Adventsblicke, 15. Tag

15. Tür

15. Tür: Von Wetterhähnen und anderen Kirchturmspitzen

Kommen wir noch mal zum Wetterhahn auf dem Dach zurück. Für die meisten ist es eindeutig, wo ein Hahn auf dem Dach ist, ist die Kirche evangelisch. Auf einer katholischen Kirche ist ein Kreuz. Meistens, nicht immer.
In manchen Gegenden ist es genau andersherum.

Kirchturmspitzen Esslingen

Überhaupt ist die erste schriftliche Erwähnung eines sogenannten Wetterhahnes aus dem Jahr 820 (aus Brescia) und das war deutlich vor der Reformation.

Auf manchen Kirchturmspitzen kann man einen Schwan sehen, das Wahrzeichen Luthers. Auf den Kirchen an der Nordsee ist es – natürlich – ein Schiff. In der Bretagne gibt’s auch mal einen Walfisch als Richtungsweiser.

Frauenkirche Esslingen

Auf der Esslinger Frauenkirche steht ein Engel, der einen Stern balanciert. Auf vielen evangelischen Kirchen ist es der Verkündigungsengel mit Posaune.

In der Alten St.-Alexander-Kirche in Wallenhorst bei Osnabrück sitzt eine Henne auf dem Dach und kein Hahn. Weil diese alte Kirche viele Nachbarkirchen „ausgebrütet“ hat, sagt man.

Aber bei fast allen Kirchen sitzt die Wetterfahne noch auf einer Kugel, die die Welt symbolisiert. Diese Kugeln sind auch häufig Zeitkapseln. In Uhlbach auf der Kirche ist angeblich ein Bild meiner Urgroßmutter als Kind, weil mein Ururgroßvater der örtliche Flaschner war, der dieses Kirchendach reparierte. Und da er ein frischgebackener Vater war, kam natürlich das Bild seines Kindes da rein.

So sitzen also die Hähne und Schwäne und Kirchturmengel weit über uns, schauen auf uns herab und wachen über uns.

erschossener Kirchturmhahn Gruorn
Ein Hahn hat allerdings noch mehr erlebt. Der Wetterhahn der Kirche von Gruorn hat sehr viele Einschusslöcher. Gruorn ist ein aufgegebenes Dorf im ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen. Das Dorf wurde bei der Erweiterung des Truppenübungsplatzes umgesiedelt. Danach wurde hier Häuserkampf geübt. Und so manche Kiste Bier wurde ausgelobt für den, der den Wetterhahn trifft. Heute sind die kläglichen Reste des Ortes wieder zu besichtigen, die Kirche und das Schulhaus sind wieder aufgebaut und die St. Stephanus-Kirche hat wieder einen neuen Turmhahn, der alte ist in der Kirche ausgestellt.

Doch, abgesehen von den Einschusslöchern des Hahnes berührt mich diese Kirche nicht wirklich. Man merkt ihr an, dass man hier „die Kirche nicht im Dorf gelassen hat“, nein, falsch, man hat das Dorf nicht um die Kirche gelassen. Und Kirche und Dorf oder Kirche und Stadt gehören zusammen.

***

Schöne Aussicht.

An einem schönen und wichtigen Gedanken
hinaufklettern,
wie auf einen Baum.
Und dann oben in der Spitze sitzen
und ganz langsam
mit ihm wachsen.

Martin Harner

 

4 Antworten zu “Adventsblicke, 15. Tag

  1. Deine Kirchturmspitzengeschichten sind wunderbar, Tine. Was auch immer da ober sitzt thront oder tanzt, ich werde fortan mehr danach schauen…
    Und etwas gedankenklettern wie in dem schönen Poem!

    Lieben Morgengruss,
    Brigitte

  2. Was Ihnen schon wieder eingefallen ist. Bin hin und weg von den verschiedenen Gesichtspunkten, unter denen man Gebåude betrachten kann.
    Schon wieder Opa:) Komt man denn an solche Kapseln ran?
    Meiner war ja Bildhauer. Es ist schon lange her, dass man richtige Grabmäler baute, für ganze Familien und mit irgend einer Allegorie obendrauf. Meist mit Engel groß und klein. Dafür nahm dann der Großvater seine Kinder als Modelle. So liefen wir dann später an der Hand der Tanten über den Friedhof und uns wurden die ganz Familie gezeigt, als Engel in verschidenen Wachstumsstadien auf fremden Gräbern.

  3. Croco, das habe ich mich auch gefragt, wie man an solche Kapseln rankommt. Erst wieder bei der nächsten Renovierung.
    Die Engel-Geschichte ist mal wieder zu schön! Wir hatten auch noch so einen großen Grabstein in der Familie, aber ohne Engel. Ein Riesentrumm, in Schwarz mit Goldschrift. aber eben nicht englisch.
    Brigitte, wir sollten alle mehr gedankenklettern, zu den Engeln und auch sonst.

  4. Hier in München, der Hauptstadt der Wittelsbacher Dynastie, die ca. 750 Jahre lang ununterbrochen über Bayern herrschte, sieht man natürlich auch viele Löwen als Windfahnen. ;-) Am schönsten finde ich jenen, der die Kuppel der Theatinerkirche – St. Kajetan – am Odeonsplatz ziert. Ich such‘ mal nach dem Foto…

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