meine Zustimmung hast Du – und – ich will auch keine Rosen.

  4. Danke, Margot und Karu!
    Ach Croco, wie bekommt man das hin, entspanntes Kontern? Ich kann’s noch (?) nicht, hoffe aber, da irgendwann hinzugelangen.

  5. Ich will weder Rosen noch so einen blöden Alibi-Tag, auch keinen Valentins- und Muttertag ;-)
    Heute habe ich gekocht – wie fast immer – und jetzt macht ‚er‘ die Küche, eine gute Einteilung.
    LG, Ingrid

  6. Von „Oh, haben Sie heute Ihren Frauenhassertag? Da nehm ich besser Abstand.“ bis zu „Sie müssen auch mal Mädchen mitspielen lassen, sonst lernt man das ja nie“ . Aber alles in sehr freundlichem Ton und mit rotzfrechem Grinsen. Das haut die meisten um.
    Ich hatte an der Uni ne Professorin in Chemie, die von allen verehrt wurde, weil sie eben entspannt war und sich doch nicht die Butter vom Brot nehmen ließ.
    Was mir hilft, ist, bevor ich loslege, mir mmer zu sagen „Sind doch alles bloß kleine Jungs.“
    Männer habe ich auch schon Einführung in den Gebrauch der Spülmaschine gegeben, ist ja ein technisches Gerät. Mit etwas Übung schaffen sie das auch ;)

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