Oh je, Du liebe Weihnachtszeit 19

Es ist ein altes Gesetz, daß unterteilte Dinge kleiner sind als das Ganze. Das ungeteilte Ganze ist größer als die Summe der Teile. Zumindest gilt das, habe ich hier gelernt, in hohem Maße von der Zeit. Geteilte Zeit vergeht rasch. Die Großnasen haben ihre Zeit erbarmungslos zerhackt, und die Zeit rächt sich damit, daß sie entflieht, so schnell sie kann. Und darüber wundern sich die Großnasen ständig. Ständig jammern sie, daß ihnen »die Zeit in den Händen wie Wasser zerrinne«. Daß den Großnasen dabei nicht sogar selber etwas auffällt? Aber Denken ist nicht die Stärke der Großnasen… dazu » haben sie keine Zeit«.

Herbert Rosendorfer – Briefe in die chinesische Vergangenheit

Du liebe Zeit 19

Jetzt geht’s langsam ans Eingemachte, der Stress hinterlässt Spuren. Ein wenig komme ich mir vor wie die Indianer, deren Seele beim Reisen nachkommen muss. Meine Seele muss auch noch nachkommen, ich fürchte, ich werde Weihnachten nachsitzen müssen…

Aber so geht es jetzt ja vielen, noch letzte Dinge erledigen, Todo-Listen abhaken und alles immer mit Blick auf die Uhr. Uhren sind eine tolle Erfindung, vor allem wenn ich auf die Bahn rennen muss. Aber natürlich sind wir heute dem Diktat der Uhr unterworfen. Sind wir das?

Auf jeden Fall wurde die Zeiteinteilung immer detaillierter und auch immer mechanischer. Früher waren Stunden je nach Tageslänge unterschiedlich lang. Seit dem Aufkommen der Uhren gibt es nur noch die exakten, „mechanischen“ Stunden, die immer gleich sind.

Früher gab es die verschiedensten Arten der Zeitmessung, es wurde die Länge des Schattens gemessen, es gab Wasseruhren, Kerzenuhren, Sanduhren bis irgendwann hin zu den mechanischen Uhren. Am Anfang hatten Uhren einen Zeiger, im 17. Jahrhundert kam der Minutenzeiger dazu, im 18. Jahrhundert dann der Sekundenzeiger.

„Nein! Eine Uhr mit Sekundenzeiger will ich nicht haben. Die hackt das Leben gar zu klein.“
Madame Sevigné

Spannend finde ich ja Spezialuhren, wie beispielsweise die Mittagskanone. Eine Sonnenuhr mit einem Brennglas, wenn um Mittag dort die Sonne hineinscheint, wird damit Pulver entzündet, dass einen Kanonenschlag auslöst. Oder auch die Gewürzuhr, eine Uhr für das nächtliche Uhrenablesen im Dunkeln. Hier gibt es zu jeder Stunden ein Schälchen mit verschiedenen Gewürzen, man tastet die Zeiger ab und schmeckt das dazugehörige Schälchen und weiß dann, wenn man sich die Gewürzreihenfolge richtig gemerkt hat, die Uhrzeit.

Einheitliche Uhrzeiten gibt es erst seit der Einführung der Eisenbahn, bis dahin zeigte jeder Kirchturm seine eigene Zeit an.

 photo zeitdifferenzbahn.jpg

Interessant ist aber auch, dass die Zeit zwar immer genauer gemessen wird, aber dafür heute eine Differenz zwischen tatsächlicher Ortszeit und angenommener Uhrzeit herrscht. (durch die verschiedenen Zeitzonen)

Über Uhren und Technik gäbe es viel zu sagen, sprengt aber hier den Rahmen. Aber ohne genaue Uhren war es nicht möglich, den Längengrad genau zu bestimmen, was das Navigieren auf Schiffen früher zu echten Glücksspielen machte. Fremde Erdteile sind also erst seit der Erfindung von genauen Uhren gut zu entdecken. Uhren haben viel vorangebracht, aber mehr Zeit haben wir deswegen auch nicht.

Wenn man es kritisch betrachtet, zeigen die Uhren recht wenig, jedenfalls nicht das für uns Wesentliche der Zeit. Was sie zeigen, ist nicht viel mehr als die Seitenzahl im Buch des Lebens, in dem das steht, was gerade gegenwärtig geschieht. Das Wesentliche ist aber nicht die Seitenzahl, es steht im Text, und der ist das, was wir erleben.

Albert Hinkelbein
Zeit – Maß des Lebens

Und um die Zeit zu erfahren, musste man früher den Blick an den Himmel heben, um nach den Sternen die Zeit zu erkennen. Heute blicken wir nicht mehr auf, wir blicken auf eine Maschine. Vielleicht sollten wir öfters nach oben schauen. Nicht nur wegen der Uhrzeit.

Don’t watch the clock. Do what it does. Keep going.
Sam Levenson

4 Antworten zu “Oh je, Du liebe Weihnachtszeit 19

  1. Danke für die vielen kleinen Zeitgeschichten, für all die Mühe des Zusammentragens und für die Uhrfotos.
    Weißt Du noch, wo Du das hier her hast?
    Die Uhr kommt mir bekannt so vor, ebenso die Sonnenuhr vom 17.

  2. Dankeschön!
    Die Uhr ist aus Essen, das ist das Deiterhaus (wusste ich bis gerade auch noch nicht)
    http://de.wikipedia.org/wiki/Glockenspiel_%28Essen%29
    Die Sonnenuhr ist aus Füssen, vom Schloss.

  3. Es ist eben eine eigenartige Sache mit der Zeit. Einerseits ist sie exakt messbar, sozusagen wissenschaftlich/technisch, andererseits spielt das individuelle Empfinden so eine große Rolle. Ich wünsche dir zu Weihnachten ganz viel schöne Zeit und auch ich schließe mich dem Dank für diese wunderbare Serie an.
    LG, ‚Franka‘

  4. Ach, die „Briefe in die chinesische Vergangenheit“! Dieses Buch liebe ich sehr! Das ist so was von hintersinnig, liebenswert und augenzwinkernd geschrieben, ich lese es immer wieder von Herzen gerne…
    Und der Schlußsatz erinnert mich an eine denkwürdige TV-Sendung, die ich vor einer Weile gesehen habe: Wir „modernen“ Menschen haben den Kontakt zum uns umgebenden Universum, zum Sternenhimmel, verloren. Und dadurch ein gerüttelt Maß Lebensqualität…
    Auch von mir ein ganz herzliches Dankeschön für deine wundervollen, vorweihnachtlichen Posts. Ich wünsche dir und deinen Lieben ein schönes, zeitloses und entspanntes Weihnachtsfest, und einen guten Rutsch ins neue Jahr…
    ♥liche Grüße!

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