Unbequeme Denkmale?

Ganz frisch zurück aus dem Urlaub und bevor es hier weitergeht, noch einen Blick auf den morgigen Tag des offenen Denkmals. Es wird keinen überraschen, dass ich wieder einen Besuch in Esslingen empfehle.

„Ich bin ja schon für Denkmalschutz, aber dass jemand bei meinem Haus mitredet, wie ich es bauen soll, das geht ja wohl nicht.“

„Ich bin ja schon für Denkmalschutz, aber diese alte Hütte hier ist doch hässlich, die kann man doch abreißen.“

„Ich bin ja schon für Denkmalschutz, aber wir leben doch im Heute, da brauchen wir doch moderne Häuser (mit Aufzug, Klimaanlage, Wärmedämmverbundsystem und so weiter).“

„Ich bin ja schon für Denkmalschutz, aber es reicht doch, wenn die Fassade hier stehen bleibt. Oder am besten, wir reißen alles ab und bauen es wieder genauso auf, nur neu.“

Diese Sätze sind nicht mal überspitzt, man kann den einen oder anderen genau so hören. Keine Frage, Denkmalschutz ist manchmal unbequem.

Deswegen war es in Esslingen auch keine Frage, das diesjährige Thema „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ kann durchaus weit gefasst werden. Viele Städte widmen sich vor allem den Bauten der Nazizeit oder anderen Bauten, die an Zeiten erinnern, die es nicht hätte geben dürfen. Es gibt aber noch eine Menge anderer Gründe, weshalb Gebäude unbequem sind:

Gebäude, die nicht als schön gelten. Schönheit ist kein Kriterium für die Denkmaleinschätzung. Das Schönheitsempfinden wandelt sich. Heute bewundern wir die „malerischen“ Fachwerkhäuser, früher waren sie „altmodische Häuser, nur von Holz und Riegel gebaut“.

Leer stehende Häuser, die keine Nutzer finden, oder auch zu große und anspruchsvolle Nutzungen, die das Gebäude buchstäblich erschlagen.

Und immer, immer wieder zu hohe Verwertungsinteressen. Großflächige Nutzungen, ich nenne nur beispielsweise den Einzelhandel. Wie vielen Einkaufscentern in Deutschland ist ein Denkmal zum Opfer gefallen? Jüngstes Beispiel das Gerberviertel in Stuttgart. Oft ist großzügig die Fassade übrig geblieben. Reicht doch. Nein reicht eben nicht.

Überhaupt ist ein großer Feind des Denkmalschutzes der Rekonstruktionswahn. Ist nicht ein „neues altes“ Gebäude viel besser, weil hübscher, glatter, bequemer? Muss sich dagegen nicht das alte Gebäude rechtfertigen, mit seinen Runzeln und Falten, mit seiner unbequemen Geschichte, seinen Altersspuren und Schäden? Dies passt natürlich in die heutige Zeit, in der die Anforderung an den menschlichen Körper ist, fit, schön, straff, perfekt und makellos zu sein. Da sollen auch die Denkmale eine „perfekte Fassade“ haben.

Dabei ist der Reiz der Denkmale, dass sie von den Menschen berichten, die darin gelebt haben, dass sie echt sind, mit Lebensspuren. Wir brauchen die Geschichte und die Erinnerung an früher und Erinnerung braucht einen Ort. Geschichtslos zu sein ist wie ein Mensch, der seine Erinnerungen verloren hat.

altes Schelztorgymnasium

Und weil das nun alles sehr theoretisch ist, ist morgen die Gelegenheit, sich den gelungenen Umgang mit unbequemen Denkmalen anzuschauen und mal wieder unbekannte Denkmale zu sehen.

Wie immer gibt es ein großes und vielfältiges Programm, von Führungen und Objektbesichtigungen und Gastronomie in alten Pferdeställen, Scheuen und Wengerterhäusern. Man kann hinter die Kulissen der Firma Kessler blicken oder in den alten Wasserbehälter auf der Burg steigen, sieht Gebäude im Umbau, beispielsweise das älteste Lichtspieltheater Baden-Württembergs, das Centraltheater, sieht vor dem Abriss gerettete Gebäude wie das ehemalige Schelztorgymnasium, heute das Landesamt für Denkmalpflege, kann Ausgrabungen unter der Stadtkirche sehen oder sich erzählen lassen, was die Überreste der Ausgrabungen des Karmeliterklosters im Lapidarium bedeuten. Es gibt Führungen zu den Esslinger Stolpersteinen und zu 40 Jahren Altstadtsanierung, zu den ehemals „nutzlosen“ Pfleghöfen und zu zeitweise ungeliebten Kirchen. Man kann am Nachmittag in die (neue und alte) Synagoge schauen oder ins ehemalige jüdische Waisenhaus (Theodor-Rothschild-Haus). Es gibt natürlich wieder eine Kinderführung, diesmal zu den Stadtmauern. Unbequem sind natürlich auch die technischen Denkmale, so die ehemaligen königlichen Hoflieferanten Gebrüder Kauffmann, deren Maschinenhaus man besichtigen kann. Typisch für Esslingen sind auch die Weinbergmauern, leider auch ein unbequemes Denkmal, weil viele einsturzgefährdet sind. Durch die Weinberge wird natürlich auch gewandert. Und wie immer kann man auf die Stadtkirchentürme und hier einen neuen Blick auf diese schöne alte Stadt bekommen.

Stadtkirche Esslingen

Stadtkirche Esslingen

Es gibt also, wie all die letzten 20 Jahre in Esslingen ein Programm, das einen Besuch lohnt.

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8 Antworten zu “Unbequeme Denkmale?

  1. Denkmalschutz sollte auch beinhalten, dass die historische Einheit eines Straßenzugs oder Platzes gewahrt werden soll, d. h., dass es nicht ermöglicht werden sollte, neben einem z. B. vierhundert Jahre alten, liebevoll restaurierten Fachwerkhaus einen abstrakten, höchst modernen Neubau hinzuklotzen. ;-)
    Ich wünsche dir morgen einen schönen Denkmal-Tag!

  2. oh ja, das ist sehr wichtig. Deswegen sind viele Städte (auch Esslingen) als Gesamtanlage geschützt, es sind eben nicht nur die „Monumente“ wichtig, die Rathäuser, Schlösser usw sondern auch die unscheinbaren Häuser in einer Hauszeile, die einen ganzen Straßenzug ausmachen.
    Bei meiner Führung morgen werde ich sagen, dass das Ensemble genauso eine Rolle spielt wie die richtigen Details. Und das am passenden Beispiel zeigen.

  3. Was für schöne Fotos!
    Ich bin eigentlich eine begeistere Anhängerin dieses Tages & architektonisch interessiert. Aber dieses Jahr hab ich mir kein Verzeichnis organisert. Schaun wir also mal…
    Liebe Grüße
    Astrid

  4. auf der Homepage der Denkmalstiftung kann man online sehr schön schauen:
    http://tag-des-offenen-denkmals.de/programm/
    Hier kann man eine Stadt eingeben oder auch nach Themen suchen. Es wird dann eine Karte gezeigt und links alle Denkmale die auf dem jeweiligen Kartenausschnitt zu sehen sind. Das kann man also rauf und runterzoomen, sehr praktisch das Ganze. Und fürs Smartphone gibts auch was.

  5. Ich finde deine Ausführungen sehr interessant! So viele Gedanken habe ich mir dazu ehrlich gesagt noch gar nicht gemacht – und hätte schon gedacht, dass auch das ästhetische Argument ein besonders wichtiges ist! Und dass es sich gut einfügt in den Rest drumherum.

    Spannend. Und da ich erst heute hierher komme, habe ich den Tag einfach so verpasst! Ich werde weiterlesen und mich informieren.

    Danke dir!!

    liebe Grüße von Ellen

  6. Denkmale, die „hübsch“ sind, werden natürlich stärker von den Bürger verteidigt. Aber ein Denkmal ist ein Denkmal aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen. Ein Gebäude von künstlerischen Wert gilt natürlich in der Regel auch als schön. Es kann ein Gebäude auch unter Denkmalschutz stehen, weil es ein letztes Zeugnis für eine alte Baukonstruktion ist, die es sonst nicht mehr gibt, weil es eine besonderes Nutzung hat, die es sonst nicht mehr gibt, weil es an eine wichtige Zeit in diesem Ort erinnert, weil es Zeugnis abgibt, wie ein besonderer Bautypus aussah. Gerade alte Bauernhäuser, alte Scheunen, einfache Taglöhnerhäuschen sind oft nicht mehr hübsch.Und für die Wissenschaftler ist eine originale Wand mit allen Rissen und Macken wichtiger als die neu aufgebaute und wieder begradigte. Die wird auch nicht immer als schön empfunden. Oder technische Bauten, ich finde sie schön, aber das gefällt nicht jedermann. Und gerade eben auch die Gebäude mit Erinnerungsfunktion, ein Gefängnis, ein Hinrichtungsort, Bauten des Nationalsozialismus, ein Schlachtfeld – die sind oft eher gruslig. Aber sind sind dennoch wichtig.

  7. Ich bin bislang noch bei keinem „Tag des offenen Denkmals“ gewesen, was vermutlich daran liegt, dass der Titel auf mich etwas fade wirkt. Jetzt erzählen aber gleichzeitig Du und ein Bekannter sehr begeistert davon und machen mich neugierig. Also werde ich vielleicht im kommenden Jahr mal sehen, was es so zu sehen gibt.

    Ich stimme Dir zu, Denkmale sind unbequem. Es ist ganz lang her, wir hatten das Thema Denkmalschutz irgendwann einmal im Kunstunterricht in der Schule und wurden dabei auch konfrontiert mit dem „Sanierungs“-Boom der 60er und 70er-Jahre. Darunter hat manche Innenstadt gelitten, gar nicht zu sprechen von diesen fürchterlichen Wohnsiedlungen, die entstanden. Da waren winzige Fachwerkhäuschen keineswegs irgendwie niedlich, sondern wurden als Ausdruck auch sozialen Elends gewertet, als etwas Verfallendes. Zum Glück ist man ja heute von dem Trip wieder runter.

    Aber vieles, was oberflächlich betrachtet gar nicht nach Denkmal aussieht, ist ja auch eines. Als wir in diesem Jahr zur „Extraschicht“ im Ruhrgebiet waren, hat mich besonders die Zeche Zollern fasziniert – auch das ein Gebäudekomplex, den sicher vor dreißig oder vierzig Jahren niemand als potentielles Denkmal betrachtet hätte. Hier in meiner Stadt ist es ganz ähnlich, da werden die Reste der inzwischen verstorbenen Textilindustrie umgenutzt – nur ob das immer unter angemessenem Respekt für die noch existierenden Gebäude stattfindet, weiß ich auch nicht so recht. Wie es scheint, ist es gerade auch fürchterlich modern, mit einer Firma in einer alten Fabrik zu residieren, was aber nicht automatisch bedeutet, dass da Denkmalschutz stattfindet.

    Manchmal frage ich mich, was Archäologen wohl denken würden, wenn sie nach Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden unsere Shoppingmalls ausgraben würden. Man könnte die für eine Art Tempel halten, obwohl sie dafür eigentlich zu seelenlos sind. Das halte ich für ein großes Problem, denn zu Recht sprichst Du von Verwertungsinteressen, die immer mehr im Vordergrund stehen. Man sieht, wie ganze Innenstädte einzig und allein noch auf kommerzielle Verwertung ausgerichtet werden, sie gelten lediglich noch als Orte des Konsums, nicht mehr als Lebens- und Aufenthaltsraum für Menschen. In meiner Stadt steht wohl recht bald die Hälfte des Omnibusbahnhofs als Grundstück zur Verfügung, und ich habe mit dem Gatten schon oft darüber diskutiert, wie schön ich es fände, wenn dieses Grundstück mitten in der Stadt beispielsweise zu einem Park, einem Ruhe- und Begegnungsraum für Menschen gestaltet würde. Aber es ist eben lukrativer, daraus Parkplätze oder noch eine Geschäftspassage zu machen. Ich hoffe, dass ich doch noch positiv überrascht werde.

    Herzlichen Dank für den Gedankenanstoß!

  8. Ja, nicht nur die Denkmale sind sperrig, auch der Name der Veranstaltung ;-) Ich vermute mal, die einzelnen Veranstaltungen sind auch sehr unterschiedlich, schließlich ist es ja nicht zentral organisiert, jeder Denkmalbesitzer, der mitmachen will, kann mitmachen. Bei uns ist eine gewisse Filterfunktion, weil die Stadt und die städtische Denkmalpflege viel organisiert, aber jede Führung ist anders und die meisten von Laien. Was natürlich auch den Reiz ausmacht. Ich war bei zwei sehr alten Besitzern einer ehemaligen Geflügelaufzucht und Bettfedernfabrik, da wird nicht stringent erzählt, da mäandert der Erzählfluss hin und her, was gerade kommt. Aber das macht doch auch den Reiz aus.

    Dass Gebäude zu verschiedenen Zeiten verschieden gewertet wurden ist im Grunde nicht einmal unbequem sondern einfach der Lauf der Dinge, Aber die Folgen sind halt doch unbequem.

    Die technischen Denkmale sind ja tolle Beispiele für das gewandelte Ansehen. Ich kenne ja sehr, sehr viele Museen im Ruhrgebiet und finde sie alle wahnsinnig spannend und interessant, ob Zeche oder Hochofen oder Zinkfabrik oder Textilfabrik (ich müsste mal über Cromford und Euskirchen bloggen…) oder Mühlen oder Schiffshebewerke… Und für das Ruhrgebiet ist das ja eine große Chance, interessanterweise gingen die Übernachtungszahlen ja nach dem Kulturhauptstadtjahr weiter in die Höhe, es war nicht nur eine einmalige Aktion.

    Womit wir wieder bei der Verwertung wären, es ist ja auch nichts dagegen zu sagen, wenn ein Denkmal verwertet wird, aber halt nicht auf Kosten des Denkmals.

    Ein Zitat zu den Einkaufscentern kann ich mir nun nicht verkneifen:

    „Seit einigen Jahren hat dieses positiv besetzte Altstadt-Bild Begehrlichkeiten auch unter denjenigen geweckt, die dem Alten und Engen vor einigen Jahrzehnten den Rücken zugewandt hatten: den Einkaufszentren. Sie begnügen sich nicht mehr damit, die Silhouette der Altstadt ihrem Logo zu inkorporieren, sondern machen die Altstadt selbst zu ihrer Firmenwerbung. […] Die altstadtflüchtigen Stadtbürger sind es vor allem, die durch das Angebot der Shopping-Center in die Innenstädte zurückgeholt werden sollen. Das Konzept ist durchaus erfolgreich –nur bleiben die Menschen hinter den neu-alten Fassaden des Konsums nahezu unsichtbar. Der Stadtraum mutiert zum Innenraum, das Öffentliche weicht dem Privaten. Nicht zuletzt setzt sich so die Segregation der Städte auch in den zuvor geradezu tabuisierten Altstadtbereichen fort: Die privaten Zonen des Kommerzes wuchern mehr und mehr in den touristisch aufbereiteten öffentlichen Raum, ’neue Feudalherrn‘ stehen ante portas. Der Marktplatz, das Forum, der Ort des freien Stadtbürgers bleibt dagegen leer.“

    Ingrid Scheurmann: Stadtbild in der Denkmalpflege: Begriff – Kontext – Programm. In: Brandt, Sigrid / Meier, Hans-Rudolf (Hrsg.): Konstruktion und Rezeption von Bildern der Stadt. Stadtbild und Denkmalpflege, Band 11. Berlin 2008, S. 146

    Die Ärchäologen-Frage stelle ich mir auch oft, in den verschiedensten Kontexten…

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