Brauchen Einkaufscenter Denkmalattrapen?

Wie gesagt, ich habe prinzipiell nichts gegen Einkaufscenter, sie müssen nur in Größe. Lage und Anbindung an die Stadt angepasst sein. Ich  finde es auch gut, dass die Entwicklung zu in die Stadt integrierten Einkaufscentern geht (was das Milaneo leider überhaupt nicht ist).

Was mich aber unendlich ärgert, ist der Umgang mit den Denkmalen. Ich war noch nicht im Gerber und es zieht mich auch gar nicht hin, wenn ich mitbekomme, dass hier – mal wieder – ein Denkmal dem Einkaufen weichen musste.

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Nein, natürlich nicht ganz, schließlich ist ja noch eine Fassade übrig … und es ist doch ganz schön geworden … wäre doch schade gewesen um die hübsche Fassade … und wir können doch froh sein, dass immerhin die Fassade… und die blauen Fenster stören doch auch nicht wirklich, oder? … Handel ist schließlich Wandel, nicht wahr?…

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Ich kann es nicht mehr hören und ich will es auch nicht mehr sehen. Ob ich in Gent im Urlaub bin: (eine wirklich tolle Stadt, aber muss so etwas sein?)

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Oder in Duisburg. Oder (fügen Sie eine beliebige Stadt ein. Sie werden dort ein Beispiel finden.)

Überall die gleichen toten Gerippe. Dies waren einmal Häuser, sie hatten eine Geschichte, eine Funktion, es lebten Menschen darin. Jetzt sind sie eine Trophäe an der Wand des Einkaufscenters, das Einkaufen schmückt sich mit fremder Geschichte.

„Seit einigen Jahren hat dieses positiv besetzte Altstadt-Bild Begehrlichkeiten auch unter denjenigen geweckt, die dem Alten und Engen vor einigen Jahrzehnten den Rücken zugewandt hatten: den Einkaufszentren. Sie begnügen sich nicht mehr damit, die Silhouette der Altstadt ihrem Logo zu inkorporieren, sondern machen die Altstadt selbst zu ihrer Firmenwerbung.“
Ingrid Scheurmann: Stadtbild in der Denkmalpflege: Begriff – Kontext – Programm.

Wir wissen alle, dass die Marktmacht der Einkaufscentren denkmalgeschützte Gebäude frisst. Auf einmal ist es eben doch kein Denkmal mehr oder nicht mehr wirtschaftlich zu tragen und überhaupt muss man ja abwägen, dieses kleine Denkmal gegen die vielen neuen Arbeitsplätze. Ob in Essen am Limbecker Platz oder in Görlitz das City-Center, Beispiele gibt es zuhauf. Aber dieses Einbauen einer alten Fassade finde ich besonders perfide. Die Stadt und ihre Häuser werden zur Tapete degradiert, mit denen sich das Shoppingcenter schmückt und gegen die verwechselbaren immergleichen Center absetzen will und so glaubt, einen Hauch der Geschichte abzubekommen.

Das schlimmste Beispiel sind natürlich hier die Schloss-Arkaden in Braunschweig, aber jedes einzelne gefressene und vereinnahmte Haus ist genauso falsch. Und das unter dem Deckmantel des Denkmalschutzes.

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In Stuttgart geht es ja immer weiter. Die Teppichgalerie soll abgerissen werden. Aber alles kein Problem der Architekt „scheint den Denkmalschutz im Griff zu haben.“:
„Wir werden die Fassade katalogisiert abbauen“, erklärt Willwersch. Das bedeutet, ein Sachverständiger wird Buch führen, welche Teile der klassizistischen Front beim späteren Neubau wieder eingesetzt werden müssen. „Die Fassade wird am Ende genau so aussehen wie jetzt – nur frischer.

Dies ist ja auch ein Problem von Rekonstruktionen.  Es schwächt die eigentlichen Denkmale. Schließlich ist das rekonstruierte Gebäude besser, neuer, pflegeleichter  – oder eben „frischer“. Wer will denn dann noch echte alte Gebäude?

Wir müssen uns vielleicht auch fragen, wozu wir Denkmalschutz benötigen? Aus welchen Gründen schützen wir die Denkmale? Darüber müssen wir wieder reden, und wenn es keiner mehr weiß, sollten wir es erklären. Es geht um die Bewahrung eines Erbes zur Weitergabe an die nächste Generation, es geht um unsere eigene Identität, um die Identität der Stadt, um die Bewahrung von Bausubstanz als materielle Quelle. Es geht darum, dass Erinnerung einen Raum braucht. Es geht nicht darum, die Stadt mit historischen Tapeten aufzuhübschen. (und das sage ich, als Stadtbildpflegerin!)

Der Schweizer Denkmalpfleger Albert Knoepfli hat schon 1975 über die „Tapetenstädtler“ gespottet. Und Gertrud Clostermann verglich ein Gebäude passend mit einem Buch:

„Die Substanz des Baudenkmals zu erhalten ist das Entscheidende, nicht nur die Fassade. Es ist, wie wenn man aus einem Buch die Textseiten herausreißt und mit Hinweis auf den noch vorhandenen Einband behauptet, das Buch sei ja noch da!“

 

 

 

7 Antworten zu “Brauchen Einkaufscenter Denkmalattrapen?

  1. Pingback: Neue Einkaufscenter braucht das Land | Doppelblog's Weblog

  2. Oh, da krieg ich die kalte Wut — ein Blick nach Saarbrücken zeigt das gleiche Elend. Undurchsichtige Genehmigungsprozesse, die an Denkmalschutz zweifeln lassen, und dann: ein Einkaufsparadies ohne Ausgang in einer sterbenden Innenstadt. Sauber, effizient, seelenfrei. Geschichte nur noch als Anstecknadel.

  3. Für Duisburg ist das typisch, da ist sowieso alles nur Fassade.

  4. Lakritze, sag ich ja, das gibts fast überall. und überall sind Leute deswegen sauer, wütend oder genervt.
    Karu, da nehmen sich Duisburg und Stuttgart nichts.

  5. Hieß der Fassadenheini nicht Potemkin?
    Aber Du hast Recht, es ist nur Show, nicht echt. Bin gestern durch Köln marschiert. Die haben ja nicht mehr viel und das wird noch pseudorestauriert, Fassade halt.

  6. Aber bei Potemkin ging’s darum, vorbeizufahren und einen schönen Eindruck zu haben. Die Einkaufscenter sollen ja besucht werden. Da fällt der Beschiss schnell auf.

  7. Pingback: Es ist Essig mit der Essigfabrik | Doppelblog's Weblog

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