Unterwegs nach Weihnachten, 14. Dezember

In unserer Zeit der geradlinigen Wege, in der es nur noch wichtig ist, „Strecke zu machen“, vorwärts zu kommen oder Stufen zu erklimmen, sind die Symbole von Labyrinth oder Spirale in Vergessenheit geraten.

Fortschritt muss nicht immer geradlinig sein, das Leben in wachsenden Ringen ist ein uraltes Symbol. Dinge einzukreisen, sich ihnen von allen Seiten zu nähern, immer neue Wendungen zu erleben, das ist eine ganz behutsame und intensive Art, fortzuschreiten.

„Warum sprechen uns Spiralen oder auch Labyrinthe … so stark an, wenn wir sie irgendwo finden und erwecken den Wunsch, sie zu beschreiten? Ich denke, auf unseren inneren Ebenen ist uns diese Art von Wegen vertraut. Es ist die Grundform der Wege, die wir in unserem Leben gehen. Wir nähern uns unserer Mitte, dem Kern unserer Seele, nicht direkt und geradlinig. Wir umkreisen ihn, nähern ihm uns langsam und stetig, von verschiedenen Seiten. Es ist eine Annäherung, während der wir uns verwandeln und Schritt für Schritt der Essenz unseres Seins näher kommen. Es gibt keine Abkürzungen, wir benötigen die Zeit des Gehens um die Veränderungen zu verinnerlichen.“*

Ein Labyrinth ist kein Irrgarten. Ein Labyrinth führt zur Mitte, es hat ein Zentrum. Es geht in die Tiefe, nach innen und von dort doch wieder nach außen. Innen und außen gehören zusammen.

„Mit dem Ankommen in der Mitte ist unser Weg aber keineswegs beendet. Es ist der Punkt an dem wir kurz innehalten, einen seligen Moment der Einheit erleben und dann mit allem, was wir dort gefunden und dankbar angenommen habe, wieder bewusst umkehren und den Weg hinaus , in die Außenwelt wählen, um das umzusetzen und zu verwirklichen, was wir an neuen Erkenntnissen und Erfahrungen auf unserem Weg in die Mitte gefunden haben. Wir haben uns verändert, etwas hinzugewonnen; unseren nächsten Weg in die Mitte werden wir auf einer anderen Ebene antreten. Wir können uns diesen Zyklus auch räumlich vorstellen, wie eine Spirale, die sich nach oben windet, ähnlich einer Wendeltreppe. Wir passieren immer wieder dieselben Punkte, aber immer auf einer anderen Höhe.“*

Somit ist die Spirale ein Symbol für ein Vorwärtsgehen, das nicht linear ist, zyklisch aber dennoch Fort-Schritt. Keine Tretmühle oder Karussel, also das stupide Kreisen, nein, mit jeder neuen Wendung gibt es ein Weitergehen. Wandel im Lebenszyklus, Weiterentwicklung in wachsenden Ringen.

„Die Engel fliegen in Spiralen, der Teufel nur geradeaus“ sagte schon Hildegard von Bingen. Vergessen wir also nicht, das es nicht nur das Geradlinige gibt, nähern wir uns den Dingen im Umkreisen.

Wachsende Ringe
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rilke

*(Die Zitate habe ich früher einmal auf spirit-internet.de gefunden, dort würde ich aber nicht hingehen, mein Virenscanner schlägt dort Alarm.)

Eine Antwort zu “Unterwegs nach Weihnachten, 14. Dezember

  1. Schön,
    so etwas in der Blogosphäre zu finden.
    Ich bin ja auch labyrinthisch unterwegs.
    Aber mehr als Landvermesser.

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