Hildegard von Bingen

Gelesen habe ich in letzter Zeit eine Biographie von Hildegard von Bingen. Ich wusste bisher noch nicht sehr viel von ihr, außer dass sie von den diversen Kreisen vereinnahmt wird. (Dinkelbrot, Edelsteine, Energiekekse und diverses mehr) Insofern war meine Motivation, mich mit ihr zu beschäftigen noch nicht so groß.

Jetzt habe ich aber „Denn ich bin krank vor Liebe: Das Leben der Hildegard von Bingen“ von Barbara Beuys gelesen und fand es sehr fundiert und spannend.

Es ist irgendwie ein tröstliches Buch, denn Hildegard von Bingen hat es durch kluges Handeln geschafft, sich einen wichtigen Platz im Leben zu erarbeiten, sie brach viele Tabus ihrer Zeit: Sie erhob ihre Stimme, sie stand in brieflichem und persönlichem  Kontakt mit sehr vielen wichtigen Menschen ihrer Zeit, sie legte die Bibel aus und predigte –für eine Frau damals absolut nicht zulässig.

Es gab zu ihrer Zeit ein gewisses “Zeitfenster“ für Frauen, in dem Frauen stärker im Klosterleben dominieren konnten. Mit dem Aufkommen der Reformorden im 11./12. Jahrhundert (Zisterzienser, Prämonstratenser) zog es Frauen verstärkt in die Klöster, es entstanden eine Menge Doppelklöster, in einzelnen Fällen sogar mit einer Äbtissin als Gesamtleiterin. Auch konnten Frauen ordensähnlich aber nicht in einem Kloster, zum Beispiel alleine zuhause leben. Beides zur damaligen Zeit sehr „fortschrittlich“. Dies begann zur Zeit von Hildegards Eltern, sie wuchs mit solchen Entwicklungen auf. Doch schon zur ihrer Zeit wurde die Forderung erhoben, Frauen in Klöstern, das gehe nur in strengster Klausur.

Und in diesem Umfeld lebt Hildegard von Bingen, schreibt Bücher über Visionen, kommuniziert mit allen, die Rang und Namen haben und sie verhält sich dabei sehr schlau. Sie betont sehr, sie sei eine ungebildete Frau, was nichts mit Koketterie zu tun hat sondern mit einer Art von Legitimation für ihre Visionen. Visionen kommen häufig den einfachen, ungebildeten Menschen zu, je mehr sie betont, ungebildet zu sein, desto mehr kommt ihre Legitimation von Gott und sie macht sich dabei unangreifbar.

Gleichzeitig zeigt Barbara Beuys, dass Hildegard von Bingen durchaus auf der Höhe der Zeit mit ihrem Wissen war. Die „moderne“ Theologie, die zu diesem Zeitpunkt in Paris entstand, mit dem veränderten Gottesbild vom strengen Richter zum barmherzigen Gott, dies war ihr Thema und sie argumentierte auch entsprechend. Auch die Wissenschaft entwickelte sich damals, durch die Abspaltung von der Theologie war Wissenschaft im eigentlichen Sinne möglich, es war nun möglich Naturphänomene zu beobachten, sich Gedanken zu machen, wie etwas funktionierte. Auch hier war Hildegard von Bingen offen und neugierig und sie schrieb auch ein Buch über die Natur – das leider nur in Teilen erhalten ist und aus dem die ganze Hildegard-Medizin abgeleitet wird, was ich aber für einen rechten Blödsinn halte, aber das nur am Rande.

Barbara Beuys beschreibt in ihrem Buch auch sehr ausführlich das Zeitgeschehen, was sehr sinnvoll ist, weil Hildegard eben nicht „außerhalb der Zeit“ in ihrem Kloster saß, sondern sich durchaus in der Welt bewegte. So kann man auch die Leistungen dieser Frau um so besser einschätzen.

Es liest sich sicher nicht ganz so leicht dadurch, aber es ist auch umso wertvoller dadurch. Man kann über Hildegard nicht einfach eine Biografie schreiben, dazu weiß man viel zu wenig über sie, vieles ist unklar, vieles wurde auch später von ihrem ersten Biografen durchaus absichtlich verändert.

Ein absolut spannendes Buch über eine außergewöhnliche Frau, die taktisch klug ihr Frausein als Legitimation für ihre Visionen einsetzte. Wer sich für Frauen in der Kirche interessiert, sollte es unbedingt lesen.

Doch schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden Nonnen ganz bewusst in strengste Klausur gedrängt. Und nun interessiert mich das nächste Kapitel der Kirchengeschichte der Frauen, die Beginen. Auch hier war es ja wieder ein Versuch von Frauen unabhängig und selbstbestimmt zu leben, wenn ich es recht in Erinnerung habe.

4 Antworten zu “Hildegard von Bingen

  1. Die Beginen! Die wären auch ein Forschungsthema. Frauen außerhalb der üblichen gesellschaftlichen Schubladen, oft nicht gut angesehen beim Klerus, die sich ihre Nische schafften …

  2. Es ist schon fast Jahrzehnte her, seit ich H. von Bingens Biografie gelesen habe. Vieles kam in der Erinnerung zurück, dafür danke ich dir.
    Eine sagenhafte Frau!

    LG Anna-Lena

  3. Da, wo Frauen so wundervolle Handarbeiten machen wie die Beginen, beginne ich mich in Ehrfurcht zu verneigen. Leben wie sie wollte ich nie! Ich wäre verrückt geworden, hätte ich Klöppeln lernnen sollen. Das konnten die Beginen wundervoll. Da liegt mir Hildegard von Bingen mehr. Sie war klug, sie war weise, sie wußte, daß sie stark war und diese Stärke geschickt einsetzen mußte in einer Welt, in der die Kirchenmänner dachten, sie wären der Nabel der Welt und die Frauen von Gott nur geduldet. (Wie ist es heute???) Ändert sich die Kirche wiriklich? Ist es nicht nur die Oberfläche, die si ch ändert?

  4. was ich bisher über Beginen weiss, ist, dass es durchaus sehr unterschiedliche Lebensformen gab, vom Leben in großen Beginenhöfen (Brügge!) bis zu Kleinst-Wohngemeinschaften. Auf jeden Fall oft mit mehr Autonomie als im Kloster. Auch beruflich war von Krankenpflege, Totenwache über Textilbearbeitung viel möglich.

    Ich glaube, dies ist für mich auch ein Grund, mich mit Geschichte zu befassen, ich will verstehen, wie die Lebenswelt der Frauen damals war.
    Ja, und die Frage ob sich die Kirche ändert? Wie kann sie für Männer und Frauen sprechen, wenn sie der Hälfte der Menschheit Rechte abspricht? Aber die Frauen lassen es auch schon zulange mit sich machen. Vielleicht muss sich Kirche wirklich von unten wandeln. Doch, ich finde, Hoffnung besteht noch. Und Vorbilder gab es sicher zu allen Zeiten, man muss sie halt suchen.

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