Stuttgart 21 – redet miteinander. Es gibt keine Alternative

Ich bin ja im Grunde für Stuttgart 21. Ich sehe die Chancen, die ein neuer Stadtteil bieten kann, vor allem auch die einmalige Chance, durch die Gleise getrennte Stadtteile vernetzen und verbinden zu können. Aber ich bin auch der Meinung, man hätte das Projekt entwickeln können, ohne bestehende stadtbildprägende Bauten zu zerstören und ob hier jeder Baum tatsächlich fallen muss, weiß ich auch nicht. Schon immer hat mich die Schwarz-Weiss-Haltung vieler gestört, ich passe hier nicht ins Raster, man ist entweder dafür oder dagegen. Und die anderen sind wahlweise die Dummen, die Ahnungslosen, die Ewiggestrigen, die Profitgierigen, die Gegen-Alles-Seier, die Skrupellosen etc.

Nun bin ich aber auch ganz fassungslos über die Ereignisse am 30. September. Es ist ja nicht nur die Gewalt selbst, vor allem das Rechtfertigen dieser Gewalt und auch das Kriminalisieren der Protestierenden. Was für ein Politikverständnis wird hier jungen Leuten beigebracht? Jahrelang beklagt man sich über meinungslose und politikverdrossene Jugendliche und wenn sie sich dann aufmachen, werden sie verprügelt.

Ich verstehe nicht, wie die Projektverantwortlichen diese Proteste so unterschätzen konnten, ich bin sicher, sie dachten, das läuft nach spätestens 2 Wochen ins Leere. Wenn wir Fakten schaffen, Stärke zeigen wird es schnell ruhig werden. Und als diese Rechnung nicht aufging, kam der Versuch, die Gegenseite zu kriminalisieren. Aber man kann kein Einverständnis herbeiprügeln.

Und, liebe Politiker, die Leute sind nicht so doof wie Ihr glaubt. Wenn Ihr jetzt Leute kriminalisiert, schlägt das auf Euch zurück. Es ist auch heute nicht mehr so leicht, Dinge zu behaupten, Fotohandys, Lifeübertragungen von Demos, Twitter, etc. die neuen Medien dienen auch durchaus der Wahrheitsfindung.

Ich finde es unglaublich schade, dass von den Politikern die Masse nur als die „Kriminellen“, die „Berufsdemonstranten“, die „Alt-Kommunisten und Alt-Linken“ gesehen wird. Was keiner der Politiker sieht, was dies für ein Potential ist, hier demonstrieren Menschen aus allen Schichten, aus allen Altern friedlich und gemeinsam. Hier sind unzählige Menschen bereit, Zeit und Geld und Energie für eine Sache zu opfern. Hier sind Menschen, die eben nicht sagen, uns doch egal, was „die da oben“ mit dem Geld machen, sie glauben auch nicht um jeden Preis an Höher, Weiter, Schneller, sie wollen mit entscheiden, mit gestalten. Sie interessieren sich, sie wollen mitreden. Wieso gibt es nicht Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wieso nutzt man nicht dieses unglaubliche Engagement, statt es zu verunglimpfen. Es gibt keine Alternative zum Miteinanderreden.

Ich verstehe auch nicht, wie man ein Projekt so gegen alle durchsetzen will ohne es vernünftig zu erklären und dafür zu werben. Wenn ich ein Projekt habe, von dem ich weiß, dass es umstritten ist, muss ich es erklären, mit den besten Leuten (und nicht mit populistischen Scharfmachern wie Drechsler), ich muss die Fakten auf den Tisch legen, muss echte Argumente bringen, die Leute auch für so ein Projekt begeistern und muss mit den Leuten reden. Reden, reden, auf sie zugehen, werben. Anders geht es nicht. Und sich nicht hinter der eigenen Sturheit verbergen. Demokratie heißt nun mal auch, ständig für gute Projekte werben. Demokratie heißt eben nicht, ich bin der Bestimmer, diese Rechnung geht nicht auf.

Jeder Politiker beklagt sich über Wahlmüdigkeit und Desinteresse. Hier ist keiner desinteressiert. Und das Schlimme daran ist, dass es so langsam gar nicht mehr um den Bahnhof geht. Sondern um die Ohnmacht, mit den Protesten nicht ernst genommen zu werden. Und deswegen kann ich jeden gut verstehen, wenn er hier protestiert.

Frau Merkel sagt, „Ich wünsche mir, dass solche Demonstrationen friedlich verlaufen“. Das wünsche ich mir auch aber ich wünsche mir auch ewigen Weltfrieden und ewiges Glück und schönes Wetter. Es ist an ihrer Position zu wenig, zu sagen, ich wünsche mir. Auch hier wären klarere Worte angebracht.

Und egal wie es weitergeht, wir müssen hinterher weiter miteinander leben. In dieser Stadt. Dies macht mir am meisten Angst, dass hier bewusst Gräben geschürt werden. Es geht hier schon um die Frage Ohnmacht oder undurchsichtige Wirtschaftsinteressen. Und um Vertrauen in die Politik. Oder bzw. verlorenes Vertrauen.

Es wurde schon viel geschrieben, gut finde ich immer noch diese beiden Artikel.

Ganz ehrlich, ich wünsche mir weiterhin, das dieses Projekt kommt, aber vernünftig geplant. Mit Projektverantwortlichen und Politikern die kapieren, dass es nicht ohne die anderen geht. Die Die Leute mitnehmen in ihr Projekt, die Kraft nutzen für eine gute Ausgestaltung. Ich möchte gern mitgestalten, was auf den Flächen passieren soll. Keine Alleingänge eines OBs, der mit einem völlig überzogenen Einkaufscenter nur irgendwelche Investoren beglücken will und die Zukunft seiner und der umliegenden Städte gefährdet. Ich wünsche mir neue Stadtviertel, die echte Nutzungsmischungen erlauben, die innerstädtische Flächen vernünftig nutzen können. Ich fürchte es ist ein frommer Wunsch. Aber ohne Kommunikation geht es nicht. Redet miteinander.

3 Antworten zu “Stuttgart 21 – redet miteinander. Es gibt keine Alternative

  1. „Ich verstehe auch nicht, wie man ein Projekt so gegen alle durchsetzen will ohne es vernünftig zu erklären und dafür zu werben. “

    Es ist ganz einfach… ich nenne es mal die S21-Affäre: Die Spendengelder, Tricksereien im Hintergrund, das Drüber-Hinwegsetzen über Gesetze…. also die Spätzle-Connection bzw. das S21-Kartell wäre dann ja noch deutlicher im Scheinwerferlicht. Wer etwas zu verbergen hat, arbeitet aber im Dunkeln.

  2. Tine,
    mit dem Aufruf, das Thema sachlich zu diskutieren, hast du vollkommen Recht. Zu einer sachlichen Diskussion gehören aber auch alle relevanten Fakten, die bis heute von der Betreiberseite nicht auf den Tisch gelegt worden sind. Kostenrechungen, Risikoabwägungen, Wirtschaftlichkeitsdaten, ökologische Beurteilungen für Grundwasser, Mineralwasser, Frischluftschneisen etc. Dann kann man sauber diskutieren und ggf. neu entscheiden. Mein bester Freund ist ein entschiedener S 21 Befürworter – wir kommen trotzdem miteinander klar und diskutieren das Thema hart aber fair.

    Deine Erwartungen in einen neuen Stadtteil kann ich angesichts deines Berufes nachvollziehen, nicht aber angesichts der städtebaulichen Kompetenzen der Stuttgarter Stadtspitze. Noch mehr à la LBBW, Häussler-Plazza etc. – Nein, danke schön! Ein internationaler Architektur-Wettbewerb zum Beispiel mit Größen wie Piano und seinen Kollegen – und wir würden vielleicht wirklich was Einzigartiges hinkriegen. So aber stoppelt sich die Stadt hilflos durch das Gleisvorfeld und kriecht den Investoren in den Hintern. Leider !
    Solange gilt für mich: Oben bleiben – friedlich bleiben !

  3. Da kann ich Dir in jedem Punkt nur zustimmen. Auch bei den städtebaulichen Kompetenzen… Es kommt auch gar nicht so sehr auf die Qualität der Architektur an, es kommt darauf an, wieviel Freiraum dem Investor gelassen wird. Wenn der machen darf was er will, wirds 08/15 und/oder größenwahnsinnig. Da müsste eine bunte Mischung hin, die auch ganz bewußt langsam wächst. Aber wem sag ich das…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s