Wasser in Zeeland – das Watersnoodmuseum

Urlaub am Meer – hier dreht sich alles ums Wasser. Ob Baden im Sommer oder Spaziergänge am Meer – es sind die Freuden des Wassers. Natürlich wissen wir, dass das Meer nicht immer so harmlos ist, dies macht auch ein wenig den Reiz des Meeres aus. Es ist eben nicht ein harmloser Badetümpel, nein, da geht’s auch mal richtig zur Sache, mit hohen Wellen, Gischt, Wind – das ganze Programm, toll, beeindruckend!

So ist unsere Touristensicht, das Wasser soll uns unterhalten. Dass dies aber nicht immer so ist, dass die Bewohner von Küstenorten durchaus ambivalente Gefühle zum Wasser haben, ist uns schon klar. Nicht umsonst ist es ja eine recht neue Entwicklung, dass sich Seebadeorte zum Wasser hin öffnen, ältere Siedlungen haben sich nicht ohne Grund meist vom Wasser abgewandt.

Bei unseren unzähligen Urlauben in Zeeland wurde uns das immer wieder klar, schließlich gab es hier 1953 die große Flutkastrophe – de Ramp in niederländisch, einfach nur „die Katastrophe“ genannt. In der Nacht vom 31. Januar auf 1. Februar jährte sich diese Katastrophe nun zum 60. Mal. Es war eine verheerende Flut, die schwerste und folgenreichste im 20. Jahrhundert. Über 2.000 Tote, 72.500 Menschen mussten evakuiert werden, 182.000 tote Tiere und rund 200.000 ha überspültes Land. Unvorstellbare Zahlen, gerade weil sie so abstrakt sind.

Ein Museum macht diese nackten Zahlen sehr eindrucksvoll erlebbar und verstehbar. Das Waternoodsmuseum in Ouwerkerk ist seit neustem auch im Winter geöffnet und so konnten wir dieses äußerst sehenswerte Museum einmal erleben.

Die Gegende um Ouwerkerk wurde von der Flut besonders heftig getroffen, der Deichdurchbruch war so groß, dass er erst 10 Monate später mithilfe von riesigen Senkkästen abgedichtet werden konnte. In diesen Senkkästen befindet sich das Museum, ein wirklich authentischer Ort. Selten hat mich ein Museum so berührt. (Damit bin ich nicht alleine). Dies macht auch die sehr gelungene Mischung: Es gibt Informationen über die Flut, es versucht an persönlichen Schicksalen und Geschichten die Katastrophe begreifbar machen und es ist gleichzeitig ein Gedenkort für die Toten.

Fakten sind abstrakt aber notwendig um uns überhaupt zu erklären, was passiert ist. Aber im weiteren Verlauf stehen die Menschen im Vordergrund. Anhand von persönlichen Erinnerungsstücken werden einzelne Schicksale deutlich. Sehr berührt hat mich eine Schultasche. Sie ist das einzige Erinnerungsstück, die eine Mutter von ihrem Sohn noch hat. Beide standen eine Nacht lang auf einem Telegraphenmast, der Sohn fiel irgendwann vor Entkräftung ins Wasser und ertrank. Die Mutter band darauf hin mit einem Kabel am Mast fest und wurde am nächsten Tag gerettet. In der gleichen Vitrine ist ein kleiner Koffer, in diesem wurde der gerade 14 Tage alte Teun bei der Evakuierung transportiert, seine Wiege wäre zu schwer gewesen. Teun hat überlebt und ist heute 60 Jahre alt:
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Am meisten berührt hat mich die Gedenkstätte. Alle Namen sind aufgelistet, nach Orten sortiert. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Die meisten Toten sind die ganz Alten und die ganz Jungen.

In einem Extra-Raum werden alle Namen aller Toten auf den Boden projiziert, wie ein durchlaufender Fluss. Auf einem Tonband werden alle Namen genannt, mit Erinnerungen an die Toten, wie sie von Verwandten erzählt wurden. Es ist schön zu sehen, dass sie nicht vergessen sind:

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Wer also Urlaub in Zeeland macht, sollte sich dieses Museum einmal anschauen, es lohnt sich auf alle Fälle. Die Texte sind auf Niederländisch und Englisch, man bekommt aber auch einen deutschen Audio-guide, so bekommt man auch genügend mit, wenn man kein Niederländisch kann.

Auch die Gegend lohnt einen Blick. Die Wasserläufe, die man auf dieser Karte sieht, sind in Folge der Flut entstanden. Heute ist hier ein Naturschutzgebiet, durchaus einen Spaziergang wert, man sollte aber wissen, wie es entstanden ist.

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Natürlich war die Katastrophe dieses Jahr in allen Medien, es scheint mir eine Art nationales Trauma zu sein. Schließlich lebt ganz Niederlande von und mit dem Wasser. Eine solche Flut kurz nach dem 2. Weltkrieg, auch hier waren große Teile der Inseln überflutet worden, muss tiefste Verunsicherung auslösen. Bis zu 11 Monate mussten viele Zeeländer in Notunterkünften leben. In allen Medien wurde viel berichtet über die Flut, gerade auch persönliche Erinnerungen. Diese sind aber erst seit einigen Jahren möglich, wie bei vielen Katastrophen ist es erst mit großem zeitlichen Abstand möglich, davon zu berichten.

Eine Folge der Flutkatastrophe war der Delta-Plan, die zeeländischen Inseln wurden durch Deiche und Sturmwehre verbunden, die Deiche verbessert, eine unglaublich große und aufwendige Aufgabe, die über 30 Jahre Zeit benötigte. Aber auch heute gibt es keine absolute Sicherheit, um dies zu gewährleisten, müssten die Deiche komplett auf über 30 m erhöht werden.

Wer ein wenig Niederländisch versteht, kann sich auch Sendungen von Omroep Zeeland zum Thema ansehen, es gibt eine ganze Sonderseite. Vor allem die Sendungen „Trugkieke“ (Zurückschauen) zeigen mit alten Filmen sehr anschaulich, was hier alles passiert ist.

Lesenswert ist natürlich auch die Sturmflut von Margriet de Moor, ich habe sie schon vor einigen Jahren in Zeeland selbst gelesen.

9 Antworten zu “Wasser in Zeeland – das Watersnoodmuseum

  1. Pingback: Wasser in Zeeland – das Watersnoodmuseum | Stories & Places

  2. Danke für diesen Post! Mir war gar nicht mehr bewusst gewesen, dass es diese katastrophale Sturmflut einmal gegeben hat… Ich glaube, die Mutter, die auf dem Telegraphenmast verweilte, hat sich ihr Leben lang bitterste Vorwürfe gemacht, dass sie ihr Kind nicht mit Kabeln festgebunden hatte… Eine furchtbare Geschichte, die geht mir jetzt durch Mark und Bein…

  3. Ja, und gerade an so einem Einzelschicksal wird halt klarer was das heißt, 24 Stunden im Unwetter auf einem Minifleck zu stehen, durchnässt, entkräftet, hungrig. Die vielen Toten, das sind abstrakte Zahlen.

  4. Erst neulich habe ich „Sturmflut“ von Margriet de Moor wieder gelesen und dann doch noch mal im Netz recherchiert, was es zu dieser gewaltigen Katastrophe zu lesen, zu sehen und zu wissen gibt. Dann erst ist mir aufgegangen, dass sich das gerade zum 60sten Mal jährt. Ich war ganz genau wie Sie sehr berührt und bewegt darüber, und im Netz gibt es eine Seite, auf der sich Angehörige und Zeitgenossen der Opfer erinnern und diese Gedanken zum Ausdruck bringen. Erst in diesen persönlichen Geschichten wird die ganze Grausamkeit greifbar.

    Interessant, so zeitnah zu entdecken, dass sich noch jemand davon so ergriffen gefühlt hat. Ich nehme an, das Museum ist empfehlenswert?

  5. Ja, das Museum ist wirklich empfehlenswert, weil es gleichzeitig informativ und berührend ist.
    Und weil man, wenn man in den Niederlanden ist, sich immer wieder klar machen muss, dass jeder Zentimeter Land dem Meer abgetrotzt und abgekämpft ist. In der Ausstellung ist auch eine Auflistung aller Sturmfluten zu sehen. Wie oft sind ganze Landstriche verwüstet worden. Die historischen Sturmfluten haben Namen, die Martinsflut und die Cäcilienflut oder ähnlich, meist nach dem Heiligen des Tages. Fährt man nach Zeeland fährt man am „Verdronken Land van Saeftinghe“ vorbei. In der Nähe des Museums steht der Plompe Toren, das letzte Überbleibsel des Ortes Koudekerke. Und so weiter, überall sind dort Spuren zu entdecken.

    Diese Seite im Netz für die Zeitgenossen ist wahrscheinlich http://www.deramp.nl/ nehme ich an? Diese Erinnerungen werden auch in dem Museum gesprochen (auf niederländisch). Ansonsten ist das meiste aber auch auf Deutsch oder Englisch zugänglich.

  6. Ganz genau diese Seite meinte ich. Ich hatte wirklich Tränen in den Augen beim Lesen und Gänsehaut auf den Armen. Ich denke, ich werde mir noch mal die Mühe machen, einige der Erzählungen ins Deutsche zu übersetzen und einen Blogbeitrag darüber zu schreiben. Schauen Sie auch mal in diesem sehenswerten Bildarchiv nach „watersnoodramp“, da sind viele berührende Bilder.

  7. Mist… da habe ich eine Spitzklammer nicht gesetzt. Vielleicht mögen Sie das für mich nachholen?

  8. Auch mich hat dieses Museum sehr begeistert, Nicht zuletzt, weil es für die Menschen der region wirklich wichtig ist. Hab auch was dazu geschrieben. Da >>> http://bit.ly/11cTDH4

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