Der Glücklichste

Der Glücklichste

Radio-Nachrichten vom 30. Juli 1988: von morgens früh bis abends spät jede Stunde derselbe Satz, der eigentlich nicht so recht zu den übrigen Nachrichten passen wollte: „Der Glücklichste dürfte der sein, der im vergangenen Jahr 4,5 Millionen gewann.“

Es ging dabei um den Jahresbericht der Lotto-Gesellschaft. Das Wort „dürfte“ hat mir so gefallen, es ist so sanft und zögernd, und dass der Gewinner wirklich der Glücklichste ist, das bleibt eine Vermutung – und dass es nur eine Vermutung war, das ließ den Satz so aus dem ganzen Nachrichtentext herausfallen. Ich bin im Verlaufe des Tages richtig süchtig geworden auf den Satz, verpasste die Nachrichten Stunde um Stunde nicht und hörte den Satz von verschiedenen Stimmen gesprochen und betont immer wieder: „Der Glücklichste …“

Und ich stellte mir vor, wie er – der Glücklichste – selbst am Radio saß und sich seinen Satz anhörte und vielleicht Ärger hatte mit einem Aktienpaket, auf dem er hunderttausend verlor, mit einem Mieter, der nicht bezahlt, mit einem Sohn, der die Lehre aufgibt, mit einer Frau, die ihn nicht sehr liebt und lieber eine Jacht möchte. Aber er ist jetzt der Glücklichste, und sein Unglück fällt nicht mehr ins Gewicht. Man beneidet ihn, also darf er nicht mehr klagen.

„Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt“, sagt man. Ob das bei so viel Geld auch noch so ist? So viel Matratzen, die man damit kaufen könnte, bringen wohl doch nicht einen gesunden Schlaf.

Da hat der Nachrichten-Redaktor vielleicht etwas verwechselt. Er wollte wohl schreiben „Am meisten Glück gehabt hat jener, der 4,5 Millionen gewann.“

Die Formulierung „Glück gehabt“ ist eigenartig, denn das ist immer Vergangenheit. Man hat es, und es ist vorbei, im gleichen Augenblick sozusagen.

Kürzlich hatte ich Glück: ein fürchterlicher Sturz mit dem Velo, und ich hatte nicht die geringste Verletzung. Das Velo sah ziemlich bös aus und musste repariert werden. Ich hatte Glück, und ich hätte jetzt Grund genug, glücklich zu sein. Aber es ist alles wie vorher – dieselben Sorgen wie vorher. Hätte ich Unglück gehabt und mich schwer verletzt, es wäre jetzt nichts mehr wie vorher. Ich könnte immer noch im Spital liegen, bemitleidet werden und mich selbst bemitleiden. Es wäre alles ganz anders, wenn ich Unglück gehabt hätte. Aber weil ich Glück gehabt habe, ist immer noch alles gleich. Sogar die Brille habe ich eine Stunde später am Sturzort gesucht und wiedergefunden, und sie war noch ganz – ich hatte Glück.

Es ist doch sehr eigenartig, dass „Glück haben“ nicht glücklich macht, aber „Unglück haben“ das macht unglücklich. Hans im Glück hat in einem Märchen sein Gold gegen eine Kuh, seine Kuh gegen einen Esel, seinen Esel gegen – usw. eingetauscht, und er war am Schluss glücklich. Glück gehabt aber haben all jene, die mit ihm getauscht haben. Die haben ein gutes Geschäft gemacht und waren jetzt reicher.

„Glück haben“ und „glücklich sein“ ist nicht dasselbe. Aber die Lottospieler spielen nicht etwa, um Glück zu haben, sondern um glücklich zu sein – da sind sie offensichtlich im falschen Spiel Glück haben ist immer sehr kurz: das waren nur etwa zwei Sekunden, als ich Glück hatte bei meinem Sturz mit dem Fahrrad.

Ich könnte jetzteigentlich ein Leben lang nichts tun und nur noch glücklich sein darüber, dass ich noch lebe und mir nicht das Genick gebrochen habe. Ich könnte herumgehen und allen sagen, ich lebe noch, das macht mich glücklich. Und wenn mich einer fragen würde, wie es mir gehe, dann würde ich sagen: „Ich bin glücklich!“

Dann würde der andere sagen: „Aber das Waldsterben und die Arbeitslosen und das Ozonloch und die Flüchtlinge und Nicaragua und die Neonnazis und die Zukunft und die Zukunft und die Zukunft“ – und ich würde mich schämen, glücklich zu sein und nichts zu tun.

Einem König, wieder im Märchen, der sehr unglücklich war, wurde empfohlen, das Hemd eines Glücklichen zu tragen. Er schickte seine Knechte aus, den Glücklichsten im Lande zu suchen („Der Glücklichste dürfte der sein, der im vergangenen Jahr 4,5 Millionen gewann“), aber als die Knechte ihn fanden, da besaß er kein Hemd: eine schöne Geschichte, mir hat sie sehr gefallen als Kind.

Aber wir leben nicht so. Wir haben uns alle darauf eingelassen, nur noch darauf eingelassen, Glück zu haben. „Glücklich sein“, das haben wir hier und heute längst aufgegeben. Der Glücklichste ist nur noch der, der „Glück gehabt hat“, das ist zuwenig. Und jener, der 4,5 Millionen gewonnen hat, wird längst gemerkt haben, dass 4,5 Millionen zuwenig sind.

Peter Bichsel

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Eine Antwort zu “Der Glücklichste

  1. habe jede Zeile gelesen – sie nicht etwa nur überflogen.

    Ich „bin“ glücklich hier gelesen zu haben, „habe“ aber auch Glück gehabt, Dich auf meine Leseleiste gelegt zu haben. ;-)

    Ich wünsche ein gutes neues Jahr
    Barbara

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