Zwei Konzerte und eine Erkältung

Kaum habe ich meine Erkältung ausgesessen, im wahrsten Sinne des Wortes am Schreibtisch ausgesessen, kommt schon der nächste Tiefschlag. Nun ja. Die Erkältung verdanke ich einem etwas zu vollen Wochenende, mit zwei Konzerten, aber das war es wert. Es ist zwar schon eine gute Woche her, aber davon schwärmen muss ich doch noch.

Wir hatten ja leider zu spät gemerkt, dass l’Arpeggiata zur Ruhrtriennale kommt, viel zu spät für Karten, alles ausverkauft. So waren wir für ein Alternativprogramm bereit und das war auch nicht das schlechteste – also sehr schwäbisch gesprochen. Paavo Järvi und die Bremer Kammerphilharmonie spielten in Essen Beethovensinfonien, genauer gesagt, die 3. und 4.

Ich glaube, dies ist im Moment der absolut beste Beethoven, den man bekommen kann. Dazu kam noch, dass wir Karten im Chor hatten. In der Essener Philharmonie kann man hinter dem Orchester sitzen und das hat große Vorteile, man sitzt zwar dem Orchester etwas im Genick aber man ist recht nahe dran und kann die ganze Zeit dem Dirigenten zusehen. Es war eine Wonne, ihn und dieses Orchester zu sehen, welche Spielfreude, welche Klarheit und Transparenz, einfach ein Erlebnis. Gekrönt wurde es noch von einer kurzen Einführung, sie erklärten, weshalb die Anordnung der einzelnen Stimmen anders ist als bei heutigen Orchestern und welche Instrumente sie verwenden, weshalb sie zwar historische Trompeten aber keine historischen Geigen oder Hörner verwenden. Insgesamt ein sehr klassischer, perfekter Abend. Nur der Altersschnitt in so einem Konzert, wir waren wohl wirklich bei den sehr, sehr jungen Hüpfern an diesem Abend und so oft kommt mir das nicht mehr vor.

(Übrigens wurde im gleichen Saal eine Woche später der Echo Klassik verliehen. Und ob das die Antwort auf das Aussterben des Klassikpublikums ist, weiß ich auch nicht. Kann sich Klassik nur noch über die Optik der Stars verkaufen?)

Wie das Leben aber so spielt, hatte ich Donnerstag vorher noch eine Eingebung und hab nochmal gecheckt, ob es nicht doch Restkarten für l’Arpeggiata gibt. Und es gab. Gerade vor 2 Stunden neu reingekommen. Zur Not gehen auch zwei Konzerte und so war vor dem klassischen Sonntagabend ein nicht ganz so klassischer aber un.glaub.lich. ab.so.lut. wunderbarer Freitagabend. Der Ort war, der Ruhrtriennale entsprechend natürlich gar nicht klassisch, die Gebläsehalle im Landschaftspark Nord ist genau der richtige Rahmen für ein Crossover-Konzert. Die Bandbreite der Stücke war sehr breit, von Renaissance bis heute. Das Thema „Amo! – ich bin ein Liebender – Liebeswahn, Delirium und Raserei“ war durchaus wörtlich zu nehmen. Das Ganze war eine Auftragsproduktion der Ruhrtriennale, ist also in dieser Form sicher etwas einmaliges, auch wenn viele bekannte Stücke dabei waren. Auch bei den Gästen, die dabei waren, kannte man viele, aber alle waren toll: Jaroussky, Gianluigi Trovesi, Lucilla Galeazzi, Deborah Henson-Conant…

Es war einfach unglaublich schön. Über Jaroussky muss man eh nicht viel sagen, bei seiner Stimme ist jedes Wort zu viel. Genauso gut die italienische Folk-Sängerin Lucilla Galeazzi. Immer wieder dieser wunderbare Dialog von Stimme und Klarinette (Gianluigi Trovesi) oder Zink (Doron Shervin). Überhaupt der Zink, ein unglaublich schönklingendes Instrument, warm, volltönend, sehr saxophonähnlich. Klingt es nur bei Doron Sherwin so? Vor l’Arpeggiata habe ich den Zink nie wirklich wahrgenommen, klar, bei Peter und der Wolf ist das großväterliche Instrument der Zink, aber der jazzt und groovt nicht so.

l’Arpeggiata ist ja nicht nur Teatro d’Amore und Monteverdi, das ist ja auch „Die Geburt der Kunstmusik aus dem Geist der Volksmusik“ (Zitat kunstkenner.de) Südamerikanische Musik, italienische Folklore, Improvisationen, spanische Gitarren, Paraguyanische Harfe alles war dabei. Immer wieder stehen die Rhythmen im Vordergrund. Die Rhythmusgruppe fällt mir bei allen Stücken durch ihre Vielfältigkeit auf. Und dann die Tänze von Anna Dego – sie tanzt verstörend: unweiblich, unelegant aber unbeschreiblich faszinierend: erdig, kräftig, lebendig… man muss es erleben. Nicht schön aber beeindruckend.

Dann gab es noch 3 verschiedene Harfen. Harfe ist nun so gar nicht mein Ding, dieses engelsgleiche Getüddel kann einen irgendwann schon langweilen. Nicht hier. Von Jazzharfe oder Rhythmusharfe habe ich noch nie was gehört. Und das Stück für 8 Hände – einer spielt und 3 Leute schlagen den Rhythmus dazu, aber auf der gleichen Harfe, das muss man auch mal gesehen haben. Von der Blues-Sängerin und Harfenistin Deborah Henson-Conant ganz zu schweigen. Deren Traum war es immer, eine Blues-Harp zu bekommen. Und jetzt hat sie eine große blaue Harfe („i want a blues harp not a cheese slicer!“) aber hat sich damit auch arrangiert, zur Freude des Publikums.

Es gäbe noch viel zu erzählen, statt dessen ein Link zu den Proben.

Und ich bin mir sicher, irgendwann taucht auch das eine oder andere Video davon bei l’arpeggiata selbst auf.

Das ganze war eine gelungene bunte Mischung aus Musik, Gesang, Tanz, Rhythmus und Spass auch wenn es vielen Besuchern zu bunt war – wir fanden es unglaublich vielfältig. Und ich bin mir sicher, egal welches Programm l’Arpeggiata spielt, es lohnt immer, immer einen Besuch. Hingehen, geniessen oder wenigstens alle CDs kaufen!

P.S: Hier noch ein Video ( in mehreren Teilen) in dem Christina Pluhar erklärt, was sie eigentlich tun. (und dazu das unglaublich österreichische Englisch…)

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