Adventsblicke, 22. Tag

22. Tür

22. Tür: Himmelsrichtungen

Wo steht eigentlich eine Kirche? Klar, mitten in der Stadt, wir lassen schließlich die Kirche im Dorf. Meist hat sich ja um die Kirche erst das städtische Leben entwickelt. Der Marktplatz ist nicht umsonst in der Nähe, Kirche und Markt gehörten häufig zusammen, der Jahrmarkt – die Kirmes oder Kermes oder Messe hängen ja nicht umsonst auch sprachlich damit zusammen. In Esslingen ist die erste Besiedlung eine kleine Cella, also eine Art kleines Kloster. Abt Fulrad aus St. Denis, dem diese Cella gehörte, besorgte Reliquien für dieses Kloster – die Gebeine des heiligen St. Vitalis. Daneben lag der Markt. (Esslingen hat einen der ältesten Märkte Deutschlands) Kirche, Wallfahrt und Markt, das waren nun der Ausgangspunkt für das Wachstum der Siedlung. Nicht anders war es ja in Köln, ohne die heiligen drei Könige und der ganze Wallfahrts-„Tourismus“ wäre Köln nie zu solcher Größe aufgelaufen.

Die Kirche steht in der Regel in Ost-West-Richtung, der Chor nach Osten, nach Westen manchmal ein ganzes Westwerk, also ein Vorbau mit Türmen und Vorhalle. Auf jeden Fall war die Westfassade wichtig, weil hier fast immer ein Eingang gab, nach Osten liegt der Schwerpunkt im Inneren, hier ist die Fassade lange nicht so wichtig.

Dies sieht man sehr gut in Speyer, hier läuft die ganze Stadt mit dem Straßenmarkt auf das Westwerk zu.

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Karl Gruber, die Gestalt der deutschen Stadt

Speyer, Westwerk

In Esslingen stehen alle drei großen Kirchen sehr dicht an der westlichen Stadtmauer. Hier gibt es keinen großen Zugang vom Westen, hier stehen die Kirchen zwar in Ost-West-Richtung, aber sie stehen ganz anders in der Stadt, die Westfassaden haben keine große Bedeutung. Hier der Link zur einer historischen Ansicht von 1685, da sieht man es ganz gut.

Da in Freiburg die Straßen der Stadt nicht in Ost-West-Richtung verlaufen (wahrscheinlich aus topographischen Gründen) steht das Freiburger Münster diagonal auf dem Münsterplatz und bekommt so eine ganz eigene Stellung.

 photo gruber-freiburg0003.jpg

Karl Gruber, die Gestalt der deutschen Stadt

 

Doch sollte man dann meinen, dass bei einer Ost-West-Ausrichtung nun die beiden Seiten, also die Südseite und die Nordseite gleichwertig sind. Doch auch werden Unterschiede gemacht zwischen dem kalten Norden und dem hellen Süden. So ist die Nordseite den Frauen und die Südseite den Männern zugeordnet. Oft sind auch die Nordseiten bescheidener ausgestaltet als die Südseiten. Ob dies überall stimmt, weiß ich nicht.

Bei der Esslinger Frauenkirche stimmt das unbedingt, hier ist der Grund aber auch ganz einfach:  Diese Kirche hat eine Schauseite nach Süden. Sie „thront“ im Norden der Stadt, ein wenig erhöht und zeigt sich hier als Bürgerkirche, von den Bürgern der Stadt mit Spenden errichtet, der Stolz der Bürgerschaft. Nach Norden kommt eine Anhöhe, hier ist wirklich keine Schauseite.

Esslingen Frauenkirche, Südfassade

So sind die Himmelsrichtungen immer symbolisch besetzt, es geht aber genauso um die praktische Lage in der Stadt. Jede Kirche hat hier ihre Besonderheit, ob sie mit der Kirche planmäßig angelegt wurde, ob sie um die Kirche gewachsen ist oder die Kirche später entstanden ist. Schauen Sie doch mal, wie Ihre Kirche in der Stadt steht. Gehen Sie mal bewußt auf die Kirche von allen Seiten zu und beobachten Sie.

 

Und was wäre schöner als mit einem Spruch von Brigitte, meiner treuen Adventstexteleserin  (und Verfasserin eines wunderbaren weihnachtlichen ABCs, unbedingt lesen!)  zu enden:

„Die Himmelsrichtungen belegen es: In welche der vier Richtungen wir auch gehen, wir sind himmelwärts unterwegs.“
Brigitte Fuchs

***

wenn

gottes kind kommt
von norden oder süden
osten oder westen
auf berge, in städte, ans meer
dann wird es zeit
die türen zu öffnen
weit offen
die herzenstür

ein andererer Advent

 

 

 

5 Antworten zu “Adventsblicke, 22. Tag

  1. Ich kenne zwei kleine Kirchlein, die in Süd-Nord-Richtung ausgerichtet sind, die sogenannte Reiche Kapelle und die Hofkapelle der Münchner Residenz. Da der Erbauer, Kurfürst Maximilian I., äußerst katholisch gewesen ist, mutet das etwas seltsam an. Ich werde mal nachforschen, vielleicht erfahre ich, warum ausgerechnet diese Gotteshäuslein entgegen der vorherrschenden Tradition ausgerichtet wurden.

  2. Ich muß da an die herrliche Liebfrauenkirche in Oberwesel denken, die ich kürzlich besucht habe. Die steht schräg in der Windrose, mit dem Hauptaltar im Nordosten, Richtung Rhein. Die Kirche stand außerhalb der Stadt; wieso so schräg, ist auch nicht mehr zu verstehen.

  3. Stimmt, die steht ja tatsächlich vor allem zum Rhein hin orientiert. Die hat eine schöne Lage!

  4. Und ist wunderschön, mit Wandgemälden, gotischem Lettner und einem unglaublichen Goldaltar.
    (Ich habe inzwischen gelernt, daß manche Kirchen nach dem Sonnenstand am Namenstag ihres Patrons ausgerichtet seien; man müsse allerdings genau prüfen, ob irgendwelche Umwidmungen stattgefunden haben und ob der Bau von vor oder nach der Kalenderreform stammt …)

  5. Ja, das stimmt, es wurde oft am Tag des Patrons die Ostung vorgenommen. Dann gibt es noch die Kirchen mit Achsenknick, da ist der Chor ein wenig zum Hauptschiff verschoben. Es gibt auch Thesen, dass dies durch einen Wechsel des Patronats im Laufe der Bauzeit passierte.
    ganz lesenswert: (wie alles von Herrn Kiesow)
    http://www.monumente-online.de/05/02/sonderthema/sehen_lernen_ausgabe2005_02_spolien.php

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