Der Klosterhof

neue Serie: Unbekannte Plätze in Esslingen und anderswo, Teil 1:

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Der Klosterhof ist heute ein recht unbekannter Ort in Esslingen. Der Platz hat meines Wissens nicht mal einen richtigen Namen – Klostergarten, Klosterhof? irgendwie der Hof hinterm Schwörhof. Heute vor allem ein Durchgangshof, auf dem Weg vom Parkhaus zum Marktplatz. Zwischen Behördenzentrum und Waisenhofschule.
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Früher war es der Kreuzgang des Klosters. Nicht irgendein Kloster, das Dominikanerkloster gehört zu den ältesten Dominikanergründungen in Deutschland. Gesichert immerhin seit 1233, vielleicht sogar noch älter. Fast 800 Jahre… Heutzutage durch die Klöster- und Pfleghöfe-Ausstellung wieder etwas in Bewusstsein gerückt, war es ja lange verdrängt, dass Esslingen eine sehr reiche Klosterlandschaft hatte, immerhin 4 Bettelorden (plus 2 dazugehörige Frauenklöster), das sprach für eine durchaus reiche Stadt, schließlich muss das benötigte Geld für die vielen Mönche und Nonnen auch irgendwo herkommen. Köln z.B. hat meines Wissens auch 4 Bettelordensklöster. Aber die sind ja nun ein klein wenig bedeutender.

Es lohnt sich, das gesamte Hofareal anzuschauen, das Gewirr von unbekannten Höfen, versteckten Durchgängen zu entdecken. Der Schwörhof wäre eine eigene Geschichte wert… Aber am meisten liegt mir der Klosterhof selbst am Herzen.

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Ich sitze gerne hier und stelle mir vor, was hier früher war: Der Kreuzgang eines Bettelordensklosters. Das Herzstück der Klosteranlage, Ort der Kontemplation und Stille, aber auch zentrale Erschließung. Ein Kreuzgang besteht ja immer aus umliegenden Arkaden und einem inneren Klostergarten. Alle Wege im Kloster laufen über den Kreuzgang. Hier kommen alle Mönche im Laufe des Tages mehrmals vorbei. Nehmen Sie diesen Kreuzgang noch wahr oder ist er für sie nur das, was für uns heute ein Treppenhaus ist? Ich denke, es war deutlich mehr. Ein Bettelsordenskloster – ein Kloster mitten in der Stadt. Dies war ja im 13. Jahrhundert eine völlig neue Geschichte, traditionell sind die Klöster in völliger Abgeschiedenheit. Die neuen Orden wie Franziskaner und Dominikaner gehen nun gezielt in die Städte, predigen den Menschen, gerade auch in ihren Sprachen, nicht nur auf Latein, sie suchen die Auseinandersetzung mit den Menschen. Die Menschen in der Stadt können die Angebote der neuen Klöster gut gebrauchen, die Mönche sind aber auch direkt von den Menschen abhängig, denn sie leben von ihren Spenden.

War es nun für die Mönche schwerer oder leichter in der Stadt zu leben? Ich denke, sie sind gerne auf die Menschen zugegangen, waren aber sicher auch froh, wieder Schutz in ihren Klostermauern zu finden, zu ihrer Ruhe im Kreuzgang zurückzukehren. Hier ist der Rückzugsort der Mönche gewesen, natürlich von der Kirche abgesehen.

An den Kreuzgang war meist ein Brunnenhaus angebaut, bekannt ist der Brunnen im Kloster Maulbronn. Innendrin ist der Klostergarten.

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Ein Klostergarten war praktische Notwendigkeit aber auch voll symbolischem Gehalt. Vieles davon ist verloren gegangen. Heute ist es der Schulgarten. Schüler kümmern sich um die Beete, man findet immer wieder unterschiedliche Entwicklungen in den Beeten. Mal liebevoll gepflegt, mal wild den strengen Rahmen überwuchernd. Ich mag beides.

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Die Fassaden drumherum sprechen von der wechselvollen Geschichte. Die Kirche war Kirche, Militärmagazin, Kelter, Sprizenhaus, leerstehend … (1839 ist eine Anzeige in den Esslinger Wöchentlichen Anzeigen zu finden: „Auf vielseitiges Verlangen haben wir in der neuen Kirche (d.i. St. Paul) eine Mosterei eröffnet und laden hiesige Obstmostproduzenten hiemit zu deren Gebrauch ein.“) Arkaden wurden zugemauert, Fensteröffnungen immer wieder neu gesetzt, die Reste von voriger Bebauung einfach belassen. Die angrenzende Waisenhofschule wurde als 1837 als Schule für die Waisenkinder der Stadt gegründet und ist heute eine sehr multikulturelle Grundschule. Diverse weitere Nutzungen gab es im Umfeld.

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Man kann die verschiedenen Kirchen Esslingens sehen, den hohen gotischen Turm der Frauenkirche, die beiden Türme der Stadtkirche St. Dionys. St. Paul, die alte Klosterkirche hat, wie es sich für eine Bettelordenskirche gehört, nur einen schlichten Dachreiter. Dafür gibt es eine Sonnenuhr, kaum gesehen.

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Heute gehen die meisten Menschen schnell und achtlos durch den Klosterhof. Mittwochs und Samstags schleppen sie schwere Taschen, kommen vom Markt und wollen schnell wieder ins Parkhaus.

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Selten setzt sich jemand dort hin. Aber es lohnt sich, hier ein wenig zu verweilen und der Geschichte dieses Ortes zu lauschen.

6 Antworten zu “Der Klosterhof

  1. Wunderbar, deine feine Hommage in Wort und Bild an einen namenlosen Klosterhof – und was für einen!

    Liebe Grüsse aus der Ferne,
    Brigitte

  2. Was für ein schöner Blick in eine mir völlig unbekannte Stadt!

  3. Ja, ich bin auch sehr begeistert von deinem Artikel. Man merkt nämlich, wie sehr du diesen Ort magst. Ich finde es sehr schön, dass es in der (Groß-)Stadt immer wieder bzw. immer noch solche Oasen gibt, Orte der Stille und voller Geschichte.

  4. Oh schön! Heute kann ich auch die Fotos sehen, gestern gabs auf deinem Blog irgendwelche Ladehemmungen, da wurden die Bilder nicht geladen.

    „sie suchen die Auseinandersetzung mit den Menschen“ – das wäre ja mal wieder ein brandaktueller Bedarf, möchte ich meinen. Ich kenne einen Franziskanermönch in Wien, der gerne auf den wildesten Partys gastiert. Kuttenfrei, also in zivil. Ein überaus amüsanter Gesprächspartner und absolut moderner Mensch, von der Sorte möchte ich mir mehr wünschen.

  5. Oh ja, ich mag den Ort und ich mag die Stadt. Ich habe mich auch lange mit ihr befasst und je mehr man weiss, desto spannender wird es.

    Ich glaube, man kann kaum mehr nachvollziehen, wie revolutionär die Bettelmönche waren. Toll, dass es auch heute noch solch „moderne Menschen“ gibt.

  6. Pingback: Esslingen – der Klosterhof | Stories & Places

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