Es treibt der Wind, Adventsgedanken 2

Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergessne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Frauen, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloss;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentross.

Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt —
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

Heinrich Heine, 1797-1856

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Wenn wir an Weihnachten und Wind denken, dann vor allem an den kalten Wind. Wir singen „Auf dem Berge da wehet der Wind“, „Flocken schweben nieder und der Wind weht kalt“. Klar, es ist Winter bei uns, und Weihnachten ist ja sowieso eine deutsche Erfindung. Wir inszenieren Weihnachen als ein Fest gegen die Kälte. Glühwein, Bratäpfel, Kerzen und Kaminfeuer. Wärme außen und innen. Heile Welt, heile Familie, heilige Familie.

Bis zum gelungenen Kaminstück machen wir jedoch noch selbst genügend Wind. Aus der „staden Zeit“, wie es früher hieß ist eine operative Hektik geworden, der man sich nicht mehr entziehen kann. Ob Jahresendpanik in allen beruflichen Bereichen, der Weihnachtsfeierstress oder auch der Wettbewerb, wer hat die schönste Weihnachtsdeko, die meisten Sorten Weihnachtsplätzchen, das originellste Geschenk. Besinnlich geht anders. Natürlich ist deswegen der sehnsüchtige Blick auf die Idylle gerichtet. Aber vergessen wir nicht den Blick nach draußen:

Die Nacht ihrer ersten Geburt war
Kalt gewesen. In späteren Jahren aber
Vergaß sie gänzlich
Den Frost in den Kummerbalken und rauchenden Ofen
Und das Würgen der Nachgeburt gegen Morgen zu.
Aber vor allem vergaß sie die bittere Scham
Nicht allein zu sein
Die dem Armen eigen ist.
Hauptsächlich deshalb
Ward es in späteren Jahren zum Fest, bei dem
Alles dabei war.
Das rohe Geschwätz der Hirten verstummte.
Später wurden aus ihnen Könige in der Geschichte.
Der Wind, der sehr kalt war
Wurde zum Engelsgesang.
Ja, von dem Loch im Dach, das den Frost einließ, blieb nur
Der Stern, der hineinsah.
Alles dies
Kam vom Gesicht ihres Sohnes, der leicht war
Gesang liebte
Arme zu sich lud
Und die Gewohnheit hatte, unter Königen zu leben
Und einen Stern über sich zu sehen zur Nachtzeit.

Bertold Brecht

5 Antworten zu “Es treibt der Wind, Adventsgedanken 2

  1. Wie schön das ist, bei dir zu verweilen, Tine, und sich dem Wind deiner adventlichen Gedanken und Texte zu überlassen! Wunderbar!

    Ich freue mich schon darauf, wieder hierher zu kommen in den nächsten Tagen.

    Liebe Grüsse,
    Brigitte

  2. Schön, Heine und Brecht gegenüber, das Leichte gegen das Schwere.
    Ich kannte beide nicht.
    Und dachte dabei doch an den Heiligabend, an dem ich in Bethlehem war. Laut und bunt, beängstigendes Gedränge, die Nachfahren der Hirten von damals boxen einem in die Rippen. Und Scharfschützen knien auf den Dächern, weil Abbas zur Messe kommt.
    In der verrauchten Krypta den glänzenden Stern am Boden, dort war die Geburt. Die griechisch-orthodoxen wachen darüber, daneben steht die katholische Kirchen. Die Evangelischen und die Syrer feiern extra, etwas weiter weg. Wenn man gut ist, schafft man es zu allen Geburtstagsfeiern.

    Seither ist mir unsere wohlige Weihnacht und das ganzen Gerenne fremd. Mal backe ich, mal nicht, mal gibt es Zweige mal nicht.
    Geburt in Palästina, so wie Brecht das beschreibt, so kann es gewesen sein.

  3. Beide Gedichte gehen ins Herz. Das vom Herrn Brecht vielleicht sogar noch ein bisschen mehr – irgendwie…

  4. Nochn Windgedicht, aus der Gänsemagd…

    „Weh, weh, Windchen,
    nimm Kürdchen sein Hütchen,
    und laß’n sich mit jagen,
    bis ich mich geflochten und geschnatzt,
    und wieder aufgesatzt.“

  5. Jetzt darf ich schon auf dem eigenen Blog nicht kommentieren …

    Danke Euch allen für die Kommentare. Ich möchte hier wie immer eine Mischung aus leicht und schwer haben und auch gerne die altbekannten Texte nochmals neu lesen. Das ist ja das Interessante an solch einem Thema. Wenns Euch gefällt, freut es mich!

    Danke, Croco, für Deine Beschreibung von Bethlehem. Es klingt für mich beunruhigend und verstörend. Gar nicht so wie unsere „german weihnacht“, so idyllisch und nach Tannenzweigen duftend.

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