Adventsblicke, 13. Tag

13. Tür

13. Tür: Das Mittelalter war knallbunt

„Die Menschen empfinden im Allgemeinen
eine große Freude an der Farbe.
Das Auge bedarf Ihrer, wie es des Lichtes bedarf.“
Johann Wolfgang von Goethe

 

Wenn wir uns diese zwei Kirchenräume anschauen, als Beispiel für viele so fällt unser Blick natürlich zuerst zum Chor. Wir sind aber auch beeindruckt vom Raum, von den schlichten Natursteinwänden, erhaben und edel – alles Quatsch! Das Mittelalter war nicht vom Naturstein geprägt, das Mittelalter war knallbunt. Vor allem die Kirchen. Was wir hier sehen ist durchaus beeindruckend aber wir dürfen nicht vergessen, dass dies ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts ist. Da wurden viele Kirchen regotisiert aber eben im Sinne des 19. Jahrhunderts. Und da hatte man einen ganz anderen Umgang mit dem Material. Im 19. Jahrhundert stand das pure Material im Vordergrund, der nackte Stein in seiner verschiedenen Farbigkeit.

Esslingen - St. Dionys
Esslingen, St. Dionys
Esslingen - St. Paul
Esslingen, St. Paul

Im Mittelalter wäre es schlecht denkbar, etwas so Kostbares wie eine Kirche unbemalt zu lassen. Im Grunde ist es ähnlich wie wir ein Geschenk auch nicht unverpackt übergeben. Die Kirche bekommt durch die Bemalung erst ihre Fassung, ihren Wert. Die natürlichen Fugen der Steine wurde im Mittelalter meist übermalt, oft mit neuen, jetzt exakt gesetzten Fugen. Für uns sieht das heute ein wenig nach Modelleisenbahn aus, aber es war eben eine komplett andere Denkweise.

Die Kirchen waren also weitgehend farbig. Wie weit und wie genau wissen wir meist nicht so genau, aber wir können davon ausgehen, dass die meisten Kirchen innen und außen bunt waren. Nicht nur die Skulpturen waren farbig, auch Säulen, Pfeiler, Wände etc.

Wenn man genau hinsieht, sieht man noch Reste. Beispielsweise in Nürnberg inder St. Sebaldus Kirche.

Nürnberg St. Sebaldus

 

Oder in Freiburg in der Portalhalle.

Freiburg Münster

In Limburg beispielsweise war der Dom komplett farbig. 1862 wurde er steinfarben gestrichen. 1962 wurde er nach Farbuntersuchungen wieder in der Originalfarbigkeit gestrichen – ein damals äußerst ungewohnter Anblick.

Limburger Dom

 

Limburg, Dom

Die kräftige Farbigkeit der sakralen Architektur hob sich früher ganz bewusst von der schlichten Materialfarbigkeit des Alltags ab. Farbe war teuer, sogar sehr teuer. Deswegen war es nur logisch, dass sie für das Kostbarste verwendet wurde. So trägt Maria auf Gemälden einen blauen Mantel – weil Ultramarin die teuerste Farbe war.

Mir gefällt beides, die schlichten Naturstein-Räume aber auch eine bunte Kirche. Und ich finde spannend, dass nicht alles so ist, wie wir es uns vorgestellt haben. Das Leben ist bunt und wir sind mittendrin.

***

Farben sind die Töne der Stille.
Ernst R. Hauschka

***

Wenn die Proportion der Rhythmus des Raumes ist,
so ist die Farbe seine Poesie.
Quelle unbekannt

 

 

4 Antworten zu “Adventsblicke, 13. Tag

  1. Es ist wirklich beides sehr reizvoll, das üppig Farbige und das schlicht Monotone!
    Danke für diese schöne Lektion in Kunstgeschichte.
    Mit herzlichen Grüssen in den 3. Adventssonntag,
    Brigitte

  2. Das lässt mich an die sogenannte Reiche Kapelle der Münchner Residenz denken. Die zählt zwar schon zum Frühbarock, kam mir aber ganz spontan in den Sinn, als ich über die Farbigkeit der Kirchen las, denn sie ist von einer prachtvollen Farbigkeit, bis hin zur tiefblauen Kuppel, die aus acht Pfund zerstoßenem Lapislazuli gefertigt wurde – was damals schon ein Vermögen kostete…

  3. Was du alles ‚ausgräbst‘! Einfach wunderbar! Man ist so daran gewöhnt, alles in ‚Naturstein‘ zu sehen, dass einem das Bunte ganz besonders faszinierend vorkommt. Bei ‚Modelleisenbahn‘ musste ich schmunzeln und an das Bad Doberaner Münster denken. Innen ist jeder Stein bemalt, jede Fuge. Schon sehr ungewöhnlich für unsere Augen und zu viele visuelle Eindrücke. Andererseits spürt man das Weltliche und Lebensfrohe in den bunten Farben.
    Liebe Grüße, Ingrid

  4. Das waren die Lektionen des diesjährigen Denkmaltags, zum Thema Farbe gehört ja auch die Nichtfarbe. Mein Kollege hat eine ganze Führung nur zu den gefassten und ungefassten Steinen gemacht. Die größte Erkenntnis des Denkmaltags war, dass Farbe im Grunde wie wechselnde Kleider der Gebäude ist, die Moden wechseln immer wieder.

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