Den Tagen mehr Leben geben

Also gut, nachdem ich den Anfang berichtet habe, berichte ich auch über das Ende. Meine Mutter ist tatsächlich Mitte Juli gestorben und aus den angekündigten 2 Monaten wurden noch 7 Monate, schöne und bewegte und gefüllte Monate.

Ich bin immer noch ganz fasziniert von ihr, noch nie habe ich persönlich jemand erlebt, der eine Krankheit so akzeptiert und angenommen und das Beste daraus gemacht hat. Sie hat versucht, so wie immer weiter zu leben, dies aber immer im Bewusstsein des Endes. Sie ging sehr offen mit ihrer Krankheit um, jeder wusste Bescheid, so konnte auch jeder fragen, wie es ihr geht, wie es uns geht, es gab kein Herumrätseln, keine Geheimnistuerei. Und sie hat die Krankheit akzeptiert. Was ihr die Möglichkeit gab, Entscheidungen zu treffen, die nur in Bezug auf ihre Lebensqualität getroffen wurden.

Ihr Blick auf die Dinge hatte sich verändert. Fiel ihr früher beim Blick in den Garten vor allem auf, was noch alles zu tun ist, so lag sie jetzt tagelang im Garten auf einer Liege und genoss die bunten Blumen, die Vögel. „Ich kann stundenlang in den Himmel schauen und in den Garten, ich genieße es jetzt und freue mich, wie gut ich es noch habe“.

Und um hier keine Heiligenbilder zu malen, meine Mutter war nicht einfach. Es war nicht wirklich abzusehen, dass sie solch ein zufriedenes Ende hat. Sie hatte es tatsächlich geschafft, ihre Haltung zu verändern, ihren Blick zu verändern, sich mit allen zu versöhnen und es allen anderen leicht zu machen, viel leichter als ich es je gedacht hätte.

Und so war es relativ leicht für sie und für uns, die verbleibende Zeit nur nutzen und zu geniessen. Abschied zu nehmen. Dinge zu regeln. Mein Vater lernte kochen und waschen und bügeln, damit er „später versorgt ist“. So konnte er aber auch seine Frau noch bekochen, auch wenn es schwer ist, einem Krebspatienten noch etwas Gutes zu kochen. Er hat es hinbekommen. Sie hat Briefe geschrieben, an alle Enkel. Damit sie später eine Erinnerung haben. Hat uns noch ihre Spezialrezepte verraten. Damit wir sie in Ehren halten können.

Ich erzähle es hier vor allem auch, weil ich auch Mut machen möchte. Mut, mit solch einer Haltung das Beste aus der noch verbliebenen Zeit zu machen. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht, wie man das hinkriegt, ich weiß auch nicht, ob ich es einmal so hinkriegen werde. Aber vielleicht hilft es doch, zu wissen, es kann so gehen. Und aus Dankbarkeit darüber, dass diese Haltung möglich war. Dankbarkeit auch für alle Helfer. Für die unglaublich gute und liebevolle Betreuung in der Palliativstation des Robert-Bosch-Krankenhauses. Für die segensreiche Einrichtung der Brückenschwestern, die die Brücke schlagen konnten zwischen zuhause und Krankenhaus, zwischen Patient und Angehörigen und zwischen Tod und Leben. Wir waren selbst nicht in einem Hospiz, aber die Atmosphäre in der Palliativstation war wohl sehr ähnlich. Und ich bin froh und dankbar, dass es heute möglich ist, dass Menschen behütet und umsorgt sterben dürfen, von professionellen und ehrenamtlichen Helfern begleitet und auch die Angehörigen, die hier genauso umsorgt werden, wird es dann wieder leichter gemacht, zu helfen, dabei zu sein und so für eine vertraute Atmosphäre zu sorgen. Das Sterben eines Krebspatienten wird ja oft als Versagen der Medizin gesehen. Ist es natürlich auch. Aber über einen bestimmten Punkt hinaus hilft diese Haltung nicht mehr.

Was ich auch gemerkt habe, wie sehr es uns Angehörigen hilft, wenn wir wissen, was der Verstorbene für sein Ende möchte. Was für eine Art von Trauerfeier, wo möchte er begraben sein, was ist ihm dabei wichtig und was nicht. Man tut sich soviel leichter, wenn man weiß, es ist im Sinne des Verstorbenen. Nicht jeder kann, wie meine Mutter, das Motiv für die Trauerkarte und den Leitspruch für die Trauerfeier selbst auswählen. Aber es hilft. Und es hilft, den letzten Wunsch, wo sie begraben sein möchte, tatsächlich gewähren zu können. Also redet mit Euren Kindern, mit Euren Partnern darüber, auch gerade wenn es nicht akut ist. Gebt ihnen eine Hilfestellung, wenn es denn soweit ist.

Und den Tagen mehr Leben geben, heißt ja nicht, um jeden Preis was Tolles zu machen. So dachte ich früher. Nein, das ganz normale Leben weiterleben, sich mit Freunden treffen und einfach nur den Blick zu ändern. So einfach und doch so schwer. Viele Briefe zu schreiben und zu bekommen. Kontakt per Telefon zu halten, wenn das aus dem Haus gehen schon schwer fällt.

Ich habe ja am Tag danach bei Ellen einen Satz gelesen, der einfach passte. Deswegen möchte ich ihn hier wiederholen:

Das Sterben eines Menschen bleibt als wichtige Erinnerung zurück bei denen, die weiterleben. Aus Rücksicht auf sie, aber auch aus Rücksicht auf den Sterbenden ist es unsere Aufgabe, einerseits zu wissen, was Schmerz und Leiden verursacht, andererseits zu wissen, wie wir diese Beschwerden effektiv behandeln können. Was immer in den letzten Stunden eines Menschen geschieht, kann viele bestehende Wunden heilen, es kann aber auch als unerträgliche Erinnerung verbleiben, die den Weg durch die Trauer verhindert.
Cicely Saunders

Er ist so passend und insofern möchte ich dies hier mit einem Dank an all diejenigen beenden, die mithelfen, den Sterbenden und den Angehörigen die bestmögliche Betreuung angedeihen lassen. Es hilft. Allen.

19 Antworten zu “Den Tagen mehr Leben geben

  1. Respekt – Du hast selbst die tröstenden Worte gefunden.

  2. Das ist gut – tut gut, das zu lesen und Folgeüberlegungen anzustellen!
    Danke dafür!
    Herzlichen Gruß von Sonja

  3. Dein Text ist sehr ergreifend und enthält so viele Wahrheiten. Wahrheiten, die so einfach und doch für viele so schwer zu leben sind. Danke für die guten Worte!

    Ellen

  4. Sehr beeindrucken und sehr nachdenkenswert, was du da geschrieben hast. … Danke.

  5. Danke Euch allen!
    Aber wer ist Falk Hörnke und warum spammt er jeden Artikel über Hospize mit diesem Buch voll? Immer denselben Text?

  6. Ich habe Deinen Text ein paar Male gelesen. Er ist auf vielerlei Arten sehr schön. Danke dafür. Dir alles Gute.

  7. Berührend, bewegend, ergreifend, ins Leben hineinführend sind Deine Worte. Ich danke Dir für dieses Fundstück, für ein Gefühl des Trostes, das sich in mir einstellt, für ein waches Ahnen, wie der Weg weitergeht.
    Uta

  8. Auch ich habe diesen Text mehrfach gelesen. Er ist einfach wunderbar, ich bin immer wieder gerührt und fast ein bisschen neidisch, wie deine Mutter das gemacht hat … Es ist ein wunderbares und erstrebenswertes Beispiel.

  9. Pingback: Rosen im Apfelbaum | April Showers

  10. Vielen Dank für diesen Beitrag. Er ist sehr hilfreich. Gerade wenn noch Zeit genug ist und man nichts überstürzen muss.

    Ich nehme mir etwas von deinen/euren Erfahrungen mit, die mich sehr angerührt haben, obwohl oder gerade weil wir uns nicht kennen.

    Und es tut gut zu wissen, dass es machbar ist. Es ist also nicht immer nur alles grauenvoll.

  11. Deine Zeilen berühren mich sehr, und stimmen einen sehr nachdenklich.
    Wenn ich so lese, wenn man seinen Platz nach dem Leben schon zu Lebzeiten ausguckt, dann muss ich an meine Mutter denken, irgendwann ist sie nicht mehr hier unter uns, mir wurde eben richtig schlecht im Magen, doch wenn man sich noch von allen verabschieden darf, dann hat das auch sein gutes, die Möglichkeit über alles noch mal zu reden, viele Fragen sind bei mir noch im Kopf, oft denke ich, soll ich, oder lasse ich einfach die Vergangenheit ruhen.

    Du beschreibst die kleinen Dinge im Leben, oft greifen wir nach den Sternen, dabei ist das gute so nahe, insbesondere deine Zeilen zu deiner Mama und all die Blumen und Vögel berühren mich sehr.
    7 Monate, was für eine Zahl, doch Leben, ganz intensiv.

    Ach ja eins noch, ich bin eben herüber gehuscht von der lieben Ingrid.
    Schön wenn man so einen Hinweis bekommt.

  12. Meinen Namen möchte ich noch hinterlassen, der Fred war das :-)

  13. Auch ich danke dir für diesen sehr berührenden Text.
    Anna-Lena

  14. Danke schön… Da ich ja mittlerweile in einer Seniorenresidenz arbeite, bin ich quasi hautnah beim Warten auf den Tod, auch beim langsamen Sterben dabei… Bei uns wird Vieles getan, um die letzte Lebenszeit so angenehm wie möglich zu gestalten, aber ich darf immer wieder erkennen, dass die Liebe und die Fürsorge der Angehörigen und Freunde durch keinen Komfort der Welt zu ersetzen ist…
    Liebe Grüße!

  15. Du hast hier einen sehr wichtigen Text geschrieben. Ich hätte mir gewünscht, derartiges rechtzeitig gelesen zu haben, als meine Mutter starb. Das ist sehr lange her und zu der Zeit 1984 ging man noch nicht in einer solch guten Art mit dem Thema „Sterben“ um.

    Ich danke dir, Brigitte

  16. April hat hierher verlinkt, und da das Thema für mich immer noch hochaktuell ist, obwohl sich der Todestag meiner Mutter im Dezember bereits zum zweiten Mal jährt, habe ich Deinen Beitrag sehr interessiert gelesen. Deine Ausführungen haben mich sehr berührt. Trotz all der Traurigkeit, die das Sterben und der Tod mit sich bringen, habt ihr als Familie einen Weg gefunden, angemessen damit umzugehen. Das setzt aber einen offenen Umgang mit sich und den Angehörigen voraus und einen ganz speziellen Intellekt. Ich wünschte mir für mich persönlich, dass, wenn es eines Tages so weit ist, ich mich so wie Deine Mutter verabschieden darf. Damit muss ich aber schon heute beginnen! Ich habe drei Menschen beim Sterben begleitet. Von keinem konnte ich mich wirklich verabschieden, der Tod war bis zum Ende ein Tabuthema. Die Trauer danach ist eine völlig andere, als wenn man die Möglichkeit gehabt hätte, miteinander zu reden.
    Ich danke Dir für Deine Gedanken und wünsche Dir einfach alles Liebe!
    Elvira

  17. Das ist ein ganz wunderbarer Abschiedsgruss, ein Trauertext, ein Trostbrief, ein Glücksmanifest; das sind Gedenkzeilen und Mutmachzeilen und noch vieles mehr.
    Hab vielen Dank, Tine, und nimm meine besten Wünsche entgegen!
    Herzlich, Brigitte

  18. Ich bin ganz berührt von Euren vielen Kommentaren…
    Ich bin mir bewußt, dass wir auch einfach viel Glück hatten, aus vielen Erzählungen weiß ich, dass es vor einigen Jahren noch nicht so leicht war, eine gute Betreuung zu bekommen. Gerade auch für die Angehörigen. Dass wir ein Bett im Krankenzimmer hatten, in dem mein Vater liegen durfte (für die Nacht als Doppelbett aneinandergeschoben!) das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen. Aber gerade deswegen will ich ja von solch guten Momenten berichten, damit es noch öfters möglich sein kann und dass man auch Hilfe weitergeben kann.

    Und interessant ist schon, auch unsere Familie hat nie über „solche Themen“ gesprochen, aber jetzt merke ich, wieviel es hilft, wenn man sie anpackt.

    Danke.

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