Schwabenkinder

Ein Kürzesturlaub bringt uns nach Ravensburg, unter anderem in das interessante und vielfältige Museum Humpisquartier, über das ich vielleicht später auch noch was schreibe. Darin ist als Wechselausstellung eine beeindruckende Ausstellung über die Schwabenkinder. Anhand von ausgewählten Biografien wird über das Leben dieser Hütekinder und ihr Alltag erzählt. Ein sehenswerter Film zeigt auch noch Interviews mit den letzten noch lebenden Schwabenkindern, heute natürlich im hohen Alter.

Erst später merke ich, dass dies Teil eines größeren Projekts ist. Es gibt unzählige Ausstellungen zum Thema in Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein. Ich denke, all diese Ausstellungen sind sehenswert, auch die Homepage bietet einiges an Informationen. Beispielsweise drei ausgewählte Biografien.

Zu allen Zeiten gab es saisonale Migration aus den Alpenländern. Die Zuckerbäcker aus dem Engadin, Bauhandwerker, die nach Frankreich gingen, Hausierer, oder auch die Eismacher aus den Dolomiten, die in Deutschland im Sommer Eis verkauften. Aber nicht nur Erwachsene verdingten sich sondern auch Kinder, eben die Schwabenkinder ebenso wie die spazzacaminata, die Kaminkehrerkinder.

Durch verschiedene Faktoren gab es in Oberschwaben in der Landwirtschaft Arbeitskräftemangel, weil beispielsweise viele Erwachsene in die aufkommende Industrie abwanderten. Eine Art frühe Flurbereinigung, die so genannte „Vereinödung“ sorgte dafür, dass die Höfe einzeln mitten in ihren landwirtschaftlichen Flächen saßen, somit benötigte jeder Hof eigene Viehhüter. Die Hütekinder aus dem Ausland hatten einen „Vorteil“, sie waren in Deutschland nicht schulpflichtig. Das machte sie natürlich attraktiv. Und so machten sich vom 17. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert Kinder ins Schwabenland auf.

Für die Kinder und deren Familien in den Alpengebieten war es wichtig, ein oder zwei Esser vom Tisch wegzuhaben und die Kinder im Winter wieder wohlgenährt, mit „kleinem Geld und doppeltem Häs“ zurückzubekommen. Für die Kinder war es oft ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, gerade beim ersten Mal wusste man nicht, wohin man kam. Die meisten Kinder wurden ordentlich behandelt, auch wenn die Isolation auf den Bauernhöfen und das Heimweh sicher allen Kindern zu schaffen machte. Viele wurden aber auch schlecht behandelt. Von Hunger, Kälte und Schlafmangel erzählen viele, einige wurden auch misshandelt, manche hauten ab und wurden nie wieder gefunden. Gerade Mädchen waren sicher oft schutzlos. Von Vergewaltigungen wird kaum gesprochen, aber sie kamen vor.

In späteren Jahren war das Ganze einigermaßen organisiert, es gab Hütekindervereine und die Kinder fuhren gesammelt mit der Eisenbahn ins Oberschwäbische. Aber in früheren Zeiten mussten die gesamten Strecken zu Fuß, oft mit mangelhaftem Schuhwerk über tiefverschneite Pässe zurückgelegt werden.

Mich beeindruckt die Geschichte schon deswegen, weil ein Teil der Kinder auch aus Graubünden kam – eine Gegend, in der mein Vater nach dem Krieg zum Aufpäppeln und Durchfüttern geschickt wurde. Mit auch gerade mal 10 Jahren war er ebenso alleine in der Fremde, bei einer unbekannten Familie, aber unter ganz anderen, ungleich besseren Vorzeichen.

Sehr ergreifend fand ich den Ausspruch eines Interviewten im Film, der als einer der letzten Schwabenkinder unterwegs war. Er war wohl in seiner ersten Stelle so unglücklich, dass ihm als einziger Ausweg, von dort wegzukommen nur einfiel, er könne doch den Hof anzünden, dann käme er weg. Er habe es nur nicht gemacht, weil ihm die Tiere leid taten. Die wären ja nicht aus dem brennenden Hof herausgekommen also habe er es halt doch sein lassen. Aber dies war der einzige Ausweg, der ihm einfiel.

 

Photobucket

„Die Schwabenkinder“ von Peter Lenk, am ehemaligen Gasthaus Krone in Ravensburg, hier war früher der Hütekindermarkt.

„Die Schwabenkinder wurden doppelt betrogen, um ihre Kindheit und ihre Ausbildung.“ Ein wahrer Satz, der heute noch für viele Gegenden mit Kinderarbeit gilt.

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7 Antworten zu “Schwabenkinder

  1. Mein Vater hat mir vor etlichen Jahren einmal von diesen Schwabenkindern und den oft so traurigen Schicksalen erzählt. Ravensburg steht ohnehin auf meiner Bodensee-und-Umgebung-to-do-Liste ganz weit oben. Ich danke dir vielmals für diesen Tipp und den sehr anschaulichen und berührenden Post!

  2. Liebe Margot, wenn Du mal nach Ravensburg gehst, dann nimm Dir viel Zeit für dieses Museum, es lohnt sich. Die Karte gilt einen ganzen Tag, man kann auch wieder raus und reingehen.

  3. So viele Sachen, von denen ich eigentlich wissen sollte … Danke für den Bericht.

  4. Danke für diesen sehr interessanten Bericht!

    Grüße von Ellen

  5. Auf der ORF TVthek läuft gerade der Film Schwabenkinder (7 Tage) mit Tobias Moretti zum Thema. Falls es interessiert…

  6. Pingback: Schwabenkinder | Stories & Places

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