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Die Kunst des Wohnens

9. April 2008 · Keine Kommentare

Der Traum eines jeden Architekten: Der Bauherr, der sagt: „Bringen sie mir Kunst, die Kunst in meine vier Pfähle. Kostenpunkt Nebensache.“

Aber ist das auch der Traum des Bauherren?

Zuerst geht es noch ganz einfach:

“Hui, hast du nicht gesehen, war die Kunst eingefangen, eingeschachtelt, wohlverwahrt in den vier Pfählen des reichen Mannes.”

“Der reiche Mann war überglücklich. Überglücklich ging er durch die neuen Räume. Wo er hinsah, war Kunst, Kunst in allem und jedem. Er griff in Kunst, wenn er eine Klinke ergriff, er setzte sich auf Kunst, wenn er sich in einem Sessel niederließ, er vergrub sein Haupt in Kunst, wenn er es ermüdet in die Kissen vergrub, sein Fuß versank in Kunst, wenn er über die Teppiche schritt.”

Doch muss man mit soviel Kunst umgehen können. Wohnen ist eine Aufgabe:

Einen großen Teil seiner Zeit widmete er von nun an dem Studium seiner Wohnung. Denn das muss gelernt sein; das sah er wohl bald. Da gab es gar viel zu merken. Jedes Gerät hatte einen bestimmten Platz. Der Architekt hatte es gut mit ihm gemeint. An alles hatte er schon vorher gedacht. Für das kleinste Schächtelchen gab es einen bestimmten Platz, der gerade dafür gemacht war. Bequem war die Wohnung, aber den Kopf strengte sie sehr an. Der Architekt überwachte daher in den ersten Wochen das Wohnen, damit sich kein Fehler einschleiche. Der reiche Mann gab sich alle Mühe.

Und das mit dem Wohnen ist gar nicht so einfach – bis ihm dann der Architekt auch noch verbietet, sich von seinem Enkel etwas schenken zu lassen:

Dann brach er los: „Wie kommen Sie dazu, sich etwas schenken zu lassen! Habe ich Ihnen nicht alles gezeichnet? Habe ich nicht auf alles Rücksicht genommen? Sie brauchen nichts mehr. Sie sind komplett!“

Und das Ende vom Lied?

“Da vollzog sich in dem reichen Manne eine Wandlung. Der Glückliche fühlte sich plötzlich tief, tief unglücklich. Er sah sein zukünftiges Leben. Niemand durfte ihm Freude bereiten. Wunschlos musste er an den Verkaufsläden dieser Stadt vorübergehen. Für ihn wurde nichts mehr erzeugt. Keiner seiner Lieben durfte ihm sein Bild schenken, für ihn gab es keine Maler mehr, keine Künstler, keine Handwerker. Er war ausgeschaltet aus dem künftigen Leben und Streben, Werden und Wünschen. Er fühlte: Jetzt heißt es lernen, mit seinem eigenen Leichnam herumzugehen. Jawohl! Er ist fertig! Er ist komplett!”

(Adolf Loos, von einem armen, reichen Manne)

Selber die ganze Geschichte lesen

Und die Moral von der Geschicht? Kunst ist nicht alles aber ohne Kunst ist’s auch nix. Und die Kunst, den Bauherren ernst zu nehmen, den müssen wir Architekten wohl noch lernen…

Kategorien: fundstücke
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