Freitagabend

Längst schon nicht mehr ist es er Sonntag. Sonntag ist viel zu nah am Montag, und Montag ist der erste Tag einer langen Reihe, an denen der Wecker zu früh klingelt, im Frühling die Vögel tinnitusartig im Gehörgang pfeifen, im Sommer die Sonne schon schamlos lacht und im Winter die Finsternis draußen noch so erschreckend ist. Der Sonntag ächzt schon ein wenig unter der vermuteten Montagsschwere. Man weiß ganz genau: morgen schon wird man zu früh und schwer aufwachen müssen. Man denkt beim späten Frühstücken: dann wieder nur die Tasse Kaffee im Stehen. Nachmittags beim Joggen hat man außer der kühlen Frischluft schon die Ahnung muffigen Bürogeruchs in der Nase. Man fragt die Kinder abends, ob alle Hausaufgaben erledigt sind, und kuckt selbst vielleicht doch noch mal schnell ins dienstliche Emailfach, um am Morgen nicht noch böser überrascht zu werden. Nein, der Sonntag ist längst nicht mehr, was er mal war: Langgestreckte Ruhe. Langeweile vielleicht gar.

Und der Samstag: viel zu kurz natürlich, für alles, was getan werden will. Der Einkauf – vielleicht mal was Frisches vom Markt nach der Kantine der Woche? – Die Kiste Apfelsaft nicht vergessen. Der Schwimmkurs des Sechsjährigen um elf. Neue Schuhe: wann, wenn nicht heute? Irgendwann sollte die Wäsche aufgehängt werden. Zwei Tage feucht in der Trommel … Der Abend dann steht unter dem Druck des Besonderen, er soll anders sein als alle Abende der Woche, ein wunderbares Essen vielleicht, oder Kultur …

Auch der Samstag schafft es nicht wirklich, das unvergleichliche Gefühl hervorzurufen, das sich einstellt, wenn die arbeit der Woche hinter mir liegt und geschafft ist – und alles weitere noch in weiter Ferne liegt.

Es ist das Gefühl, das sich nur freitagabends einstellt. Schon der Nachhauseweg ist irgendwie anders. Gemächlicher als an den anderen Tagen und beschwingter zugleich. es ist wie das Abstreifen enger Schuhe: ein langsames Abschütteln der Schwere. Sich strecken, mit dem Kopf und den Zehen wackeln, leichter werden und wohlig müde sein zugleich. Und Eintauchen ins Wochenende, das nie länger ist als jetzt. einfacher und glücklicher kein Essen als das am Freitagabend: da duftet auch der Teller Spaghetti verheißungsvoll, weil rücksichtslos viel Knoblauch in ihm steckt. Da muss nicht viel gesagt werden: es hat auch Zeit bis morgen. Da ist die Woche vorbei. Die Uhr tickt nicht, die Zeit ist gedehnt. Die Geschäftigkeit des immer nächsten liegt hinter einem. Da ist ein ganzer Abend, an dem alles warten kann, was sonst noch getan werden muss. Es ist der Feierabend der Woche, es kann sich eine Art festliche Schlampigkeit ausbreiten, in der das genussvolle Ende der Arbeit, das Aufhören des Müssens und das Nochnichtwiederanfangen alles weiteren einen Ausdruck findet. Der wird, nach dem Essen und so lange der Landwein noch nicht alle ist, mal ruhig sein und mal voller Bewegung, manche mögen ihn zurückgezogen, andere gesellig – viel darf, wenig muss sein. Wer mag, dehnt den Abend aus bis es früh wird. Wer den Schlaf liebt, freut sich heute besonders auf ihn – weil sein Ende sich ganz von alleine einstellen darf, irgendwann am Morgen, kein Weckerklingeln weiß wann.

Gabriele Hartlieb,

Das Inspirationsbuch 2007

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