Keltenausstellung – auf den letzten Drücker

Lange geht sie nicht mehr, die Keltenausstellung in Stuttgart, wir waren wie immer auf den letzten Drücker. Aber wer noch nicht dort war, hat was verpasst: Es sind Faschingsferien, das Wetter ist meist schlecht, also hingehen, unbedingt!

„Die mythischen Kelten!“ Druiden und Mistelzweige. Unzivilisierte Barbaren. Geheimnisvolles Volk. „Ich spüre genau, dass in mir keltisches Blut ist“ – solch Dinge hört man, sobald es um Kelten geht. Anscheinend lassen die Kelten niemand kalt. Wieso eigentlich?

Tatsächlich wissen wir über die Kelten sehr wenig und sehr viel. Es gibt unglaublich spannende und prächtige Funde zu bestaunen, aber sie haben uns einfach keine Erklärung dazu hinterlassen. Dass es keine schriftlichen Überlieferungen gibt, macht alles Keltische zu einem großen Rätselspiel. Überhaupt, wer waren eigentlich die Kelten? Ein Volk? Es ist das erste bei uns fassbare Kulturvolk, aber ob sie sich überhaupt als EIN Volk begriffen haben, eher nein. Und wieso verschwanden sie so plötzlich?

Ein wenig Licht ins Dunkel bringt diese sehr sehenswerte Landesausstellung in Stuttgart. Wie gesagt, schon fast vorbei, sie geht nur noch bis zum 17. Februar. Sie besteht aus zwei Teilen, die auch an verschiedenen Tagen besichtigt werden können. In beiden Ausstellungsbereichen kann man durchaus einige Zeit verbringen. Allerdings werden Sie nicht alleine sein.

Im ersten Teil, „Zentren der Macht“ im Stuttgarter Kunstgebäude geht es um die Entwicklung der keltischen Zivilisation. Er gibt einen guten Überblick über die verschiedenen Phasen, über Handel, Religion, Gesellschaft – und darüber wie sich die Kelten selbst sahen und wie sie von den Römern und Griechen dargestellt wurden. Im Mittelpunkt stehen die verschiedenen Fürstensitze wie Heuneburg, Glauberg und Ipf. Spannende Modelle und 3-D-Aufnahmen zu diesen Fürstensitzen machen diese Machtzentren anschaulich. Wer schon einmal auf dem Ipf spazieren war, findet das Modell natürlich beeindruckend, zu sehen, was hier oben alles stand – und vor allem mit welchem Aufwand sie ihre Fürstensitze schützten, eine ganze Reihe von Wallanlagen. Die Unterschiede zwischen reich und arm waren enorm, mussten sie ihre Fürstensitze nach außen oder nach innen schützen?

Es ist ja beeindruckend, in welch unglaublicher Pracht diese Fürsten lebten. Nun, Fürsten, wir nennen sie heute so, tatsächlich wissen wir nicht viel über sie. Es wird vermutet, dass es ein erbliches Fürstentum gab, einfach aus der Tatsache heraus, dass es auch Gräber mit prächtig geschmückten Kindern gibt, die also durch Leistung noch keinen Rang erworben haben können ; aber es bleibt, wie so vieles, eine Vermutung nach Indizien.

Meine Erwartungen vom zweiten Teil, „Kostbarkeiten der Kunst: Das außergewöhnliche Kunstschaffen der Kelten“ waren nicht so groß. Umso größer meine Überraschung. Zum einen natürlich all diese aufwendigst bearbeiteten und prächtigen Funde zu sehen. Hier ist wirklich alles versammelt, was an keltischer Kunst beeindruckend ist. Zum anderen ergibt sich somit einen wunderbar Überblick über die verschiedenen Phasen, wie die Kunst sich vom geometrischen zum Ornamentalen entwickelte und wie diese ornamentale Formensprache bis in die heutige „Celtic art“ von Schottland und Irland oder vielleicht auch besser keltische Folklore hineinreicht.

Überhaupt – Großbritannien und die Kelten. Die keltische Kultur lebt im heutigen Großbritannien ja tapfer weiter. Tatsächlich, und das hat mich nun schon verblüfft, gibt es in Großbritannien gar keine Kelten. Es wurden vor einiger Zeit Gen-Untersuchungen gemacht. Es gibt keine Verwandtschaft mit den Kelten des Festlandes. Man vermutetet, dass die keltische Kultur und Sprache nach Großbritannien kam, vielleicht über keltische Händler. Beides wurde übernommen, ohne dass es zu nennenswerten Vermischungen kam. Des Klabauters Kommentar war dazu nur: Wie bei uns heute mit der amerikanischen Kultur. Ja, vielleicht so ähnlich, nur haben wir unsere eigene Sprache nicht verdrängt. (Auch wenn das die Sprachschützer sagen, aber das ist nun eine ganz andere Baustelle)

Was in der Ausstellung sehr gut zu sehen ist, ist die keltische Kunst der Abstraktion.  Sie übernahmen etruskische Vorbilder, kopierten sie aber nicht eins zu eins, sie vereinfachten und abstrahierten sie. Abstraktion ist eine Kunst, die Dinge wurden nicht einfacher nachgemacht, weil man es nicht besser kann, nein, sie wurden zu einem neuen Kunstwerk „abstrahiert“ und weiterentwickelt.

Mein Lieblingsobjekt:
Ein eher unscheinbares Objekt, das mich unendlich beeindruckt hat, ist eine zerbrochene etruskische Schüssel. Natürlich ist diese Schüssel auch in zerbrochenem Zustand noch wertvoll. Sie wurde nun aber nicht einfach nur „repariert“, also zusammengefügt oder geklebt. Die Bruchstellen wurden mit Goldapplikationen zu einem neuen und wertvollen Kunstwerk gemacht.

Recht bekannt aber auch immer wieder sehenswert sind die Funde aus dem Fürstengrab von Hochdorf. Alleine dieses Bett ist ein Blick wert, es wird von Frauenfiguren auf Einrädern getragen, ist somit dekorativ und durch die Räder auch noch beweglich. Beeindruckend, wie überhaupt die gesamte Handwerkskunst der Kelten, diese war auf höchstem Nieveau.  Und wer noch nicht in Hochdorf war … hier geht’s lang. (In Hochdorf werden keine Originale gezeigt, die sieht man im Württembergischen Landesmuseum. Aber alle Originale wurden nachgemacht, dabei hat man eine Menge Erkenntnisse gewonnen und darum geht es in Hochdorf. )

Es ist also absolut lohnenswert und beeindruckend, diese Ausstellung zu sehen. Einen kleinen Eindruck gibt’s auf Youtube:

Weitere Infos auch hier. Vergessen Sie auch nicht, die vielen informativen Filme dort anzuschauen. Und nehmen Sie Zeit mit.

6 Antworten zu “Keltenausstellung – auf den letzten Drücker

  1. Ach verflixt. Da wolle ich dich auch noch hin.
    Das schaff ich jetzt nicht mehr, weil ich mir aus Erholungsgründen lieber den Rheinischen Karneval reinziehe statt der Fasnet. Erholung wegen der Fahrerei und der unbedingten volsständigen Verwandtschaftsbesucherei.
    Danke für die Links und die Erklärungen.
    Diese genetischen Untersuchungen überraschen mich doch. Die Schotten Walliser und Iren sind keine Kelten? Aber doch die Bretagner und die Nordspanier? Ich bin nämlich so eine Tumulus und Hünengräbersucherin und Finderin. Und ich mag die Symbolsprache, meine Schmuckkiste zeugt davon.

  2. Ach, und die Schüssel ist ja herzig.

  3. Das ist ja genau in der Zeit jetzt, in der ich noch Urlaub habe… Ich werde mich gleich mal kundig machen, wie ich am günstigsten nach Stuttgart komme… Danke für den schönen und sehr gut gestalteten und überaus informativen Post!

  4. Croco, diese Untersuchungen fand ich auch verblüffend. Es geht darum, dass die „Ureinwohner“ Großbritanniens im Westen aus dem iberischen Bereich kommen und im Osten aus dem irgendwie Germanischen Bereich und dass diese sich kaum untereinander verschmischt haben. (beide aber lange vor den Kelten eingewandert) Und genetische Verwandschaft zu den Kelten wurde praktisch keine gefunden.

    Im Geo Epoche über die Kelten ist es zu lesen und vor allem auf der DVD zu sehen, das ist, glaube ich, irgendeine übersetzte BBC-Serie (http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/geoepoche-dvd-die-kelten-67280.html)

    Ansonsten habe ich nicht viel darüber gefunden, hier in diesem Forum ein Verweis auf die Untersuchung:
    http://www.geschichtsforum.de/f32/keine-kelten-irland-2211/

  5. Hallo, ich habe es gerade noch geschafft mir die Ausstellung anzusehen. Sie war wirklich gut.

    Grüße
    Andrew

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