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Hildegard von Bingen

21. November 2009 · 4 Kommentare

Gelesen habe ich in letzter Zeit eine Biographie von Hildegard von Bingen. Ich wusste bisher noch nicht sehr viel von ihr, außer dass sie von den diversen Kreisen vereinnahmt wird. (Dinkelbrot, Edelsteine, Energiekekse und diverses mehr) Insofern war meine Motivation, mich mit ihr zu beschäftigen noch nicht so groß.

Jetzt habe ich aber „Denn ich bin krank vor Liebe: Das Leben der Hildegard von Bingen“ von Barbara Beuys gelesen und fand es sehr fundiert und spannend.

Es ist irgendwie ein tröstliches Buch, denn Hildegard von Bingen hat es durch kluges Handeln geschafft, sich einen wichtigen Platz im Leben zu erarbeiten, sie brach viele Tabus ihrer Zeit: Sie erhob ihre Stimme, sie stand in brieflichem und persönlichem  Kontakt mit sehr vielen wichtigen Menschen ihrer Zeit, sie legte die Bibel aus und predigte –für eine Frau damals absolut nicht zulässig.

Es gab zu ihrer Zeit ein gewisses “Zeitfenster“ für Frauen, in dem Frauen stärker im Klosterleben dominieren konnten. Mit dem Aufkommen der Reformorden im 11./12. Jahrhundert (Zisterzienser, Prämonstratenser) zog es Frauen verstärkt in die Klöster, es entstanden eine Menge Doppelklöster, in einzelnen Fällen sogar mit einer Äbtissin als Gesamtleiterin. Auch konnten Frauen ordensähnlich aber nicht in einem Kloster, zum Beispiel alleine zuhause leben. Beides zur damaligen Zeit sehr „fortschrittlich“. Dies begann zur Zeit von Hildegards Eltern, sie wuchs mit solchen Entwicklungen auf. Doch schon zur ihrer Zeit wurde die Forderung erhoben, Frauen in Klöstern, das gehe nur in strengster Klausur.

Und in diesem Umfeld lebt Hildegard von Bingen, schreibt Bücher über Visionen, kommuniziert mit allen, die Rang und Namen haben und sie verhält sich dabei sehr schlau. Sie betont sehr, sie sei eine ungebildete Frau, was nichts mit Koketterie zu tun hat sondern mit einer Art von Legitimation für ihre Visionen. Visionen kommen häufig den einfachen, ungebildeten Menschen zu, je mehr sie betont, ungebildet zu sein, desto mehr kommt ihre Legitimation von Gott und sie macht sich dabei unangreifbar.

Gleichzeitig zeigt Barbara Beuys, dass Hildegard von Bingen durchaus auf der Höhe der Zeit mit ihrem Wissen war. Die „moderne“ Theologie, die zu diesem Zeitpunkt in Paris entstand, mit dem veränderten Gottesbild vom strengen Richter zum barmherzigen Gott, dies war ihr Thema und sie argumentierte auch entsprechend. Auch die Wissenschaft entwickelte sich damals, durch die Abspaltung von der Theologie war Wissenschaft im eigentlichen Sinne möglich, es war nun möglich Naturphänomene zu beobachten, sich Gedanken zu machen, wie etwas funktionierte. Auch hier war Hildegard von Bingen offen und neugierig und sie schrieb auch ein Buch über die Natur – das leider nur in Teilen erhalten ist und aus dem die ganze Hildegard-Medizin abgeleitet wird, was ich aber für einen rechten Blödsinn halte, aber das nur am Rande.

Barbara Beuys beschreibt in ihrem Buch auch sehr ausführlich das Zeitgeschehen, was sehr sinnvoll ist, weil Hildegard eben nicht „außerhalb der Zeit“ in ihrem Kloster saß, sondern sich durchaus in der Welt bewegte. So kann man auch die Leistungen dieser Frau um so besser einschätzen.

Es liest sich sicher nicht ganz so leicht dadurch, aber es ist auch umso wertvoller dadurch. Man kann über Hildegard nicht einfach eine Biografie schreiben, dazu weiß man viel zu wenig über sie, vieles ist unklar, vieles wurde auch später von ihrem ersten Biografen durchaus absichtlich verändert.

Ein absolut spannendes Buch über eine außergewöhnliche Frau, die taktisch klug ihr Frausein als Legitimation für ihre Visionen einsetzte. Wer sich für Frauen in der Kirche interessiert, sollte es unbedingt lesen.

Doch schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden Nonnen ganz bewusst in strengste Klausur gedrängt. Und nun interessiert mich das nächste Kapitel der Kirchengeschichte der Frauen, die Beginen. Auch hier war es ja wieder ein Versuch von Frauen unabhängig und selbstbestimmt zu leben, wenn ich es recht in Erinnerung habe.

Kategorien: bibliothek
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Die allerersten Autofahrer

14. Oktober 2009 · 3 Kommentare

Im Projekt Damals und Heute erinnern wir uns an unsere erste Autos und Autofahrten. Aber gehen wir mal noch weiter zurück – zu den allerersten Autofahrten. Natürlich denken wir hier sofort an Berta Benz, die allererste Autofahrerin.

Einen Bericht über eine der ersten Autofahrten von Léon Serpollet habe ich gefunden im Buch von Attilio Brilli „Das rasende Leben“ *

„Der detaillierte Bericht über eine fünftägige Probefahrt von Paris nach Lyon, die er 1890 mit seinem Mitarbeiter Ernes Archdeacon unternahm, ist eine der ersten Beschreibungen einer motorisierten Reise, die wir besitzen. Nachdem sie Paris ohne Schwierigkeiten hinter sich gelassen haben, erzählt Serpollet, rattert das Fahrzeug durch die weite Landschaft vor der Stadt, und alle Pferde schlagen aus und bäumen sich auf, wenn es vorbeikommt. Auf der Weiterfahrt zeigt der Wagen jedoch Anzeichen von Ermüdung und fängt an, Schaubenmuttern, Bolzen und Teile der Karosserie zu verlieren. In jedem Dorf steigen die beiden aus dem Automobil, suchen einen Amboss und machen sich, nachdem sie ihre Mäntel ausgezogen haben, daran, die Ersatzteile zu schmieden. Von Zeit zu Zeit gießen sie Wasser in das Spiralrohr und fahren eilig weiter.

Dann kommt die Phase der Unfälle, die gleich reihenweise aufeinander folgen. Auf halber Höhe eines steil abfallenden Weges bricht der Hebel, von dem das einzige Leitrad gesteuert wird, plötzlich an der Stelle ab, wo er mit dem Fahrgestell verbunden ist. Die Bremsen werden gezogen, doch der Wagen fährt ungerührt weiter … „Wegen einer solchen Kleinigkeit geben wir nicht auf“, sagt Serpollet. „Wir halten bei einem Eisenschmied, der uns eine riesige, unzerstörbare Stange zur Verfügung stellt. Weiter geht’s schneller als vorher. Die Stange hält. Plötzlich werden wir nach vorne geschleudert, als der Wagen abrupt anhält. Was ist jetzt passiert?“ Eine Felge, die direkt vor dem Wagen rasch davonrollt, lässt darauf schließen, dass das zum Lenken dienende Rad sie soeben im Stich gelassen hat, um eigene Wege zu gehen. Sie fahren unbeeindruckt weiter. Jetzt ist die kleine Klappe des Heizofens an der Reihe, sich selbstständig zu machen, dann ein Zylinder, der lose über dem Boden zu baumeln scheint … Nach all den Umbauten und Reparaturen ist Serpollets Gefährt bei der Ankunft hundertfünfzig Kilo schwerer geworden!“

Attilio Brilli, Das rasende Leben, die Anfänge des Reisens mit dem Automobil

* Attilio Brilli ist Italiener und lehrt amerikanische Literatur. Er gilt als einer der größten Kenner der Reiseliteratur. Er hat nicht nur das erwähnte Buch über die Anfänge des Reisens mit dem Automobil geschrieben, mit dem Buch „Als Reisen eine Kunst war“ erinnert er an all die vielen Touristen, die seit dem 16. Jahrhundert in Italien auf die Grand Tour gehen. Beides sehr lesenswert!

Ich glaube an das Pferd

Kategorien: damals und heute
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Woraus besteht eine Stadt

22. März 2009 · 2 Kommentare

Gestern den ganzen Tag auf einer Tagung verbracht, über Klöster im Mittelalter. Viel gehört über das Leben und Wirtschaften in den Klöstern. Es wurde sehr viel zitiert aus Verträgen, Rechnungen, Zinsprotokollen – eher trockene Dinge, die aber das Leben doch anschaulich machen können, wenn es gut aufbereitet ist.

Auf dem Rückweg durch die Stadt kommt mir in einer Gasse ein Gaukler entgegen. Im Klosterhof steht ein Mönch in brauner Mönchskutte und sortiert Holzkreuze. Weitere Mönche kreuzen meinen Weg und mir wird klar, dass es sich um Darsteller einer mittelalterlichen Stadtführung handelt.

Und zuhause lese ich dann folgendes Zitat von Nooteboom, das alles sagt:

„Denn woraus besteht eine Stadt? Aus allem, was in ihr gesagt, geträumt, zerstört, geschehen ist. Aus dem Gebauten, dem Verschwundenen, dem Geträumten, das nie verwirklicht wurde. Aus dem Lebenden und dem Toten. Aus den Holzhäusern, die abgerissen wurden oder verbrannten, den Palästen, die hier hätten stehen können, der Brücke über das IJ, die zwar gezeichnet, aber nie gebaut wurde. Aus den Häusern, die hier noch heute stehen, in denen Generationen ihre Erinnerungen zurückgelassen haben.

Aber sie ist viel mehr als dies. Eine Stadt, das sind alle Worte, die dort je gesprochen wurden, ein unaufhörliches, nie endendes Murmeln, Flüstern, Singen und Schreien, das durch die Jahrhunderte hier ertönte und wieder verwehte. Mag es auch noch so entschwunden sein, es hat doch einmal dazugehört, auch das was sich nie mehr rekonstruieren lässt, ist ein Teil davon, einfach deshalb, weil es einst hier, an diesem Fleck, in einer Winternacht oder an einem Sommermorgen gerufen oder ausgesprochen wurde.  Die Wanderpredigt, das Urteil des Tribunals, der Schrei des Gegeißelten, das Bieten auf einer Versteigerung, die Verordnung, der Anschlag, die Kundgebung, das Pamphlet, die Bekanntgabe eines Todesfalls, das Ausrufen der Zeit, die Worte von Nonnen, Huren, Königen, Regenten, Malern, Schöffen, Henkern, Schiffern, Landsknechten, Schleusenwärtern und Baumeistern, dieses fortwährende Gespräch an den Grachten im lebenden Körper der Stadt, das alles macht sie aus.

Wer will, kann es hören. Es lebt fort in Archiven, Gedichten, in Straßennamen und Sprichwörtern, in Wortschatz und Tonfall der Sprache (…)

Die Stadt ist ein Buch, der Spaziergänger sein Leser. Er kann auf jeder beliebigen Seite beginnen, vor- und zurückgehen in Raum und Zeit. Das Buch hat vielleicht einen Beginn, aber noch lange kein Ende. Seine Wörter – das sind Giebelsteine, Baugruben, Namen, Jahreszahlen, Bilder.“

Cees Nooteboom, Eine Karte so groß wie der Kontinent. Europäische Reisen.

Kategorien: fundstücke · nachdenkliches · stadt
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heute back ich, morgen brau ich…

20. Februar 2009 · Kommentar schreiben

„Heute back ich,
morgen brau ich,
übermorgen hole ich der Königin ihr Kind“

Jeder kennt Rumpelstilzchens Spruch aus dem Märchen. Was ich aber nicht wusste, ist, dass es tatsächlich eine Tradition gab, immer abwechselnd zu backen und zu brauen. Und das mit gutem Grund. Denn zur Herstellung von Bier wurde Hefe benötigt, die Zusammenhänge waren aber noch nicht so ganz klar.  Oft ging das Brauen also daneben (und es wurden Hexen verdächtigt) Aber wenn man abwechselnd buk und braute, lag vom Backen noch Hefe in der Luft, dann kam es zur Spontangärung.

Und wieder was gelernt.

Noch mehr Wissenswertes über das Bierbrauen bei Monumente Online.

Kategorien: fundstücke
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Vergangenheit und Gegenwart

6. November 2008 · Kommentar schreiben

„Überlegen Sie bitte einmal: Lässt sich wirklich zwischen Vergangenheit und Gegenwart trenn? Eben als vergangene ist die Vergangenheit gegenwärtig, das heißt aber: Die Geschichte und der jeweilige geschichtliche Augenblick sind eins. Jedem geschichtlichen Augenblick entspricht eine andere, seine Geschichte; im Fluss befindlich ist Geschichte immer als Ganzes und total. Indem sich das Heute wandelt, wandelt sich nicht nur das Heute, sondern auch das Gestern. Das gestern ist geradenwegs eine Funktion des Heute.“

Albrecht Fabri Entwurf eines möglichen neuen Museums, 1953

Aus einem Flyer über das Museum Kolumba in Köln – eins der eindrücklichsten Museen, die ich je gesehen habe – ein „Dreiklang aus Ort, Architektur und Sammlung“. (schöne Beschreibung bei Kelly)

Kategorien: fundstücke
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Geschichte

25. Oktober 2008 · Kommentar schreiben

„Was den Menschen auszeichnet,

ist nicht, daß er Geschichte hat,

sondern dass er etwas von seiner Geschichte begreift.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

Kategorien: fundstücke
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Wasser auf der Alb

21. Oktober 2008 · 1 Kommentar

Während ich noch die Stadtführung zum Thema Wasser in der Stadt vorbereitete, mir Gedanken machte, wie eine Stadt vom und am Wasser lebte und das Wasser für Ernährung, Entsorgung, Wasserkraft, Transportmöglichkeiten usw. – also für wirtschaftliches Gelingen einer Stadt sorgte, so fiel der Blick auch auf Gebiete, in denen es eben nicht möglich war, vom Wasser zu profitieren.

Wasser auf der Schwäbischen Alb ist vor allem die Geschichte vom fehlenden Wasser. Durch den Jurakalk versickerte das ganze Wasser und so war die Schwäbische Alb in vielen Gebieten ein Wassermangelgebiet. Dies besserte sich erst durch die Einführung der Albwasserversorgung 1870.

Wasser war kostbar. Man sammelte das Niederschlagswasser in so genannten Hülen (mit Lehm abgedichtete Mulden) oder in Zisternen (den Dachbrunnen, in denen das Wasser vom Strohdach gelbbraun gefärbt wurde und dann treffend „Spatzenschisswasser“ genannt wurde)

Hüle in Ochsenwang

Hüle in Ochsenwang

Am Albtrauf wurde das Wasser fassweise von unten hochgekarrt oder getragen, Fass für Fass, ein durch und durch mühsames Geschäft.

„Wurde in einem der wasserarmen Orte ein Kind geboren, so spendete man der Wöchnerin ein Fass mit Wasser – was könnte besser dessen Bedeutung in diesem Raum betonen!“

(Mensch und Wasser in der Geschichte)

Im Buch „Hunger ist der beste Koch“ wird berichtet, dass man auf der Alb gern und viel Suppen aß – vor allem, weil so der schlechte Geschmack des Wassers übertüncht werden konnte.

„For d’Leit tät’s scho no, aber’s Vieh sauft’s halt nemme!

Hüle in Ochsenwang

Hüle in Ochsenwang

Ein Grund mehr, sich wieder klar zu machen, was es fürein Geschenk ist, einfach genügend Wasser aus dem Wasserhahn zu bekommen, wann immer man will, sauberes Wasser, einfach so.

Kategorien: nachdenkliches
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Über die Eisenbahn II

17. September 2008 · Kommentar schreiben

Weitere Schnipsel aus den Führungsrecherchen:

Der Bau von Eisenbahnen war ja von vielen heiß ersehnt, aber auch von einigen gefürchtet worden. Man fürchtete die Ausbreitung revolutionärer Ideen.

Am schönsten illustriert dies folgendes Zitat von König Ernst August von Hannover:

„Ich will keine Eisenbahn in meinem Lande. Ich will nicht, daß jeder Schuster und Schneider so rasch reisen kann wie ich.“

Aber auch Angst vor der Technik gab es schon. So prophezeite der Bamberger Philipp Wirth ein Schrumpfen der Erdkugel auf 300 Meilen, ob der unvorstellbaren Geschwindigkeit.

Die oft zitierte Eisenbahnkrankheit scheint tatsächlich eine Legende zu sein. Oder auch eine schon damals gut erfundene Geschichte, sozusagen frühe Lobbyarbeit.

Über die Eisenbahn I

Kategorien: fundstücke
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Esslingen

17. September 2008 · Kommentar schreiben

„Esslingen ist ein begehbares Bilderbuch der Geschichte.“ meinte am Tag des offenen Denkmals Gottfried Kiesow, der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Da kann ich nur zustimmen.

(Das ist übrigens der mit den schönen Büchern: „Kulturgeschichte sehen lernen“, die ich schon mal empfohlen habe.

Kategorien: alltägliches
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Die Kunst des Wohnens

9. April 2008 · Kommentar schreiben

Der Traum eines jeden Architekten: Der Bauherr, der sagt: „Bringen sie mir Kunst, die Kunst in meine vier Pfähle. Kostenpunkt Nebensache.“

Aber ist das auch der Traum des Bauherren?

Zuerst geht es noch ganz einfach:

„Hui, hast du nicht gesehen, war die Kunst eingefangen, eingeschachtelt, wohlverwahrt in den vier Pfählen des reichen Mannes.“

„Der reiche Mann war überglücklich. Überglücklich ging er durch die neuen Räume. Wo er hinsah, war Kunst, Kunst in allem und jedem. Er griff in Kunst, wenn er eine Klinke ergriff, er setzte sich auf Kunst, wenn er sich in einem Sessel niederließ, er vergrub sein Haupt in Kunst, wenn er es ermüdet in die Kissen vergrub, sein Fuß versank in Kunst, wenn er über die Teppiche schritt.“

Doch muss man mit soviel Kunst umgehen können. Wohnen ist eine Aufgabe:

Einen großen Teil seiner Zeit widmete er von nun an dem Studium seiner Wohnung. Denn das muss gelernt sein; das sah er wohl bald. Da gab es gar viel zu merken. Jedes Gerät hatte einen bestimmten Platz. Der Architekt hatte es gut mit ihm gemeint. An alles hatte er schon vorher gedacht. Für das kleinste Schächtelchen gab es einen bestimmten Platz, der gerade dafür gemacht war. Bequem war die Wohnung, aber den Kopf strengte sie sehr an. Der Architekt überwachte daher in den ersten Wochen das Wohnen, damit sich kein Fehler einschleiche. Der reiche Mann gab sich alle Mühe.

Und das mit dem Wohnen ist gar nicht so einfach – bis ihm dann der Architekt auch noch verbietet, sich von seinem Enkel etwas schenken zu lassen:

Dann brach er los: „Wie kommen Sie dazu, sich etwas schenken zu lassen! Habe ich Ihnen nicht alles gezeichnet? Habe ich nicht auf alles Rücksicht genommen? Sie brauchen nichts mehr. Sie sind komplett!“

Und das Ende vom Lied?

„Da vollzog sich in dem reichen Manne eine Wandlung. Der Glückliche fühlte sich plötzlich tief, tief unglücklich. Er sah sein zukünftiges Leben. Niemand durfte ihm Freude bereiten. Wunschlos musste er an den Verkaufsläden dieser Stadt vorübergehen. Für ihn wurde nichts mehr erzeugt. Keiner seiner Lieben durfte ihm sein Bild schenken, für ihn gab es keine Maler mehr, keine Künstler, keine Handwerker. Er war ausgeschaltet aus dem künftigen Leben und Streben, Werden und Wünschen. Er fühlte: Jetzt heißt es lernen, mit seinem eigenen Leichnam herumzugehen. Jawohl! Er ist fertig! Er ist komplett!“

(Adolf Loos, von einem armen, reichen Manne)

Selber die ganze Geschichte lesen

Und die Moral von der Geschicht? Kunst ist nicht alles aber ohne Kunst ist’s auch nix. Und die Kunst, den Bauherren ernst zu nehmen, den müssen wir Architekten wohl noch lernen…

Kategorien: fundstücke
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