Lesen: Stille Post

Christina von Braun – Stille Post. Eine andere Familiengeschichte

Dieses Buch, gefunden im Lesekarussell und ohne gößere Erwartungen gelesen, entpuppte sich als ein wunderbarer Fund; ich merke, wie ich über die Themen dieses Buchs weiter nachdenke, so soll ein gutes Buch für mich sein.

Christina von Braun kommt aus einer bekannten Familie – der bekannteste ist sicher ihr Onkel, der Raketenforscher Wernher von Braun, aber auch ihr Großvater Magnus von Braun und ihr Vater Sigismund von Braun sind nicht unbekannt.

Sie erzählt in diesem Buch nicht die offizielle Geschichte der bekannten Persönlichkeiten, ihr Thema sind die Geschichten der anderen, unbekannteren Familienmitglieder, die Großmutter Emma von Braun, deren Geschichte ihrer Vertreibung aus Schlesien, die Großmutter Hildegard Margis, eine Halbjüdin, die im 3. Reich wegen Teilnahme an einer kommunistischen Widerstandsbewegung verhaftet wurde und 1942 im Gefängnis starb, ihr Onkel Hans Margis, der nach Australien auswanderte und ihre Mutter Hilde Margis.

Dabei stellt sie fest:
„Die wenigen Quellen, über die ich verfüge, unterscheiden sich auf fast klischeehafte Weise nach geschlechtlichen Mustern. Die Männer haben Memoiren hinterlassen … Die Frauen haben Tagebücher geführt. Memoiren, aus dem Rückblick verfasst, verführen dazu, die eigene Geschichte mit „der Geschichte“ in Einklang zu bringen. sie treten in jedem Sinne des Wortes die Herrschaft über die Vergangenheit an. Tagebücher hingegen sind aus dem „Jetzt“ geschrieben, die Verfasser und Verfasserinnen wissen nicht, weder weitere Verlauf „der Geschichte“ sein wird, Sie können die Ereignisse, die sie erleben, noch nicht historisch einordnen.“

„Naiv hatte ich geglaubt, sie auseinanderhalten zu können: die Familiengeschichte und die deutsch Geschichte.“

Ein weiteres wichtiges Thema für sie sind die „verschwiegenen Botschaften“, die Familiengeheimnisse, die innerhalb einer Familie weitergeben werden, wie eine Art „Stille Post“ – daher auch der Titel des Buches. Diese Botschaften bezeichnet sie auch als „unerledigte Aufträge“, die an spätere Familienmitglieder weitergegeben werden und denen sie sich stellen müssen oder mit ihnen umgehen müssen.

Sehr beeindruckend in diesem Zusammenhang: Magnus von Braun verwendet für seine späteren Memoiren auch Auszüge aus dem Tagebuch seiner Frau, die er umschreibt. Christina von Braun zeigt, dass die spätere Verwendung nicht immer unbedingt die reflektiertere Form des Umgangs mit der Geschichte ist.

Das Buch lebt von der Gegenüberstellung von den verschiedenen Lebensläufen. Dabei ist Christina von Braun wichtig: „Es ist nicht ihre Geschichte. Es ist meine Geschichte, und sie erzählt davon, wie die Stille Post, die sie aufgegeben haben, bei mir angekommen ist. Ich werde nie genau wissen, was am anderen Ende ins Ohr geflüstert wurde; ich kann nur das wiedergeben, was bei mir angekommen ist.“

Sie wechselt zwischen originalen Tagebuchauszügen, Berichten und von ihr verfassten, fiktiven Briefen an ihre verstorbene Großmutter hin und her. Dies hilft, die sehr widersprüchlichen Lebensläufe einzuordnen. Ambivalent sind auch die Personen, so schwankt ihr Vater, der sich 1933 entschied, als Diplomat in den auswärtigen Dienst zu gehen, zwischen Faszination und Abscheu gegenüber dem Nationalsozialismus. Er musste einerseits als Diplomat voll hinter der Sache stehen, wurde aber auch aufgrund seiner Einstellung strafversetzt und half als Botschafter im Vatikan auch dem einen oder anderen Verfolgten. So zeigt sie anhand der Lebensläufe, dass es nicht immer schwarz und weiß gibt.

Ein sehr dichtes, nachdenklich machendes Buch, das durch seine unterschiedlichen Lebensläufe besticht und durch das sich das Thema der Stillen Post durchzieht. Leseempfehlung!

2 Antworten zu “Lesen: Stille Post

  1. „Grundlagenforschung betreibe ich dann, wenn ich nicht weiß, was ich tue.“ das ist ein Spruch von Wernher von Braun. Das erste mal, als mir der Name begegnete, dachte ich, ein Schreibfehler wäre im Vornamen, … na ja, von Raketenforschung hab ich keine Ahnung, nun zeigst Du mir den Link auf seine Geschichte, … danke, vom Bilderbuch.

  2. Pingback: Gelesen: März | Doppelblog's Weblog

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