zuerst etwas können später etwas wagen

Am Wochenende habe ich ein zauberhaftes Buch gelesen. Genauer gesagt: Ich habe „Mein Urgroßvater und Ich“ wiedergelesen, inspiriert durch diese zauberhafte Rezension. Es ist schon so lange her, aber ich fand es schon damals sehr nett. Damals war es natürlich noch exotischer, schließlich kannte ich weder die Nordsee noch einen Aufenthalt auf einer Nordseeinsel. Sprachspielereien konnten mich aber schon immer begeistern.

Heute goutiere ich vor allem die kleinen Weisheiten über Sprache, die er in einfache und einprägsame Bilder verpackt:

„Dann sind die Wörter ja Kleider, mit denen man die ganze Welt anzieht, Urgroßvater!“
„Jawohl, Boy, so ungefähr ist es. Ohne Sprache ist die Welt so nackt, wie du jetzt bist. Aber durch die Sprache wird sie so gesittet und ordentlich wie du durch deinen Anzug.“

„Ojemine, Urgroßvater!“, schrie ich. „Der Satz ist ja so lang geworden wie eine Seeschlange.“
„Und dabei ist es immer noch ein einfacher Satz, Boy. Ich meine, da sind keine Nebensätze drin. Aber, im Vertrauen gesagt, Boy: so lange Sätze soll man in einer Geschichte nicht schreiben. Das ist, als ob man ein kleines Ruderboot mit der Fracht für einen großen Dampfer belädt. Das hat keinen Schick! … “

Aber am allerschönsten ist diese Stelle:
„Die Moral von der Geschichte, Boy, ist eine seltsame Moral. Sie heißt: Lerne, wie man schreiben soll. Aber vergiss das Gelernte, wenn du schreibst!“
„Das ist wie beim Schwimmen, Urgroßvater: Am Anfang muss man die Arm- und Beinbewegungen lernen, aber später muss man sie beherrschen, ohne an sie zu denken. Sonst schwimmt man schlecht und geht unter.“
„Ein guter Vergleich, Boy! Ob man geht oder schwimmt oder schreibt, es ist immer dasselbe: Man muss zuerst etwas können und später etwas wagen, dann geht’s!“

Und dann war da noch der Leuchtturm auf den Hummerklippen, Pauline und der Prinz im Wind, Tante Julies Haus, und und und …

„Mir hat mal ein kleines Mädchen geschrieben: ‚In deinen Büchern kann man wohnen‘. Und das fand ich ein ungeheures Lob und daraus schließe ich, dass ich Bücher schreibe, in denen man sich behaglich einrichten kann.“


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4 Antworten zu “zuerst etwas können später etwas wagen

  1. Danke für diesen wunderbaren Tipp!

    Brigitte

  2. Ganz wunderbar!
    Auch von mir ein herzliches Dankeschön für diesen Tipp.
    Liebe Grüße!

  3. Da hast Du eine echte Leseperle entdeckt, wieder entdeckt- und Du berichtest so gut darüber- bin froh, dass ich gucken gekommen bin!

  4. oh, bitteschön, gerne geschehen, ich freue mich, dass es Euch allen auch gefällt.

    Aber die Entdeckung kam ja nicht von mir, sondern von Isa.

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