Woraus besteht eine Stadt

Gestern den ganzen Tag auf einer Tagung verbracht, über Klöster im Mittelalter. Viel gehört über das Leben und Wirtschaften in den Klöstern. Es wurde sehr viel zitiert aus Verträgen, Rechnungen, Zinsprotokollen – eher trockene Dinge, die aber das Leben doch anschaulich machen können, wenn es gut aufbereitet ist.

Auf dem Rückweg durch die Stadt kommt mir in einer Gasse ein Gaukler entgegen. Im Klosterhof steht ein Mönch in brauner Mönchskutte und sortiert Holzkreuze. Weitere Mönche kreuzen meinen Weg und mir wird klar, dass es sich um Darsteller einer mittelalterlichen Stadtführung handelt.

Und zuhause lese ich dann folgendes Zitat von Nooteboom, das alles sagt:

„Denn woraus besteht eine Stadt? Aus allem, was in ihr gesagt, geträumt, zerstört, geschehen ist. Aus dem Gebauten, dem Verschwundenen, dem Geträumten, das nie verwirklicht wurde. Aus dem Lebenden und dem Toten. Aus den Holzhäusern, die abgerissen wurden oder verbrannten, den Palästen, die hier hätten stehen können, der Brücke über das IJ, die zwar gezeichnet, aber nie gebaut wurde. Aus den Häusern, die hier noch heute stehen, in denen Generationen ihre Erinnerungen zurückgelassen haben.

Aber sie ist viel mehr als dies. Eine Stadt, das sind alle Worte, die dort je gesprochen wurden, ein unaufhörliches, nie endendes Murmeln, Flüstern, Singen und Schreien, das durch die Jahrhunderte hier ertönte und wieder verwehte. Mag es auch noch so entschwunden sein, es hat doch einmal dazugehört, auch das was sich nie mehr rekonstruieren lässt, ist ein Teil davon, einfach deshalb, weil es einst hier, an diesem Fleck, in einer Winternacht oder an einem Sommermorgen gerufen oder ausgesprochen wurde.  Die Wanderpredigt, das Urteil des Tribunals, der Schrei des Gegeißelten, das Bieten auf einer Versteigerung, die Verordnung, der Anschlag, die Kundgebung, das Pamphlet, die Bekanntgabe eines Todesfalls, das Ausrufen der Zeit, die Worte von Nonnen, Huren, Königen, Regenten, Malern, Schöffen, Henkern, Schiffern, Landsknechten, Schleusenwärtern und Baumeistern, dieses fortwährende Gespräch an den Grachten im lebenden Körper der Stadt, das alles macht sie aus.

Wer will, kann es hören. Es lebt fort in Archiven, Gedichten, in Straßennamen und Sprichwörtern, in Wortschatz und Tonfall der Sprache (…)

Die Stadt ist ein Buch, der Spaziergänger sein Leser. Er kann auf jeder beliebigen Seite beginnen, vor- und zurückgehen in Raum und Zeit. Das Buch hat vielleicht einen Beginn, aber noch lange kein Ende. Seine Wörter – das sind Giebelsteine, Baugruben, Namen, Jahreszahlen, Bilder.“

Cees Nooteboom, Eine Karte so groß wie der Kontinent. Europäische Reisen.

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6 Antworten zu “Woraus besteht eine Stadt

  1. Ein wunderbares Zitat. Es tröstet mich und macht mich traurig zugleich, wenn ich an Köln denke.

  2. Baa?;’D

  3. Sorry ich meine das is echt hilfreich Anlina & Marie

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