Still-Leben auf der A 40 – von wegen still!

O.k., ich jetzt auch noch, wenn auch verspätet:

Das Tolle am Kulturhauptstadtjahr ist, dass viele Veranstaltungen für die Bewohner des Ruhrgebiets sind und nicht so sehr für Touristen. Die Schachtzeichen waren ja dadurch reizvoll, dass man eine Woche lang, wohin man auch fährt, merkt: Ach ja, hier ist ja auch noch eine Zeche. Das Konzept der Local Heroes – jede Woche des Jahres steht eine der 52 Gemeinden, die mitmachen im Vordergrund ist auch mehr für Insider, Besucher aus Übersee interessieren sich jetzt sicher nicht so sehr dafür, was in Hamminkeln oder Sprockhövel so passiert. Und auch das A 40 Still-Leben war in erster Linie eine Veranstaltung für und mit dem Ruhrgebiet. Die Außenwirkung ist trotzdem enorm, aber gefüllt wird das Ganze durch all die vielen Mitmacher und Mitfeierer auf der Autobahn.

Fußgängermassen

Wir waren natürlich auch dabei und ich finde, es war einfach genial. Jeder wollte mal da laufen, wo er täglich morgens im Stau steh. („Einmal durch den Tunnel gehen, in dem ich immer morgens feststecke…“) WEr aber  einmal eine Guggamusik im Tunnel gehört hat, wird dies nicht so schnell vergessen…

Das Konzept war einfach aber genial, die Umsetzung war ganz sicher nicht so einfach. Der logistische Aufwand war enorm, bis 60 km Autobahn gesperrt, geräumt, gesichert und 20.000 Biertische aufgebaut waren. THW, Polizei, unzählige freiwillige Helfer waren hier gefordert.

Schon am Abend vorher standen die ersten Schaulustigen und beobachteten, wie sich die Autobahn leerte. Tage vorher gab es überall nur ein Gespräch („wo geht Ihr hin? Wie kommt Ihr hin?“ „Was kochen wir morgen? – ach nein, die Kinder essen auf der Autobahn.“ „Sollen wir mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen?“) Morgens, auf der Fahrt mit dem Bus (voller als an Werktagen) merkte man so richtig, es gibt an diesem Tag nur eine Richtung, die Autobahn. Alle Fahrradwege sind voll.

Und dann füllte es sich im Laufe des Tages immer mehr und – natürlich wie immer – war Stau. Ein schöner, fröhlicher Stau. Fahrradstau, Fußgängerstau. Auf der Mobilitätsspur tummelte sich alles, was Räder hatte: Einräder, Hochräder, Liegeräder, Rikschas, Tandems, Fahrrad-Lindwurm, Inliner und und und…

Rikschas

Und auf der Mitmachspur wird gefeiert, getanzt, musiziert, gemalt, geschrieben, gespielt, gekocht, gebastelt, getrommelt, gerätselt, gepicknickt, geredet, geforscht… Ja, auch geforscht, denn Botaniker waren ganz wild darauf, die Pflanzenwelt auf dem Mittelstreifen zu untersuchen. Es gibt hier jede Menge seltene Pflanzen, z.B. salzliebende Pflanzen.

Man konnte sich Sagen aus dem Ruhrgebiet erzählen lassen oder gemeinsam singen. Es gab jede Menge Mitmach-Aktionen, Befragungen, Fotoaktionen, Vorführungen. gemeinsam dichten, malen, basteln – für alle war etwas dabei. Gummitwist, Tennis, Schach, Skat, Tischkicker, alles konnte man ausprobieren. Der „Early Christmas Day“ wurde ausgerufen. Und ob „fröhliche Schleicher“ oder „Ukuleriker“, ob „Weißwurst meets Currywurst oder die 100 Bräute … alle waren dabei, ein echtes Volksfest, allerdings ohne Grillen. Auch mal schön!

Kinder werden mit dem Bollerwagen über die Autobahn gezogen, alte Leute wagen sich mit dem Rollator auf die Bahn. (am schönsten fand ich ja die Omma mit Rollator, die beim Laufen noch simste – passieren kann ja nichts, sie hat ja ihren Stoßdämpfer vor sich)

Und natürlich wurde ordentlich gefeiert, Hausgemeinschaften picknickten gemeinsam, Geburtstage, Hochzeiten, Goldene Hochzeiten wurden gefeiert. Eine holländische Gruppe schenkte der Omma zum 80. einen Geburtstag auf der Autobahn.

80. Geburtstag
Und was man auch schaute und hörte, ob in der Straßenbahnhaltestelle Bach gespielt wurde oder ob man mit den Trommlern mitwippte – immer gab es eine Art „Hintergrundfilm“, man sah dahinter immer die Fahrradfahrer vorbeiflitzen – ein recht skurriles Bild.

woanders ist auch scheisse

Modisch war eher der Einheitslook angesagt. Bequemes Schuhwerk sowieso und wer ein T-Shirt mit Goosens Spruch: „A 40 – woanders ist auch scheiße“ trug, konnte sicher sein, damit nicht alleine zu sein. Genauso wichtig war ein weiteres Accessoire: Der Papierhut.
A 40

Spruch des Tages:
„Haben Sie auch Glühwein?“

Beste Ansage:
„Hallo, ich bin der Kevin und das ist der Jean-Michel und zusammen sind wir – Kevin und Jean-Michel“

und gefallen hat mir:
analoges Twittern
Das analoge Twittern

Das Fazit:
das Fazit: die interessanteste Kultur kommt immer noch von der Straße

Die „manchmal etwas krude Mischung aus Pfarrgemeindefest und Love-Parade“ wurde es genannt. Ich fand gerade diese wilde Mischung super. Wir ließen uns einfach treiben und wussten nicht, was uns erwartet. Und das Schöne ist, hinterher hat jeder etwas anderes gesehen, keiner konnte alles mitbekommen, jeder hat seine ganz persönliche Mischung erlebt. Aber alle standen im Stau. Im schönsten Stau, wie die Blöd-Zeitung mal zu Recht titelte.

der schönste Stau

Schöne Berichte:
Video von WDR
sehr schöner Zeitraffer

noch ein Video

Luftballons

4 Antworten zu “Still-Leben auf der A 40 – von wegen still!

  1. Schöner Artikel. Ilike.

  2. Einfach herrlich – rundherum und der Länge nach!

    Gruss, Quer

  3. Hey, ein sehr schöner Bericht und viele tollte Fotos. Gibt es vielleicht einen Link zu einem Video oder ähnlichem?

  4. Pingback: Noch ein Rückblick, Teil 3 | Doppelblog's Weblog

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s